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Pulver statt Tonne - Mango und Äpfel aus dem Tütchen

Ernährung Pulver statt Tonne - Mango und Äpfel aus dem Tütchen

Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag schafft nicht jeder. Abhilfe sollen Spinat, Brokkoli oder Bananen in Pulverform schaffen. Einfach ins Essen oder Getränk streuen, fertig. Kann das schmecken?

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Vor allem Obst, das wegen geringer Mängel nicht auf den Mark kommt, wird gefriergetrocknet und zu Pulver verarbeitet.

Quelle: Karsten Klama/dpa

Bremen. Algen, Spinat, Mango oder Brennnesseln als Pulver - das klingt nach Astronautennahrung, gibt es aber längst in Supermärkten und Drogerien zu kaufen. Man kann die Pulver in Smoothies rühren, übers Müsli streuen oder damit backen.

Die Hersteller versprechen viele gesunde Nährstoffe bei minimalem Aufwand. Und wer die bunten Tütchen und Dosen kauft, tut angeblich sogar was gegen die Lebensmittelverschwendung. Nach Ansicht von Ernährungsexpertinnen geht aber Genuss verloren und auch das Geschmackserlebnis verändert sich.

Essen ist fast schon eine Art Religion. Man isst nicht nur, um satt zu werden. Man isst bewusst, möglichst nachhaltig und vor allem gesund. Mit Pulvern aus Gemüse oder Früchten lasse sich das Ganze noch ein bisschen steigern, so die Hoffnung. "Das ist quasi die konzentrierte Gesundheit, ein moderner Zaubertrank", sagt Trendforscher Andreas Steinle.

So kommt kaum ein Blog zum Thema Backen ohne Rezepte mit Matcha-Pulver aus. Und in New York war das In-Getränk der zurückliegenden Saison "Unicorn-Latte" - unter anderem mit Algenpulver. Die Auswahl im Handel ist groß: Diverse Hersteller bieten die unterschiedlichsten Pulver von Aroniabeere über Löwenzahn bis Weizengras an.

Seit März mischen die drei Bremer Jungunternehmer Vita Jarolimkova, Adriana Balazy und Gerald Perry Marin mit.

FoPo - kurz für food powder, also Lebensmittelpulver - haben sie ihr Start-up genannt. Der Trend zum Pulver kommt ihnen gelegen, doch ging es ihnen bei der Unternehmensgründung um etwas anderes. "Wir wollen das Problem lösen, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden", sagt Marin.

Deshalb gelangen bei ihnen nur hässliche Früchte in die Tüte. Sie kaufen Bauern auf den Philippinen, in Israel und demnächst auch Kenia unförmige Mangos, zu krumme Bananen und Avocados mit kleinen Makeln ab, die diese sonst nicht los geworden wären. Die aussortierten Früchte lassen die Bremer vor Ort gefriertrocknen, pulversieren und dann per Schiff nach Deutschland transportieren.

Ihre Pulver finden die drei 26-Jährigen praktisch: "Wir wollen die Lücke füllen zwischen dem, was man an Vitaminen zu sich nehmen sollte und was man am Tag tatsächlich schafft zu essen", sagt Jarolimkova. "Wir essen noch frische Früchte", ergänzt Balazy und lacht. Aber eine Ananas müsse man erst schneiden und als Single schaffe man die oft gar nicht, so dass ein Teil im Müll lande.

Eine ähnliche Erfahrung brachte Thomas Straßburg und Stefan Arndt dazu, im Dezember 2010 ihr Unternehmen

Lebepur in Berlin zu gründen. Die beiden hatten damals angefangen, sich grüne Smoothies aus Grünzeug und Früchten zu mixen. "Frischen Spinat kann man meist nur in 250 Gramm-Packungen kaufen, die man als Single nicht aufbraucht", sagt Straßburg. "Da hat man viel weggeschmissen." Gemüse- und Fruchtpulver seien dagegen gut zu portionieren und lange haltbar. Etwa 20 Produkte hat Lebepur inzwischen im Sortiment. "Das Ganze ist noch eine Nische. Die Nachfrage ist aber steigend", sagt Straßburg.

Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sieht diesen Trend kritisch. Obst und Gemüse enthalten viel Wasser, haben also viel Volumen, weshalb sie trotz geringem Kaloriengehalt gut sättigen, wie die Expertin erläutert. Die Pulver hätten diesen Vorteil nicht. Außerdem gingen wertvolle Inhaltsstoffe verloren. "Die Pulver sind ein Stück weit Gewissensberuhigung", sagt auch die Ernährungswissenschaftlerin Dorothee Straka von der Hochschule Osnabrück. "Man muss sein Verhalten gar nicht ändern."

Problematisch findet sie, dass die Produkte vor allem junge Leute ansprechen. "Es hat was innovatives, stylisches." Gerade Jugendliche würden dadurch gar nicht mehr lernen, wie man sinnvoll einkauft, welche Mengen man überhaupt verbraucht und wie Lebensmittel zubereitet werden. "Ich verliere den Bezug zum Essen. Das ist reines Ernähren. Da kommt der Genuss viel zu kurz."

Teurer seien die Pulver am Ende auch, sagt Straka. Ein 50 Gramm-Paket Mangopulver von FoPo entspricht nach Angaben von Marin einer Mango. Es kostet 3,50 Euro und damit mehr als eine frische Mango im Supermarkt. Auch das Geschmackserlebnis sei ein anderes, sagt Restemeyer. Beim Verarbeiten gehe Aroma verloren oder verändere sich. So enthalten einige FoPo-Fruchtpulver zum Beispiel den Pflanzensüßstoff Stevia. Sie waren den drei Jungunternehmern dann doch zu sauer.

dpa

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