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19:01 13.05.2018
Seit der Geburt seiner Tochter Yanti sieht Fabian Sixtus Körner die Welt mit anderen Augen. Quelle: Fotos: Fabian Sixtus Körner
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Hamburg

Unterwegs im Sonnenschein mit einem Sonnenschein auf dem Arm – ein unbeschreibliches Gefühl für Fabian Sixtus Körner und seine Frau, nachdem ihr Start ins Familienleben etwas holprig war...

Zur Person

Fabian Sixtus Körner, geboren 1981, ist Designer, Fotograf, Filmemacher und stand zuletzt als Reisereporter bei Pro7 vor und hinter der Kamera. Anfang 2010 begann er, die Welt zu bereisen und für Kost und Logis zu arbeiten. Innerhalb von zwei Jahren besuchte er alle fünf Kontinente. Inzwischen lebt er mit Freundin und Tochter Yanti in Berlin.

In seinem Buch „Mit anderen Augen“ erzählt Fabian Sixtus Körner, was die Intensivstation für Neugeborene und ein Transitraum gemeinsam haben, wie seine Tochter seinen Blick auf die Menschen und die Welt verändert hat und warum das Reisen mit Kind zu den schönsten Erfahrungen zählt, die er jemals gemacht hat.

Wie würdest du deine Tochter Yanti beschreiben?

Meiner Tochter ist ein echter Sonnenschein. Sie kennt keine schlechte Laune. Selbst bei Fieber oder Bauchweh versucht sie immer zu lächeln. Und ihr sitzt der Schalk im Nacken. Oft zieht sie eine Schnute, nur um wenig später in lautes Gelächter über unsere besorgten Gesichter auszubrechen. Diese Fröhlichkeit lässt ihre gesundheitlichen Probleme im Alltag schnell vergessen.

Deine Tochter hat das Downsyndrom. Kannst du dich noch an den Moment der Diagnose erinnern?

Die Schwangerschaft war entspannt, die Vorsorgeuntersuchungen unauffällig. Schwierig war erst ihr Start ins Leben. Kurz nach der Geburt wurde meine Frau wegen Komplikationen operiert, ich blieb mit meiner Tochter im Kreißsaal zurück. Ich betrachtete sie eingehend und hatte das unbestimmte Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Tatsächlich musste Yanti wenig später wegen Atemproblemen auf die Intensivstation. Am Inkubator sagte mir eine Ärztin, dass sie Trisomie 21 als Grund vermutet. Ein Bluttest bestätigte diese Diagnose.

Plötzlich hattet ihr ein Kind mit Behinderung. Wie seid ihr mit dieser Situation umgegangen?

In der ersten Nacht brach für mich eine Welt zusammen. Ich hatte düstere Gedanken. Nachdem der erste Schock verflogen war, konnte ich nach vorn blicken. Wir sind dann schnell zur Routine übergegangen. Meine Frau kümmerte sich rund um die Uhr um unsere Tochter und hat sie so gut es geht gestillt. Ich war eher für die moralische Unterstützung zuständig, versuchte, die erste gemeinsame Zeit so positiv wie möglich zu gestalten und wann immer es ging mit meiner Tochter zu kuscheln.

Wie schnell stellt sich der Familienalltag ein?

Das dauerte etwas. Die ersten drei Wochen brauchte Yanti zusätzlichen Sauerstoff. Zwischenzeitlich bestand der Verdacht, dass sie blind und taub ist und einen Herzfehler hat. Außerdem begannen sehr früh die ersten Therapien, dazu kamen zahlreiche Untersuchungen bei Spezialisten. Zu unserer Erleichterung bestätigten sich die Horrordiagnosen nicht. Meine Tochter ist bis auf eine Sehschwäche ziemlich gesund. Zum Glück konnten wir uns als Freiberufler genug Zeit nehmen, um uns zwischen den Therapien und Arztbesuchen als Familie zu finden.

Ihr wart vor der Geburt Dauerweltreisende. Wann habt ihr das erste Mal an eine Reise mit eurer Tochter gedacht?

Je älter unsere Tochter wurde, desto mehr hat sich der Alltag entspannt. Sie zeigte uns auch mit ihrer fröhlichen Art, dass wir uns keine großen Sorgen machen müssen. Das war die Grundlage, um sich wieder mit dem Reisen zu beschäftigen. Inzwischen waren wir dreimal mit ihr unterwegs – drei Monate in der Karibik, zwei Monate mit dem VW-Bus in Südeuropa und in der Dominikanischen Republik. Wir haben das Gefühl, dass ihr die Reisen guttun, sie unterwegs jedes Mal einen Entwicklungssprung macht.

Hat sich eure Reiseplanung geändert?

Ja, wir planen akribischer. Ein gutes Beispiel dafür war die letzte Reise in die Dominikanische Republik. Das Land ist wie eine zweite Heimat. Meine Frau hat dort viele Jahre für die Vereinten Nationen gearbeitet – entsprechend gut ist unser Netzwerk vor Ort. Trotzdem haben wir vorher viel recherchiert, zum Beispiel zur Qualität der örtlichen Krankenhäuser. Wir haben auch nicht in einem Hostel, sondern in der Wohnung eines Freundes gewohnt. Es war also kein blauäugiges Abenteuer. Aber wir trauen uns und ihr mit jeder Reise mehr zu.

Wie sieht euer Alltag zu Hause in Berlin aus?

Yanti geht hier in die Krippe, das ist der größte Unterschied. Das macht den Alltag sogar manchmal entspannter als auf Reisen. Unterwegs müssen wir Arbeit und Familie ohne Unterstützung unter einen Hut bringen. Den Vereinbarkeitsstress erträgt man in der Sonne allerdings besser als im kalten Berlin. Ansonsten wechseln die Zuständigkeit für Kind und Haushalt regelmäßig. Meine Frau macht zum Beispiel gerade eine Schwangerschaftsvertretung. Ich bin Hausmann, bringe Yanti morgens in die Kita und verbringe die Nachmittage auf dem Spielplatz.

Sind die Sorgen um deine Tochter geblieben?

Ich mache mir nach wie vor viele Sorgen. Das liegt sicher an ihrem schweren Start ins Leben. Die ersten Monate habe ich sehr wenig geschlafen – aus Angst, sie könnte im Schlaf aufhören zu atmen. Bis heute habe ich Probleme, ihr festere Nahrung zu geben. Sie könnte sich ja verschlucken und ersticken. Zum Glück wird es immer besser.

Was hat dich bewegt, das Buch über deine Tochter zu schreiben?

Eigentlich wollte ich ein Buch über Abenteuer vor der Haustür schreiben. Nach der Geburt legte ich eine Schreibpause ein, vor allem weil mir das Thema plötzlich sinnlos erschien. Gemeinsam mit dem Verlag entschied ich mich, über meine Tochter und die neue Perspektive auf die Welt zu schreiben. Das ist hundertmal spannender als jedes Abenteuer vor der Haustür. Bestärkt wurde ich auch von den Erfahrungsberichten von jungen Eltern, die sehr mit der Diagnose Downsyndrom gehadert haben. Meine Geschichte soll frischgebackenen Eltern mit Kindern mit Behinderung ein Stück weit Mut machen. Das Leben ist nicht vorbei, auch wenn man das in der ersten Zeit manchmal denken mag. Das Buch ist aber auch für Menschen, die bisher keinen Kontakt mit dem Thema hatten. Ich will Vorurteile abbauen, die ich vor der Geburt meiner Tochter selbst hatte.

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Fabian Sixtus Körner: „Mit anderen Augen“. Ullstein Verlag. 240 Seiten, 15 Euro, ISBN: 139783864930607 Quelle: Verlag

Von Interview: Birk Grüling/RND

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