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10:02 09.06.2018
Komm mir bloß nicht zu nah: Schlechter Atem kann auch in zwischenmenschlichen Beziehungen zum Problem werden. Quelle: iStock
Bern

Mit frischem Atem ist vermutlich noch nie jemand aufgewacht. Doch warum leiden einige Menschen – und mitunter ihre Umgebung – an Mundgeruch? Mit mangelnder Hygiene hat es meist nichts zu tun, weiß Prof. Dr. Rainer Seemann.

Prof. Dr. Rainer Seemann ist Vorsitzender des Arbeitskreises Halitosis (Mundgeruch) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Er gründete Ende der Neunzigerjahre die erste Mundgeruchs-Spezialsprechstunde in Deutschland an der Charité in Berlin. Seit 2008 arbeitet der Halitosis-Experte an der Universitätszahnklinik in Bern. Quelle: privat

Angeblich hat jeder Vierte zeitweise Mundgeruch. Ist diese Zahl realistisch?

Ja. Fast jeder hat zumindest gelegentlich mit Mundgeruch zu tun. Aber es ist immer ein Stück weit subjektiv, was als unangenehm empfunden wird. Bei einer bevölkerungsrepräsentativen Untersuchung, die wir hier in Bern gemacht haben, haben wir bei 11 Prozent der Teilnehmer leicht erhöhte Werte festgestellt. Richtig massiver Mundgeruch lag nur bei etwa 2 Prozent der Fälle vor.

Kann man Mundgeruch messen?

Ja, nämlich mit der organoleptischen Methode. Das bedeutet nichts anderes, als an einer Person zu schnuppern. In der Regel beurteilt der Arzt dazu die Schwere des Geruchs auf einer fünfstufigen Skala. Wir plädieren hier in Bern aber für die Abstandsskala. Das heißt: Je näher man an einen Patienten herantreten muss, um etwas zu riechen, desto geringer ist der Mundgeruch. Das ist für den Betroffenen aussagekräftiger. Außerdem gibt es Messgeräte, mit denen die Schwefelverbindungen in der Atemluft gemessen werden. Am besten ist es, wenn man eine Vertrauensperson zu Hause fragen kann.

Vom eigenen Geruch merkt man nichts?

Es ist in der Tat schwierig, Mundgeruch selbst zu beurteilen, da man sich an eigene Gerüche gewöhnt. Das erleben wir auch regelmäßig in unserer Sprechstunde. Dort bitten wir die Patienten zuerst, auf einer Skala einzuschätzen, wie stark sie betroffen sind. Danach machen wir unsere Messungen. Sehr häufig unterscheiden sich diese Angaben stark. Mit anderen Worten: Jemand, der extrem riecht, meint vielleicht, dass es gerade nicht schlimm ist. Und umgekehrt.

Kommt es oft vor, dass Leute fälschlicherweise glauben, dass sie aus dem Mund riechen?

Dazu gibt es keine Studien. In Spezialsprechstunden wie der unseren passiert das aber in der Tat häufig. Jeder Vierte, der zu uns kommt, hat keinen Mundgeruch.

Wie kann das sein?

Manche Patienten sind da hineingeraten. Ich hatte eine Patientin, die von ihrem Freund bei der Trennung zu hören bekam: ,Du stinkst sowieso‘. Seitdem glaubte sie, massiven Mundgeruch zu haben. Es gibt aber auch psychisch kranke Menschen, die sich vor sich selbst ekeln und das auf den Mund projizieren. Sie brauchen eine psychiatrische Behandlung.

Wie entsteht Mundgeruch?

In den meisten Fällen entsteht er durch den Stoffwechsel von Mikroorganismen. Sie leben in entsprechenden Schlupfwinkeln, überwiegend in der Mundhöhle. Zum Beispiel können sich auf der Zunge mit ihrer rauen Oberfläche, aber auch in den Zahnfleischtaschen oder Zahnzwischenräumen leicht Bakterien einnisten. Unangenehm riechende Fäulnisprodukte entstehen aber auch dann, wenn die Mandeln stark mit Mikroorganismen besiedelt sind. Zweithäufigste Ursache sind Bakterienherde im Hals- und Nasenbereich.

Kann der Geruch auch auf innere Krankheiten hindeuten?

Ja, es gibt eine Reihe von Krankheiten, bei denen es wegen Stoffwechselumstellungen zu speziellen Gerüchen kommt. Zum Beispiel entsteht bei schlecht eingestelltem Diabetes ein süßlicher Geruch, der an vergorenes Obst erinnert. Das liegt an den Ketonkörpern, die beim Abbau von Fettsäuren produziert werden. Sie gelangen über die Blutbahn in die Lunge und werden abgeatmet. Etwas Vergleichbares passiert bei Leber- oder Nierenversagen. Bestimmte Stoffwechselprodukte können nicht herausgefiltert werden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Vor allem dann, wenn der Mundgeruch schlagartig auftritt und dann anhält. Das gilt insbesondere bei Kindern. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dann Fremdkörper, etwa Perlen, in der Nase stecken könnten. Alles, was sich schleichend entwickelt, ist dagegen weniger gefährlich, sollte aber abgeklärt werden.

Stimmt es, dass auch beim Fasten Mundgeruch entsteht?

Ja, auch da kann es wegen einer Stoffwechselumstellung zu Veränderungen der Atemluft kommen. Der Mundgeruch kann aber auch ganz einfache mechanistische Ursachen haben. Wenn Sie den ganzen Tag nichts essen und zu wenig trinken, sammeln sich im Bereich des Halses und der Mundhöhle Bakterien an. Die Selbstreinigung fehlt. Das ist, wie wenn man aus dem Urlaub zurückkommt und es im Badezimmer etwas riecht, weil die Siphons ausgetrocknet sind. Deshalb hat man auch eher Mundgeruch, wenn man morgens aus dem Bett kommt.

Ist die Ernährung ein wichtiger Faktor?

Sie spielt bestimmt eine Rolle, aber keine so große, wie man es gerne hätte. Man kann also nicht sagen: Vegetarier haben Mundgeruch oder umgekehrt. Aber ich würde immer zu einer gesunden, ausgewogenen Ernährung raten. Wer nur Kaffee trinkt und raucht, hat schneller einen unangenehmen Atem.

Ist Kaffeetrinken also schlecht?

Na ja, Kaffee gilt nicht gerade als guter Durstlöscher. Wasser ist sehr viel besser, um den Speichelfluss zu fördern und Mundgeruch dadurch vorzubeugen.

Kann auch die Psyche als Ursache eine Rolle spielen?

Ja, aber dazu gibt es wenige Daten. Wenn Sie Stress haben, dann bleibt Ihnen die Spucke weg. Und ein trockener Mund ist ein Risikofaktor. Ich hatte Patienten, die im Urlaub deutlich weniger mit Mundgeruch zu tun hatten als im Arbeitsalltag.

Wie verhält man sich am besten, wenn etwa ein Kollege oft aus dem Mund riecht?

Da ist es hilfreich, sich zu überlegen, was man selber gerne hätte. Wenn ich mir vorstelle, dass jeder an der Uni hinter meinem Rücken über meinen Mundgeruch redet, würde ich mir doch wünschen, dass sich ein Kollege ein Herz fasst und mit mir offen spricht. Natürlich macht immer der Ton die Musik.

Wie sage ich es nur am besten? Seinem Gegenüber auf Mundgeruch hinzuweisen, ist eine heikle Angelegenheit. Quelle: Pixabay

Und wie sagt ein Zahnarzt es seinem Patienten?

Indem er die Angelegenheit versachlicht. Also sagt ein Arzt nicht: „Was haben Sie für einen widerlichen Mundgeruch!“ Sondern er spricht den Patienten zum Beispiel auf seine starken Zungenbeläge an.

Wie geht der Arzt dann vor?

Zunächst versucht er, der zugrunde liegenden Erkrankung, etwa Parodontitis, auf die Spur zu kommen. Aber nicht immer findet man etwas, da oft viele verschiedene Faktoren zusammenkommen. In diesen Fällen ist es wichtig, das Mundhygieneniveau anzuheben. Dazu gehört, die Zahnzwischenräume und die Zunge regelmäßig zu reinigen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Bakterienpopulationen in der Mundhöhle und riecht deshalb auch anders. So wie es Leute gibt, die mindestens einmal täglich duschen müssen, um nicht zu riechen, gibt es solche, die besonders viel Mundhygiene betreiben müssen.

So beugen Sie Mundgeruch vor

Mundhygiene: Es ist ratsam, die Zähne zweimal täglich mit einer fluoridierten Zahnpasta gründlich zu putzen. Die Zahnzwischenräume sollte man zudem einmal täglich mit Zahnseide oder Interdentalbürsten reinigen. Besonders effektiv ist eine regelmäßige Zungenreinigung: Oft bilden sich auf der Zunge bakterielle Beläge, die sich mit einem Zungenreiniger entfernen lassen. Antibakterielle Mundspüllösungen (z. B. mit Zinkverbindungen oder niedrig dosiertem Chlorhexidin) können das Geruchsrisiko weiter reduzieren. Die Bayerische Landeszahnärztekammer rät allerdings, solche Produkte nicht länger als zwei Wochen anzuwenden.

Ernährung: Viel kauen regt den Speichelfluss an und wirkt so präventiv. Grobfaserige Speisen sind daher besser.

Getränke: Ausreichend trinken ist für die Selbstreinigung der Mundhöhle wichtig. Am besten eignen sich Wasser oder Tee. Schwarzer und grüner Tee sollen außerdem Wirkstoffe enthalten, die den Zahnbelag reduzieren.

Zahnarztbesuche: Karies, undichte Füllungen oder Parodontitis können Mundgeruch verursachen. Um solche Probleme früh zu entdecken, sind regelmäßige Zahnarztbesuche und professionelle Zahnreinigungen wichtig.

Von Interview: Angela Stoll/RND

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