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23:47 27.01.2017
Ende 2016 lebten nach derzeitiger Schätzung rund 82,8 Millionen Menschen in Deutschland. Quelle: dpa
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Wiesbaden

In Deutschland leben so viele Menschen wie noch nie. Es sind rund 82,8 Millionen Menschen. Das geht aus einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes für die Bevölkerungszahl Ende 2016 hervor. Grund ist erneut die Zuwanderung, ohne sie wäre die Einwohnerzahl zurückgegangen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag mitteilte.

Mehr Sterbefälle als Geburten

Der bisherige Rekord war 2002 mit 82,5 Millionen Einwohnern erreicht worden. Ende 2015 lebten 82,2 Millionen in Deutschland. Allerdings war die Zuwanderung 2015 deutlich höher gewesen als 2016. Damals kamen rund 1,1 Millionen Menschen mehr nach Deutschland als fortzogen. 2016 beträgt die Differenz aus Zuzügen und Wegzügen voraussichtlich mindestens 750.000 Menschen.

Das Geburtendefizit liegt nach der Schätzung 2016 zwischen 150.000 und 190.000, es gab es also deutlich mehr Sterbefälle als Geburten. 2015 hatte die Lücke 188.000 betragen.

Expertin: Deutschland schrumpft

Isabell Wiese, Statistik-Expertin aus Hamburg, warnt davor, die „demografische Wende“ zu den Akten zu legen. Die aktuelle Zahl sei allenfalls „eine Momentaufnahme und ein Zwischenhoch“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), zu dem diese Zeitung gehört. Den demografischen Wandel gebe es ganz sicher. Und er lasse sich auch nicht leugnen.

„Seit 1994 geht die Zahl der Geburten in Deutschland und damit auch die Zahl der potenziellen Mütter zurück“, erklärt Wiese. Sie geht nach wie vor fest davon aus, dass die Einwohnerzahl Deutschlands in den kommenden Jahren abnimmt – allen kurzfristigen Zuwanderungseffekten zum Trotz.

Die wichtigsten Antworten zum Einwohner-Rekord

Wie genau ist diese Statistik? Die Wanderungs-Statistik bildet nach Einschätzung von Fachleuten die Wirklichkeit nicht ganz genau ab. Dies habe der Zensus 2011 gezeigt: Die erste Bevölkerungszählung seit mehr als zwei Jahrzehnten hatte ergeben, dass gut eine Million Ausländer weniger in Deutschland lebten als gedacht. Der Grund: Viele Migranten melden sich nicht ab, wenn sie in die Heimat zurückgehen oder in ein anderes Land weiterziehen, andere sind doppelt erfasst. Hinzu kommt: Viele Flüchtlinge, die bereits 2015 nach Deutschland gekommen sind, wurden erst 2016 erfasst. Nach Einschätzung von Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung kann die wirkliche Wanderungsbilanz im vergangenen Jahr daher um einige Zehntausend Menschen niedriger sein als die offiziellen Zahlen.

Woher kommen die Zuwanderer? Das wissen die Statistiker für 2016 noch nicht genau. Fachleute sind sich aber einig, dass neben den Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten Arbeitsmigranten aus Osteuropa und anderen EU-Ländern eine ganz große Rolle spielen. „Die innereuropäische Migration war 2016 bedeutender als die Flüchtlingsmigration“, sagt etwa Thomas Liebig von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Kann das Geburtendefizit überwunden werden? Die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter in Deutschland ist derzeit einfach deutlich niedriger als die der alten Menschen. „Selbst wenn diese Frauen sehr viel mehr Kinder bekämen, wäre es sehr schwierig, die Sterbefälle auszugleichen“, sagt Bevölkerungswissenschaftler Klüsener. Erst ab 2040 sei mit einer Verringerung der Lücke zwischen den Geburten und den Sterbefällen zu rechnen, da dann die geburtenschwächeren Jahrgänge ins höhere Alter vorrückten. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ergänzt: „Die Migration erhöht auch die Geburtenzahlen.“ Nicht, weil die Zuwanderer so viele Kinder bekämen, sondern weil sie jung seien.

Ist das Bevölkerungswachstum etwas Gutes? Die Zuwanderer aus der EU kommen vor allem auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland. „Die Arbeitsmigration hilft uns, den demografischen Wandel zu bewältigen“, sagt Brücker. „Die öffentlichen Haushalte, die Rentenversicherungssysteme etwa, stehen gut da, das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir nicht in die Bevölkerungsschrumpfung reingelaufen sind.“

Wie sind die Aussichten für 2017? Wie sich der „Brexit“ auf europäische Wanderungsbewegungen auswirkt, lässt sich nach Einschätzung der Fachleute noch nicht absehen. „Das kann in beide Richtungen gehen“, sagt Liebig von der OECD. „Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor aufnahmefähig“, betont Holger Bonin vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Der Volkswirt geht auch davon aus, dass in diesem Jahr erneut weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen.

Von dpa/RND

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