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Vor Blindheit bewahren: Leipziger entwickeln Therapie für fortschreitende Kurzsichtigkeit

Medizin Vor Blindheit bewahren: Leipziger entwickeln Therapie für fortschreitende Kurzsichtigkeit

Immer mehr Menschen sind kurzsichtig. Ein Grund: Handys und Tablets. Ein Forscherteam an der Universität Leipzig arbeitet derzeit an einer Behandlung.

Am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig arbeitet Mike Francke (51) an einer Behandlung gegen fortschreitende Kurzsichtigkeit, die im schlimmsten Fall zu Erblindung führen kann.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Myopie – Kurzsichtigkeit – ist weltweit auf dem Vormarsch. In Deutschland sind rund 35 Prozent aller Erwachsenen betroffenen, in einigen Städten Ostasiens sogar bereits 90 Prozent. Bis 2050, so die Prognose von Forschern der Universität in Minho, Portugal, wird voraussichtlich die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein.

Das ist keinesfalls nur ein kosmetisches Problem: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Kurzsichtigkeit eine der Hauptursachen für Sehbeeinträchtigungen und Blindheit. Vor allem eine schwere Myopie ist medizinisch bedenklich: Im Gegensatz zur einfachen, so genannten Schulmyopie (zwischen minus 0,5 und minus sechs Dioptrien) birgt sie die Gefahr nachhaltiger Netz- und Aderhautschäden. An der Universität Leipzig läuft derzeit Projekt, das sich der Krankheit annimmt: Der Biologe Mike Francke und sein Team arbeiten an einer Behandlungsmethode für schwere, fortschreitende Myopie – und damit an einer Möglichkeit, stark kurzsichtige Menschen vor Blindheit zu bewahren.

Handys und Tablets bestärken Trend zur Kurzsichtigkeit

Bereits vor 150 Jahren forderte der Augenarzt Hermann Cohn, übermäßige Schreibarbeiten im Unterricht aufzugeben. Er machte vor allem Naharbeit, ergonomisch ungünstige Schulmöbel und schlechte Lichtverhältnisse für das verstärkte Auftreten von Kurzsichtigkeit verantwortlich. Nachdem in den vergangenen Jahren auch genetische Faktoren als Ursache für Myopie angesehen wurden, sind Cohns Erkenntnisse heute aktueller denn je.

„Einer der Gründe für den weltweiten Anstieg von Myopie ist, dass Kinder heute immer früher immer mehr Naharbeiten verrichten“, erklärt Mike Francke vom Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig. Damit meint er vor allem den immer zeitigeren und intensiveren Kontakt mit Fernsehern, Handys und Tablets. Im asiatischen Raum kommen die Faktoren Städtewachstum und Fließbandarbeit hinzu.

Die Seherfahrungen im Kindesalter beeinflussen nämlich das Wachstum des Auges. Vermehrte Aktivitäten mit Dingen in unmittelbarer Nähe – dazu gehören auch Bücher – führen zu einseitiger Belastung des Akkommodationsapparates, der für die Scharfeinstellung des Auges sorgt. Eine Studie der Ohio State University aus dem Jahr 2007 kam zum Schluss: Je mehr Zeit die Kinder draußen verbringen, desto seltener werden sie kurzsichtig. Francke merkt aber an, dass es noch viele ungeklärte Faktoren gibt: „Wichtig ist, dass es eine gute Mischung aus Indoor- und Outdoor-Aktivitäten gibt.“

Therapie soll in fünf Jahren marktreif sein

Seit 2009 arbeiten der 51-Jährige und ein fünfköpfiges Team an einer Therapiemethode, die schwerer Myopie entgegenwirken soll. Durch die Behandlung mit Riboflavin und blauviolettem Licht soll das schwache Bindegewebe im Auge wieder gestärkt und weitere Netzhautschäden verhindert werden. „Wenn Sie einen Luftballon aufpusten, wird er immer größer und dehnt sich aus. Ein Fußball ist im Gegensatz dazu immer formstabil“, erklärt Francke das Prinzip. „Die Therapie soll das Auge quasi von einem Luftballon wieder in einen Fußball verwandeln.“

Was in Tierversuchen bereits Erfolg hatte, soll dank der Kooperation mit Augenärzten und der Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums in fünf Jahren zur Marktreife gelangen, so hofft Francke. Eine erste Individualbehandlung ist in etwa zwei Jahren angedacht: Zunächst an jungen Erwachsenen, später sollen dann vor allem Jugendliche ab 14 Jahren behandelt werden. „Wer an starker Myopie und infolgedessen sogar an Blindheit erkrankt, der durchlebt nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen Leidensweg.“ Dank Francke und seinem Team ist nun Hoffnung in Sicht.

Von Christian Neffe

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