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Wissen Mama, Mami, Kind: So erklärt man Familie
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13:12 11.02.2019
In Deutschland leben circa 7000 gleichgeschlechtliche Paare mit minderjährigen Kindern in einem Haushalt. Quelle: dpa/Foto: Mareen Fischinger
Hannover

David (Name geändert) hat zwei Mamas, und das finden manche Kinder komisch. „Das geht doch gar nicht, man kann nur eine Mutter haben.“ Solche Kommentare hört der Neunjährige öfter. Seine Eltern stärken ihm den Rücken, damit er auf blöde Sprüche selbstbewusst reagieren kann. Und sie versuchen, Vorurteile durch Offenheit auszuräumen. „Man muss gut im Gespräch bleiben mit Erziehern, Lehrern und die Kinder ermutigen zu reden“, sagt Natalia Matter, eine von Davids Müttern. Sie erzählt freimütig, dass sie mithilfe der Samenspende eines guten Freundes schwanger wurde. Ihre Frau hat David nach der Geburt adoptiert, und der leibliche Vater ist heute sein Patenonkel. David nennt ihn nicht Papa, sondern beim Vornamen.

Familienmodelle jenseits der Norm nehmen zu

Ungefähr 7000 gleichgeschlechtliche Paare mit minderjährigen Kindern im Haushalt gibt es in Deutschland laut einem Familienreport des Bundesfamilienministeriums. Solche Regenbogenfamilien entstehen etwa, wenn einer der Partner seine Kinder aus einer früheren Beziehung mit in die neue Partnerschaft bringt. Manche schwule und lesbische Paare entscheiden sich auch gemeinsam für ein Kind, das sie zusammen aufziehen. Wie bei David. Trotz der Ehe für alle ist diese Form noch immer mit rechtlichen Hürden verbunden.

Nichtsdestotrotz nehmen Familienmodelle jenseits der Norm zu. Nicht immer ist das eine bewusste Entscheidung. Manchmal entsteht die neue Konstellation einfach aus Umständen heraus, etwa weil die Eltern sich trennen.

Familienbild wandelt sich

Mann arbeitet, Frau hütet die Kinder, Eheleben unter einem Dach: Für Westdeutschland sei nur für die Zeit zwischen 1955 und 1975 eine außergewöhnliche Einheitlichkeit der Familienformen im Sinne einer ausgeprägten Dominanz der bürgerlichen Kleinfamilie festzustellen, sagen Soziologen. Ein Blick auf die Geschichte zeige, dass die Pluralität von Familie nicht ihr Ende, sondern die Voraussetzung für ihr Überleben ist. Die Grundidee von Familie war zwar eine Versorgungs- und Verantwortungsgemeinschaft. Beim Konzept handelt es sich aber nicht um etwas Naturwüchsiges, sondern um eine soziale Institution, die kulturell wandelbar und nicht universell gegeben ist.

Nach wie vor sind die meisten Elternpaare verheiratet, insgesamt 5,5 Millionen. 843 000 leben ohne Trauschein zusammen, und 1,6 Millionen sind alleinerziehend. Der Anteil von Stieffamilien macht Umfragen zufolge zwischen 7 und 13 Prozent aller Familien in Deutschland aus, so eine Studie des Familienministeriums. In Stieffamilien leben Kinder mit einem leiblichen und einem sozialen Elternteil zusammen. Eine Variante davon ist die Patchworkfamilie, die aus Eltern mit ihren gemeinsamen Kindern und Kindern aus einer früheren Partnerschaft besteht.

Katharina Grünewald geht diese Definition von Patchwork nicht weit genug. Sie verwendet den Begriff auch dann, wenn nur einer der Partner bereits Kinder aus einer früheren Beziehung hat. Die Psychologin berät in ihrer Hamburger Praxis Patchworkfamilien und lebt selbst in einer solchen Konstellation. „Die Realität ist vielfältig, und trotzdem haben wir oft noch ein klassisches Bild von Familie im Kopf, von Vater, Mutter und zwei Kindern“, beobachtet Grünewald.

Familie als ein Netz aus vielfältigen Beziehungen

Sie versteht Familie als ein Netz aus Beziehungen, das vollkommen unterschiedlich aussehen kann. Auch wer zur Familie gehört, empfindet womöglich jeder Beteiligte anders. Für ein Kind, das seinen Vater am Wochenende besucht, zählt vielleicht der kleine Halbbruder dazu, nicht aber die neue Frau des Vaters.

Vor allem jüngere Kinder begegnen den vielfältigen Familienformen mitunter selbstverständlicher als Erwachsene. Oft gehören Trennungs- oder Patchworkfamilien für sie zum Alltag: Der Freund aus dem Kindergarten sieht seinen Vater nur am Wochenende, ein Mädchen wird beim Turnen mal von der einen, mal von der anderen Mama abgeholt.

Im Gespräch über unterschiedliche Familienformen sollten sich Eltern stets am Interesse der Kinder orientieren, empfiehlt Christiane Zießler. „Es sollte schon einen Anlass geben, über so etwas zu reden, entweder eine Frage des Kindes oder eine Situation, die man gemeinsam erlebt“, sagt die Psychologin, die in der Berliner Beratungsstelle Familie im Zentrum arbeitet.

Solche Gespräche können Eltern durch Bücher zum Thema unterstützen. Inzwischen gibt es eine große Auswahl an Literatur über verschiedene Familienkonstellationen.

Kinder sind oft schon weiter als viele Erwachsene

Neugierige Fragen zu ihrer Familie beantwortet auch Natalia Matter. Kindern erklärt sie, dass ihre Frau und sie sich genauso gern mögen wie andere Eltern, und sie sich auch Kinder gewünscht haben. Weil zwei Frauen zusammen aber keine Kinder bekommen können, habe ihnen ein Mann geholfen, den sie sehr gut kennen. „Ganz kleinen Kindern sagen wir einfach: Der Mann hat uns geholfen. Bei älteren Kindern erklären wir, dass er uns seinen Samen geschenkt hat“, sagt Matter.

Viele Eltern sind dankbar für solche Erklärungshilfen und haben ihr erzählt, dass einige Mädchen jetzt ein neues Rollenspiel entdeckt haben. Mama, Mami, Kind funktioniert nämlich auch, wenn kein Junge mitspielen will. Familie, das haben die Kinder längst begriffen, kann ganz unterschiedlich sein.

Von Ann-Kathrin Marr/RND

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