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13:11 23.02.2018
Wie ein Rucksack auf dem Rücken: Wer ein Geheimnis verbirgt, leidet psychisch und physisch. Quelle: Pixabay
Hannover

Familientreffen können ein regelrechtes Pulverfass sein: Ein Blick, eine Andeutung, ein Nebensatz – es bedarf nur eines Funkens, um die Stimmung explodieren zu lassen. Viele Menschen verfahren deshalb nach dem Motto: Nicht daran rühren, sonst kracht es. Familien haben häufig gut gehütete Geheimnisse. Die Alkoholsucht des Onkels. Der Seitensprung der Ehefrau. Es sind Tabuthemen, über die man lieber nicht spricht.

Dabei wäre Offenheit in vielen Fällen die richtige Strategie, wie eine amerikanische Forschergruppe um den Psychologen Michael Slepian bereits vor drei Jahren im Journal of Experimental Psychology nachwies. Sie fanden heraus, dass die Geheimhaltung nicht nur psychische Folgen hat, sondern körperlich belastet. Dazu wagten sie sich an einen etwas ungewöhnlichen Versuchsaufbau.

Geheimhaltung wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus

Für ein Experiment forderten sie 40 Probanden auf, sich an ein wichtiges persönliches Geheimnis zu erinnern. Die Versuchsteilnehmer sollten aufschreiben, was dieses für sie bedeutet, und warfen die Zettel in eine bereitgestellte Schachtel. Anschließend gaben die Wissenschaftler vor, ein zweites Experiment durchzuführen. Tatsächlich handelte es sich um dasselbe. Die Studenten sollten einschätzen, wie robust ein Tisch ist, wie weit eine Distanz und wie steil ein vorausliegender Hügel. Dabei interessierte die Forscher vor allem die Frage mit dem Hügel. Wie steil würden die Versuchsteilnehmer mit großen Geheimnissen das Hindernis einschätzen? Das Resultat: Probanden mit großen Geheimnissen – die Themen wie ihre sexuelle Orientierung oder einen Seitensprung betrafen – schätzten den Hügel steiler ein als jene, die zuvor erklärt hatten, nur ein kleines Geheimnis zu haben.

Geheimniskrämerei kann sich auf das körperliche Wohlbefinden auswirken

Auch wenn das Experiment etwas abenteuerlich klingt und die Zahl der Probanden gering war, haben andere Forscher seither bestätigt, dass sich Geheimhaltung auf das körperliche Wohlbefinden auswirkt: Große Geheimnisse werden nicht nur als psychische, sondern auch als physische Last empfunden – wie ein Rucksack auf dem Rücken. In drei weiteren Studien stellte sich heraus, dass Geheimnisträger auch Distanzen als größer und körperliche Aufgaben als mühsamer beurteilten. Zudem waren Träger von großen Geheimnissen weniger bereit, anderen zu helfen, wenn es beispielsweise darum ging, Umzugskartons zu schleppen.

In diesem Jahr hat Slepian das ursprüngliche Experiment mit 100 neuen Versuchsteilnehmern wiederholt. Mit ähnlichem Resultat, doch bestätigte sich die Gleichung großes Geheimnis, steiler Hügel – kleines Geheimnis, weniger Steigung nicht mit der Genauigkeit, die Slepian erhofft hatte.

Geheimnisse verzerren unsere Wahrnehmung

Slepian änderte seinen Versuchsaufbau: Die Teilnehmer sollten zusätzlich Fragen beantworten: Wie oft denkst du über dein Geheimnis wie Untreue nach? Wie stark berührt es dich? Bereitet es dir große Sorgen? Das Ergebnis dieser verfeinerten Studie war eindeutig: Geheimnisse, die ihren Träger umtrieben, beanspruchten und aufregten, beeinflussten die Wahrnehmung des Geheimnisträgers signifikant. Probanden, die beschrieben, dass sie ein Geheimnis gedanklich stark beschäftigte, schätzten die symbolischen Hügel als steiler ein, nahmen ihre Umwelt als fordernder und anstrengender wahr.

Geheimhaltung belastet, lenkt ab, verzerrt unsere Wahrnehmung. Doch was bedeutet dies im Umkehrschluss? Sollte jedes Geheimnis aus Gründen der Entlastung offengelegt werden? Immerhin ist auch das Enthüllen von Geheimnissen mit erheblichen sozialen Folgen verbunden. Rückt man mit der Wahrheit heraus, steht nicht selten die Partnerschaft auf dem Spiel. Muss man Seitensprünge beichten? „Entscheidender ist, was ich in der Nebenbeziehung suche und in der Partnerschaft vermisse“, sagt Peter Kaiser.

Muss man jeden Seitensprung beichten?

Der Familienpsychologe behandelt in seiner Praxis häufig Menschen, die Nebenbeziehungen führen. Nicht selten entstehen daraus Kinder. „Es gibt rund 40.000 Kuckuckskinder in Deutschland“, schätzt Kaiser. Affären und Seitensprünge kämen häufig vor. Um zu entscheiden, ob man seinem Partner einen Seitensprung beichtet – also das Geheimnis lüftet –, müsse man sich zunächst fragen, wie viel Wahrheit die Beziehung vertrage. Dabei helfen Eifersuchtsregeln. Das Paar sollte schon vorher klären, was in der Beziehung erlaubt ist und was nicht. Was also exklusiv mit dem Partner geteilt wird und was mit anderen Menschen.

Wenn diese Fragen geklärt seien, ergebe sich zumindest mal ein Bild davon, was der Partner erfahren wolle. Das sei das erste Kriterium. Daneben gebe es auch noch die Frage, was man selbst wolle. Wird man das, was man vermisst, jemals beim Partner finden? Ist man bereit, Probleme in der Ehe anzusprechen? Oder will man Konflikte vermeiden und lässt die Affäre weiterlaufen? „Es gibt im Leben erwachsener Menschen immer wieder Phasen, in denen man Unklarheit aushalten muss. Manchmal dauert es, bis man weiß, was man will“, sagt Kaiser. In dieser Zeit entstünden Geheimnisse.

Geheimhaltung besitzt eine zerstörerische Kraft

Belastend wird es, wenn Kinder unfreiwillig zu Mitwissern von Erwachsenengeheimnissen werden. Hier entfaltet Geheimhaltung seine ganze zerstörerische Kraft. Günter Reich, Leiter der Ambulanz für Familientherapie in der Klinik für Psychotherapie in Göttingen, erzählt von dem Fall einer Patientin M., die 14 Jahre alt war, als ihre Mutter mit ihr in eine große deutsche Stadt fuhr, um eine Tante zu besuchen. Zumindest war das der vorgeschobene Grund. Der eigentliche Anlass für die Reise war ein Treffen mit dem Geliebten der Mutter. Die Tochter begriff, dass dieses Geheimnis ihren Vater verletzen würde, und reagierte alarmiert. Diese Lüge hatte fatale Folgen für das Kind. „Sie war von ihrer Mutter in ein Bündnis gezogen worden, das sie nicht wollte. Plötzlich musste sie deren Lügen mittragen“, sagt Reich. „Die Patientin kam zu uns in Behandlung, weil sie stark verunsichert war und nicht mehr zwischen ihrem persönlichen Erleben und der Realität unterscheiden konnte. Die Wirklichkeit, die die Mutter entwarf, um den Vater zu täuschen, entsprach nicht der Wirklichkeit des Kindes. Diese Diskrepanz glich die Tochter aus, indem sie ihre eigene Wahrnehmung anzweifelte und nicht die der Mutter. Sie wollte deren Liebe und Zuneigung nicht verlieren. Gleichzeitig fühlte sie sich schuldig dem Vater gegenüber.“

Viele Familien erfinden Ersatzrealitäten

Ähnlich geht es häufig Opfern von sexuellem Missbrauch. Derart düstere Familiengeheimnisse behalten die Opfer aus Scham lange für sich. Nicht selten deckt die Mutter den Missbrauch durch den Ehemann. Die Eltern werden zu Komplizen. Für die Opfer macht es das schwerer, dieses Geheimnis zu lüften. Angehörige verzerren, beschönigen und leugnen die Realität. Manchmal erfinden Familien regelrechte Ersatzrealitäten. Nach Jahren des Missbrauchs stellen die Opfer ihre eigene Wahrnehmung infrage. Das Geheimnis mit anderen Menschen zu teilen, wird fast unmöglich, weil das Vertrauen zu anderen Menschen tief gestört ist. „Diese Menschen brauchen ganz viel Zeit, bis sie sich öffnen“, sagt Reich. Auch wenn der Therapeut sexuellen Missbrauch vermutet, überlässt er es den Betroffenen, darüber zu reden. „Den Zeitpunkt bestimmt der Patient. Gerade, wenn es sich um ein traumatisches Ereignis handelt, ist es wichtig, dass das Geheimnis in einem Tempo enthüllt wird, das der Patient verkraften kann.“

Traumatisch können auch Suizide oder Suizidversuche wirken. Familiengeheimnisse dieser Art werden häufig verschwiegen. Zu schmerzhaft ist es für die Angehörigen, darüber zu sprechen. Kinder bemerken das und wollen wissen, ob sie beunruhigt sein müssen. Viele Eltern weichen dann aus oder geben widersprüchliche Antworten, weil sie selbst nicht damit umgehen können. Vor allem Kinder in einem Alter, in dem sie emotional noch sehr eng an die Eltern gebunden sind, stürzt Wagenburgverhalten in große Unsicherheit. Auch in den eigenen Beziehungen kann sich das fortsetzen.

Geheimnisse üben eine große Faszination aus

Doch sind Geheimnisse immer schlecht? Bei all diesen dunklen Seiten des Verschweigens bieten sie Menschen auch Schutz. So ermöglichen Geheimnisse Jugendlichen, die Eltern von bestimmten Erfahrungen auszuschließen. Tagebücher, Schlüssel an Schränken und Schubladen – viele Dinge spielen sich in diesem Alter im Verborgenen ab. Vom zwölften Lebensjahr an beginnen Jugendliche zwischen öffentlich und privat zu unterscheiden. Diese Erkenntnis ist wichtig für ihre Autonomie. Sie lernen, dass sie nicht verpflichtet sind, alles zu teilen. Diesem Wunsch nach Verborgenem steht die Öffentlichkeit im Netz gegenüber. Auf Facebook, Twitter und Instagram teilen Menschen persönliche Erlebnisse mit sehr vielen Menschen. Wie wirkt sich das auf unser Privatleben aus? „Ganz einfach, was wir zeigen, wird zum Fake. Die verletzlichen Seiten werden einfach nicht gezeigt“, sagt Günter Reich. Zu sehen bekommt man stattdessen eine Auswahl dessen, was allgemein wahrgenommen werden soll.

Von Nadine Zeller/RND

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