Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wissen Die Raumfahrt ist jeden Euro wert
Nachrichten Wissen Die Raumfahrt ist jeden Euro wert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:47 08.06.2018
Gute Werbung für die Raumfahrt: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst vor dem Start zur Raumstation ISS. Quelle: AP
Anzeige
Hannover

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst verbringt die kommenden sechs Monate in der teuersten Wohngemeinschaft zumindest des Sonnensystems: Gut 130 Milliarden Euro hat die Raumstation ISS bisher gekostet, jährlich kommen mehr als 2 Milliarden Euro für die Betriebskosten hinzu. Ein gigantisch teures Projekt. Zu teuer, sagen Kritiker, der wissenschaftliche Nutzen rechtfertige den Aufwand nicht. Zu gefährlich, monieren andere: Warum schickt man Menschen in eine extrem lebensfeindliche Umgebung, wenn Roboter den Job genauso gut machen könnten? Die Kritik ist berechtigt.

Tatsächlich ist die Entwicklung der Robotertechnik längst so weit fortgeschritten, dass zahllose Experimente auch voll mechanisch durchgeführt werden könnten. Unbemannte Satelliten haben die Venus, den Mars und viele andere Himmelskörper, selbst Kometen, bereits erkundet. Ferngesteuert haben sie Fotos gemacht, Bodenproben analysiert, zahllose Vermessungen durchgeführt und nach Spuren von außerirdischem Leben gesucht. Es waren großartige Expeditionen. Sie führten in Regionen, die für Menschen auf lange Sicht unerreichbar sind. Selbst eine Reise zum Mars, die US-Präsident Donald Trump als Ziel propagiert hat, ist beim heutigen Stand der Technik keinem Menschen zumutbar.

Roboter können keine Probleme lösen

Und gerade deshalb ist die bemannte Raumfahrt wichtig. Alexander Gerst führt in den nächsten Monaten viele Experimente durch, die zeigen sollen, wie Menschen im All überleben können. Es geht um technische Mittel, die lange Reisen im Weltraum erleichtern können. Und um die Frage, ob der Mensch den psychischen Belastungen gewachsen ist: Monatelang auf engstem Raum zu leben – das hat schon einigen Astronauten schwer zu schaffen gemacht. Diese Experimente kann natürlich kein Roboter durchführen. So wie ein Roboter auch nicht in der Lage ist, kurzfristig auftretende Probleme zu lösen: Eine klemmende Schraube kann einen Millionen Dollar teuren Versuchsaufbau ruinieren, wenn kein Astronaut mit dem Schraubenzieher in der Nähe ist.

Bleibt die Grundsatzfrage, ob wir überhaupt Menschen im Weltraum brauchen. Es gibt Experimente, die nur in der Schwerelosigkeit optimal durchgeführt werden können, also weitgehend frei vom störenden Einfluss der Erdanziehungskraft. Aber der wissenschaftliche Nutzen ist nicht immer absehbar, jedenfalls rechtfertigt er auf Anhieb nicht die gewaltigen Kosten. Auch der berühmte Akkuschrauber, den die Nasa für Astronauten entwickeln ließ, wäre vermutlich auch ohne Raumfahrt früher oder später erfunden worden – so wie viele andere Innovationen, die wir der Eroberung des Alls verdanken. Für die bahnbrechenden Fortschritte bei Telekommunikation, Navigation und sogar Wettervorhersagen braucht man Satelliten im Orbit, keine Menschen.

Raumfahrt ist ein Teil unserer Kultur

Werden also zig Milliarden Euro im Weltraum verpulvert? Das kommt auf die Betrachtungsweise an. Muss die Raumfahrt jeden Euro verdienen, den sie kostet? Geht es nur um Kosten und Nutzen? Oder ist die Erforschung immer neuer Regionen nicht auch Teil der menschlichen DNA? Sobald es die technischen Möglichkeiten gab, hat der Mensch seine Grenzen erweitert: Mit Wagen, Schiffen, Flugzeugen und Raumfahrzeugen. Der Aufbruch ins All, Wissenschaft und Forschung, sind Teil unserer Kultur – die Geld kosten wie Konzertsäle, Bibliotheken und Museen. Wir sollten uns die Raumfahrt auch deshalb leisten, weil wir es können und wollen.

Natürlich könnte man mit dem vielen Geld auch Probleme auf der Erde lösen. Aber das ist ein Totschlagsargument. Leider wird ja auch nicht weniger Geld für die Rüstung ausgegeben, um den Hunger in der Welt zu lindern. Und niemand schließt eine Oper, um mehr Geld gegen Obdachlosigkeit auszugeben. Die ISS leistet als internationales Projekt immerhin einen Beitrag zur Völkerverständigung, sie zeigt im All, wie das Leben auf der Erde sein sollte: Frei von Vorurteilen, vereint durch das Ziel, die Menschheit gemeinsam voranzubringen.

Gerst ist die beste Werbung

Wie sehr die Raumfahrt aber auch Teil der Populärkultur geworden ist, zeigt übrigens nicht zuletzt Alexander Gerst. „Unser Mann im All“, wie er nicht ohne nationalen Stolz genannt wird, ist ein Phänomen. Er nutzt ständig soziale Medien wie Twitter und Facebook, um uns den Weltraum näher zu bringen, nie zuvor war ein deutscher Astronaut medial so präsent. Gerst ist die beste Werbung für interplanetare Expeditionen, die die Raumfahrtorganisationen Esa und DLR sich wünschen konnten. Aber sie ist eben auch notwendig: Wer so viel Geld braucht, muss sich für die Ausgaben rechtfertigen – und sollte die Öffentlichkeit begeistern. Ein Museum, das niemand mehr besuchen will, wird auch geschlossen.

Von Udo Harms/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Städte, Länder, Flüsse: Deutschlands bester Erdkunde-Schüler wurde am Freitag ermittelt – hätten auch Sie das Zeug zum Geographie-Champion?

08.06.2018
Wissen Kommunikation durch Lautsignale - Männliche Delfine kennen sich beim Namen

Freundschaften pflegen und Namen behalten – all das können männliche Große Tümmler. Australische Forscher haben in 30 Jahren Delfinforschung aber noch mehr über die Kommunikation der Meeressäugetiere herausgefunden.

08.06.2018

Je früher man von einer HIV-Infektion erfährt, desto besser. Das Gesundheitsministerium plant, ab Herbst Selbsttests zuzulassen. Das könnte für Menschen die Hemmschwelle senken, sich testen zu lassen.

08.06.2018
Anzeige