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17:17 24.05.2018
Die Qual der Wahl: Steht einem die Welt offen, ist es mitunter gar nicht so leicht, sich für ein Event zu entscheiden. Das kann ganz schön in Stress ausarten. Quelle: Patan
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Hannover

Es ist ein bisschen wie beim Kaninchen in „Alice im Wunderland“. Dieses arme Tier hat ständig Panik, zu spät zu kommen, und ist getrieben von der Vorstellung, etwas zu versäumen. Menschen, die unter Fomo leiden, empfinden ähnlichen Stress. Fomo steht für „fear of missing out“ – die ständige Angst, etwas zu verpassen. Die Uhr des Kaninchens als treibende Kraft lässt sich in unserer Welt durch ein Smartphone ersetzen, die Einladung des Hutmachers hätte heutzutage deutliche Konkurrenz durch zig weitere Angebote, blitzschnell zugestellt dank Social Media.

Fomo ist ein altes und sehr menschliches Gefühl. Die Angst, nicht dabei sein zu können, gab es vermutlich schon unter den Neandertalern. Doch die moderne Komponente digitaler Technik hat das Angstgefühl verstärkt.

Mit den fabelhaften Angeboten muss man umgehen können

Die Abkürzung Fomo ist so präsent, dass sie ins englische Oxford Dictionary aufgenommen wurde. Grundsätzlich hat wohl jeder schon mal unter Fomo gelitten. Wer kennt nicht die Panik aus Teenagerzeiten, dass Mama die Feier am Wochenende verbietet? Und dann verpasst man am Ende das Fest aller Feste mit den angesagtesten Klassenkameraden und dem coolsten DJ. Für einen Jugendlichen der schlimmste Albtraum. Was sich aber heute potenziert hat – und davon sind nicht nur Jugendliche betroffen – sind das Angebotsvolumen und die ständigen Reize, denen wir ausgesetzt sind. Mit Facebook, Twitter, Whatsapp und Liveblogs werden wir 24 Stunden am Tag bestens darüber informiert, was der Kosmos für uns bereithält. Wir können unzähligen Communitys beitreten, die uns interessieren. Wir können Menschen folgen, die uns inspirieren, und wir erfahren alles über bevorstehende Veranstaltungen, die uns gefallen könnten. Ein fabelhaftes Angebot! Man muss nur damit umgehen können.

Felix hat die Dosierung nicht im Griff. Zumindest, wenn man seine Freundin Inge fragt. Immer wenn es auffällig still in der Wohnung ist, dann kann Inge zielstrebig hinter der Wohnzimmertür Ausschau nach ihm halten. Mit 99-prozentiger Gewissheit steht er da versteckt mit seinem Smartphone in der Hand und checkt mal kurz, was die Freunde und der Rest der Welt so treiben. Und wenn Inge ihren Freund nicht stört, dann macht Felix das schier endlos.

Eine reizarme Umgebung kann nicht jeder aushalten

„Man hat heute Zugang zu allen Informationen innerhalb von Sekunden. Das tut der Psyche nicht gut“, sagt Martin Krengel, Experte für Zeitmanagement und mehrfacher Bestsellerautor. „Man ist ständig Informationen ausgesetzt. Und das Gefährliche ist, dass ich mir meine Umgebung genauso schaffen kann, dass ich ständig Informationen bekomme, die mich auch noch interessieren.“

Befindet man sich auch nur einen Bruchteil seiner Zeit im Nichtstun, greifen viele schon zum Smartphone und lesen die jüngsten Infos, die da eingegangen sind. Auf der einen Seite effektiv, weil man in Wartepausen – etwa an der Bushaltestelle oder auf der Fahrt zur Arbeit – noch Dinge erledigen oder lesen kann. Auf der anderen Seite schwierig, weil durch das Angebot auch eine Abhängigkeit entwickelt wird.

Für den Psychologen Ulrich Schmitz hat die andauernde Beschäftigung mit Smartphones einen suchtartigen Charakter: „Und in dem Wörtchen Sucht steckt auch immer das Wörtchen Suche mit drin. In unserer Kultur ist es immer weniger gefragt, in einer reizarmen Umgebung zu sein und diese auszuhalten.“ Unfähig, den Moment zu genießen, ist man in permanenter Lauer auf weitere Zerstreuung. Und auf diesem Nährboden gedeiht die Angst, etwas zu verpassen, besonders gut.

Junge, verunsicherte Menschen sind besonders Fomo-anfällig

Wie Fomo-anfällig wir sind, hängt für den Zeitmanagement-Experten Krengel stark mit Alter und Lebensphase zusammen. „Fomo beginnt, wenn ein junger Mensch erwachsen wird, selbstständig wird – und sich von seinen vertrauten Eckpfeilern wie Clique, Familie, Heimatstadt löst. Dann steht ihm die ganze Welt offen, und das verunsichert, weil er so viele eigene Entscheidungen treffen muss. Ab 30 schränken sich die Optionen wieder ein. Man hat vielleicht einen Lebenspartner, einen festen Job, einen Wohnsitz. Und dadurch wird es ruhiger.“ Psychologe Schmitz macht die Anfälligkeit für Fomo nur bedingt am Alter fest: „Es ist eine Frage von inneren Wünschen und Sehnsüchten. Ich würde schon sagen, dass aufgrund des verstärkten Dranges, die Welt zu erobern, es in den jüngeren Jahrgängen verstärkt ausgeprägt ist. Aber es ist auch immer da bei Menschen, egal welcher Altersgruppe, die unzufrieden sind mit ihrer Lebenssituation. Diese finden dann keine Ruhe in sich selbst.“

Die Angst, etwas zu verpassen, ist für den Psychologen eher eine Rechtfertigung, nicht mit sich allein bleiben zu müssen: eine Umverlagerung des Problems. Fomo sei in Menge, in Qualität und in der Form der gezielten Reizüberflutung aus dieser inneren Unruhe heraus geboren. Man schafft eine hohe Reizdichte, um dauernd mit etwas beschäftigt zu sein – weil man in einer reizlosen Atmosphäre eben nichts mit sich anfangen kann. Ulrich Schmitz sieht das Problem von daher nicht in den Möglichkeiten, die Social Media schaffen, sondern in erster Linie bei dem grundsätzlichen Bedürfnis, sich solch einen Reizteppich zu schaffen. Dadurch entsteht ein Kreislauf aus Unruhe, Angst vor dem Verpassen und Informationsüberflutung. Es entsteht ein Zustand aus ständiger Erwartungshaltung und Stress.

Wie ausgeprägt sind persönlicher Leidensdruck und Stresslevel?

Für Martin Krengel ist Meditation eine Möglichkeit, ein Gegengewicht zu erzeugen: aus der Zerstreuung in die Fokussierung. Fomo hat für ihn aber auch positive Aspekte. Denn aus Angst, etwas zu verpassen, sei man auch inspiriert, mehr im Leben erleben zu wollen. Sozusagen die Angst als Motivator, sich voll ins Leben zu stürzen – egal, wohin die Reise geht.

Für Psychologe Schmitz ist entscheidend, wie ausgeprägt persönlicher Leidensdruck und Stresslevel tatsächlich sind: „Wichtig ist, das Getriebensein bewusst wahrzunehmen und anzuerkennen. Und dann muss man sich ehrlich vor Augen führen, welchen Verlauf das Ganze nimmt, mit dem Ziel, sich Stück für Stück wieder Auszeiten zurückzuerobern.“

Von Andrea Mayer-Halm/RND

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