Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Rechenmodell: Gute Laune ist ansteckend - Depression nicht

Wissenschaft Rechenmodell: Gute Laune ist ansteckend - Depression nicht

Lachen ist ansteckend - und gesund. Eine Binsenweisheit. Doch jetzt wollen britische Forscher einen mathematischen Beleg gefunden haben: Psychisch gesunde Freunde können Jugendliche vor Depressionen schützen, je mehr es sind, desto besser.

Voriger Artikel
Korrekturen im Intimbereich: Standards gibt es nicht
Nächster Artikel
Exotische Arten können zum Problem werden

Wer sich von einer Depression erholen will, braucht nach Angaben der Forscher Kontakt zu Nicht-Depressiven.

Quelle: Tobias Kleinschmidt/Archiv

Warwick. Genügend psychisch gesunde Freunde können Jugendliche vor Depressionen schützen. Das zumindest wollen Forscher von der britischen University of Warwick mit Rechenmodellen belegt haben.

Das Risiko einer Depression sinke, wenn man von genügend psychisch gesunden Freunden umgeben ist. Wer aber schon betroffen ist, könne sich im Kreise gesunder Freunde besser erholen, berichten die Wissenschaftler um den Mathematiker Edward Hill in ihrer in den "Proceedings B" der britischen Royal Society vorgestellten Studie.

Weltweit leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 350 Millionen Menschen an einer Depression. Die Erkrankung ist häufig mit einem sozialen Stigma behaftet. Die britischen Forscher prüften jetzt unter anderem die Wahrscheinlichkeit, mit der sich die psychische Erkrankung in einem Freundeskreis ausbreitet.

Ihr Ergebnis weise darauf hin, dass eine Depression nicht um sich greift - solange betroffene Jugendliche genügend gesunde Freunde haben. Die gute Laune von Freunden könne zudem vor einem Absturz bewahren. Bisher galt der Studie zufolge das Umgekehrte: dass sich Depression wie eine ansteckende Krankheit verbreitet, ein gesunder Gemütszustand aber nicht.

In der psychiatrischen Praxis stoßen die Schlussfolgerungen allerdings auf Skepsis. "Die Studie ist klinisch nicht wirklich relevant, da sie etwas beschreibt, was wir schon wissen: Stabile Kinder haben gute soziale Kontakte und werden weniger depressiv", sagte der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Martin Jung.

In der Studie fehle ein Maß für den Schweregrad der Depression. "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass schwer depressive Kinder mit positiven Sozialkontakten sozusagen angesteckt werden können", sagte Jung. Schwerer depressive Kinder brächen den Kontakt mit gesunden Freunden ab und umgekehrt. Teil der klinischen Arbeit sei es, die Kontakte dann wieder aufleben zu lassen. "Positive Kontakte sind sicherlich ein Schutzfaktor, aber dass dadurch eine Heilung möglich wäre, ist mit der Studie nicht nachgewiesen."

Auch Sibylle Winter von der Charité-Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters hat Zweifel. "Aus der klinischen Praxis kann ich nicht nachvollziehen, dass sich depressive Stimmung nicht ausbreiten soll. Das sollte man zumindest noch mal überprüfen." Zudem fänden sich in Freundeskreisen eher Gleichgesinnte.

Dem Vorwurf allerdings kamen die Forscher aus England zuvor. "Wir haben sichergestellt, dass unsere Methode nicht beeinflusst wurde von Homophilie - also der Tendenz, sich mit ähnlichen Menschen anzufreunden", wird Hill in einer Mitteilung zitiert.

Die Wissenschaftler begründen ihren Fund mit psychologischen Mechanismen, zum Beispiel: Depressive zögen sich eher aus ihrem sozialem Umfeld zurück und übten deshalb weniger Einfluss auf andere aus als Gesunde. Wer allerdings sich von einer Depression erholen oder gesundbleiben soll, brauche Kontakt mit Nicht-Depressiven.

Für die Untersuchung griff das Team auf Daten von 3084 Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren zurück, die in den USA in den Jahren 1994 und 1995 befragt worden waren. In der damaligen Studie "Add Health" gaben die Teilnehmer Auskunft über Traurigkeit und Interesselosigkeit, Appetit, Schlaf oder das Gefühl von Wertlosigkeit. Die Angaben haben die britischen Forscher anhand mathematischer Modelle neu untersucht. Ähnliche Methoden werden genutzt, um die Ausbreitung infektiöser Krankheiten zu untersuchen.

Das genaue Ergebnis der Berechnungen: Wer mindestens fünf gesunde Freunde hat, hat eine doppelt so hohe Chance wie jemand ohne gesunde Freunde, nicht innerhalb sechs bis zwölf Monaten depressiv zu werden. Und depressive Jugendliche erholen sich zweimal so häufig, wenn sie zehn statt drei gesunde Freunde haben.

Die Zahl der Fälle von Depression bei Jugendlichen könne gesenkt werden, indem die Gesellschaft zum Beispiel durch Jugendclubs Freundschaften fördere, sagte der Mathematiker Thomas House von der University of Manchester, der zum Team um Hill gehörte. Dann steige die Wahrscheinlichkeit, genügend gesunde Freunde zu haben.

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wissenschaft
  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schlösserland Sachsen - Schlösserausflug
    Schlösserland Sachsen

    Schlösser, Burgen & Gärten - Besuchen Sie das Schlösserland Sachsen und erleben Sie die Sächsische Geschichte in ihrer schönsten Form. Erfahren... mehr

  • Wave-Gotik-Treffen
    Wave Gotik Treffen

    Das Wave-Gotik-Treffen Leipzig feierte 2016 sein 25-jähriges Bestehen. Einen Rückblick mit vielen Fotos gibt es in unserem Special. mehr

  • Highfield Festival
    Highfield Festival

    Das war das Highfield-Festival 2015. Hier gibt's den Rückblick mit zahlreichen Fotos. mehr