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Nachrichten Wissen IgG-Test: Das Geschäft mit der Unverträglichkeit
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17:09 29.11.2018
Internettests auf Nahrungsmittel-Unverträglichkeit werden immer beliebter. Der wissenschaftliche Nachweis fehlt aber. Quelle: Liddy Hansdottir - stock.adobe.c
Hannover

„Haben Sie den Verdacht, dass Ihre Ernährung Ihr Wohlbefinden negativ beeinflusst?“ So oder ähnlich bewerben Anbieter im Internet Selbsttests für Lebensmittel-Unverträglichkeiten. Wer fürchtet, dass ihm zum Beispiel Milch, Gluten oder Eier nicht bekommen, soll sich zu Hause in den Finger piksen und einige Tropfen Blut zur Untersuchung einsenden. Anschließend wird einem eine lange Liste mit Lebensmitteln zugeschickt, die man alle angeblich „nicht verträgt“. Auch Heilpraktiker und selbst manche Ärzte bieten das Verfahren an. Experten sagen: Die Tests sind nutzlos und können im schlimmsten Fall sogar schaden.

Online-Bluttest: „Damit lässt sich gutes Geld verdienen“

Mit den Bluttests auf Unverträglichkeiten wird das Vorkommen bestimmter Antikörper im Blut bestimmt, den Immunglobulinen G (IgG). Sie werden vom Organismus gebildet, wenn er mit körperfremden Stoffen in Kontakt kommt. Finden sich IgG gegen ein bestimmtes Nahrungsmittel im Blut, bedeute das, dass man es nicht verträgt, behaupten die Anbieter der Tests. Das allerdings ist Unsinn, sagt Thilo Jakob, Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Es ist ganz normal, dass wir Antikörper gegen Nahrungsmittel im Blut haben, das heißt einfach nur, dass wir diese zu uns genommen haben. Aber offenbar lässt sich mit solchen Tests gutes Geld verdienen.“

IgG-Test: Wissenschaftlicher Nachweis fehlt

Zu Jakob in die Klinik kommen immer wieder Patienten, die 200 bis 400 Euro dafür ausgegeben haben. „Es fehlt jede wissenschaftliche Evidenz“, sagt Jakob. „Und es werden zum Teil abstruse Ernährungsempfehlungen gegeben, wie zum Beispiel Milch, Protein und Getreide insgesamt wegzulassen: Da bleibt ja nicht mehr viel übrig.“ Diffuse Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Völlegefühl oder Unwohlsein können sich zwar tatsächlich kurzzeitig bessern, wenn man diverse Lebensmittel weglässt: „Es gibt bei den meisten Diäten einen großen Placebo-Effekt“, sagt Jakob.

Das heißt: Wer fest daran glaubt, dass ihm zum Beispiel Weizen nicht bekommt, fühlt sich beim Verzicht darauf erst einmal wohler. Auch kann bei einer riesigen Menge von verbotenen Lebensmitteln durch Zufall eines dabei sein, das einem wirklich nicht bekommt. So wird bei den Tests besonders häufig vom Verzehr von Milch abgeraten und immerhin leiden gut 15 Prozent der Deutschen an einer Laktoseintoleranz. Zusätzlich wird aber meist ein ganzer Berg anderer Lebensmittel unnötig gemieden.

Feststellen einer Unverträglichkeit: Diagnose vom Facharzt

Wie aber lässt sich eine Unverträglichkeit sonst feststellen, wenn nicht mit den IgG-Tests? Es gebe zum einen die Nahrungsmittelallergien, sagt Jakob. Dabei reagiert das Immunsystem zum Teil heftig auf bestimmte Lebensmittel wie etwa Erdbeeren oder Nüsse. Zu den Symptomen gehören Hautausschläge, Atemnot und – im schlimmsten Fall lebensgefährliche – Herz-Kreislauf-Beschwerden. Zum Nachweis ist eine andere Form von Bluttest erforderlich, ein IgE-Antikörpernachweis. Auch für andere bekannte Formen von Unverträglichkeiten wie die Laktoseintoleranz oder die Glutenunverträglichkeit Zöliakie gibt es spezifische Nachweismethoden. Ein Facharzt sollte die Diagnose stellen, in die Laborwerte und Symptome gleichermaßen einfließen. Für andere, nicht allergische Unverträglichkeiten, die sich als allgemeine Verdauungsbeschwerden äußern, gebe es keine vernünftigen Labortests, sagt Jakob.

Zeichen für eine Zöliakie

Bei der Glutenunverträglichkeit Zöliakie denken viele an einen aufgeblähten Bauch oder chronischen Durchfall. Dies sind vor allem bei kleinen Kindern typische Anzeichen der Erkrankung. Bei älteren Kindern können aber auch unspezifische Symptome auf eine Zöliakie hinweisen, erläutert die Stiftung Kindergesundheit. Dazu gehören etwa ständige Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, chronische Kopfschmerzen, Haarausfall oder juckende Hautausschläge. Bemerken Eltern solche Veränderungen, sollten sie ihr Kind vom Facharzt untersuchen lassen. Ein erster einfacher Bluttest zeigt, ob die Immunzellen Antikörper gegen ein bestimmtes körpereigenes Enzym produzieren. Ist das der Fall, sei eine Zöliakie zumindest wahrscheinlich, erklärt die Stiftung. Eine Magenspiegelung oder weitere Bluttests bestätigen die Diagnose.

Zöliakie ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Bei Betroffenen löst das Klebereiweiß Gluten eine Immunreaktion im Dünndarm aus, wodurch die Dünndarmschleimhaut Schaden nimmt.

Verzicht auf Lebensmittel: Mangelernährung droht

Annette Weber ist als selbstständige Ernährungsberaterin in Frankfurt tätig. Auch zu ihr kommen häufig Patienten, die einen IgG-Test gemacht haben. „Sie zeigen mir dann ein Heft mit Ernährungsempfehlungen, oft sind darin mehr als 100 Lebensmittel gestrichen und sie wissen schon nicht mehr, was sie noch essen sollen.“ Dann bestehe leicht die Gefahr einer Mangelernährung. Weber sagt ihren Patienten klar, dass sie nichts von den IgG-Tests hält und diese nicht dem wissenschaftlichen Standard entsprechen. Dann versucht sie, sie wieder an eine normale Ernährung heranzuführen. „Wenn jemand etwas zu sich nimmt, was er laut Liste eigentlich nicht essen soll, passiert meistens gar nichts“, sagt Weber.

Echte Unverträglichkeit durch Verzicht von vielen Lebensmitteln verschleiert

Echte Unverträglichkeiten würden durch die Tests eher verschleiert – denn wer bei Beschwerden ganze Massen von Produkten meidet, wird nie wissen, welches davon ihm tatsächlich nicht bekommt. Sinnvoller sei es, unter Anleitung einzelne Nahrungsmittel nacheinander wegzulassen und die Folgen zu beobachten. Warum aber geben so viele Menschen Geld für einen unnützen Test aus? „Viele fühlen sich mit unklaren Verdauungsbeschwerden von ihrem Arzt nicht ernst genommen. Das Ganze wird oft kleingeredet“, sagt Weber. Solche Patienten seien dann empfänglich für Internetanbieter, Heilpraktiker oder auch für andere Ärzte, die mit den IgG-Tests gutes Geld verdienen. „Ich finde das schlimm, denn der Leidensdruck ist oft groß“, sagt Weber. „Aber durch die Tests und die daran geknüpften unsinnigen Verbote wird er nur noch größer.“

Von Irene Habich/RND

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