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16:17 17.10.2016
In Deutschland kamen 2015 so viele Babys zur Welt wie seit 30 Jahren nicht mehr. Quelle: dpa
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Wiesbaden

Zum ersten Mal seit 30 Jahren ist im vergangenen Jahr in Deutschland die sogenannte Geburtenziffer wieder auf den Wert von 1,5 je Frau gestiegen. „Wir haben eine Trendwende bei den Geburtenzahlen“, sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.

In 13 Bundesländern gab es mehr Geburten pro Frau als 2014. In Berlin blieb die Rate unverändert, in Brandenburg und Niedersachsen ging sie geringfügig zurück. Spitzenreiter war erneut Sachsen mit 1,59 Kindern pro Frau, Schlusslicht das Saarland (1,38).

Kann das Schrumpfen der Bevölkerung aufgehalten werden?

Allerdings: Selbst die durchschnittlich 1,50 Kinder pro Frau, die laut Statistischem Bundesamt 2015 erreicht wurden, reichen nicht, um das Schrumpfen der Bevölkerung aufzuhalten. Dafür wären rechnerisch 2,1 Kinder notwendig.

Damit Paare mehr Kinder bekommen, muss nach Einschätzung von Fachleuten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch besser werden. Aber nicht nur die. Bujard hält einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel für notwendig. Denn: „Im Vergleich zu Frankreich, Schweden oder den USA fehlt uns oft das dritte Kind“, sagt der Forschungsdirektor. „In Deutschland ist die Zwei-Kind-Norm dominierend.“

Einen Grund für den Anstieg der Geburtenrate sieht der Wissenschaftler in der Familienpolitik. Aber: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss stetig verbessert werden und in die Qualität der Kinderbetreuung investiert werden.“

Ausländerinnen bekommen im Durchschnitt 1,95 Kinder

Die Kinderzahl der Ausländerinnen (von 1,86 auf 1,95 pro Frau) habe 2015 wesentlich zum Anstieg der Geburtenrate in Deutschland beigetragen, stellen die Statistiker fest. Die deutschen Frauen kamen dagegen nur auf durchschnittlich 1,43 Kinder - nach 1,42 im Jahr zuvor.

Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock plädiert neben der Familienpolitik für „eine Willkommenskultur für Kinder“. „Viele Menschen in Deutschland würden gerne zwei Kinder bekommen. Insofern scheint eine Lücke zwischen der angestrebten und der erreichten Zahl zu bestehen.“

Karriere und Wohlstand vor Kinderwunsch

Harald Rost vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg nennt Gründe, warum viele Paare ihren Kinderwunsch hinausschieben: Lange Ausbildungszeiten, eine verlässliche Partnerschaft finden und die Herausforderung der beruflichen Mobilität. Viele wollten im Beruf erst einmal Fuß fassen, eine geeignete Wohnung finden, materiell einigermaßen abgesichert sein und „das Leben ein bisschen genossen haben“ bevor sie Eltern würden.

„Jenseits der 30 klappt es dann bei vielen aber nicht mehr.“ Bei ein oder zwei Kindern ließen sich Beruf und Familie noch einigermaßen vereinbaren, sagt Rost. Bei drei oder vier Kindern sei dies jedoch sehr schwierig und bringe viele an ihre materiellen Grenzen. Dabei sieht Rost nicht nur Fortschritte in der Familienpolitik – Elterngeld und Ausbau der Kinderkrippen – sondern auch eine höhere Akzeptanz bei vielen Unternehmen, die sich um gute Fachkräfte bemühten.

Bewusstseinswandel bei der Kindererziehung

Der Soziologe hat zudem einen Bewusstseinswandel bei den Vätern ausgemacht. Viele wollten sich um ihre Kinder kümmern. „Das wird von den Frauen mittlerweile auch erwartet.“

Dazu komme ein Schneeballeffekt: Wenn Männer etwa sähen, dass andere Männer Elternzeit nähmen, wirke das als Vorbild. Eine andere Motivation: „Ihr eigener Vater hatte nie Zeit für sie. Das wollen sie anders machen.“

Von RND/dpa

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