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Vätertraining im Knast - Häftlinge malen für ihre Kinder

Strafvollzug Vätertraining im Knast - Häftlinge malen für ihre Kinder

Sie sind unschuldig und doch bestraft: Etwa 100 000 Jungen und Mädchen in Deutschland haben Eltern im Gefängnis, überwiegend sind es die Väter. In der Jugendanstalt Hameln werden Gefangene in einem Kurs auf das Familienleben nach der Entlassung vorbereitet.

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Junge Strafgefangene bemalen in der Jugendanstalt in Hameln Kissenbezüge für ihre Kinder. Das Vätertraining soll sie auf das Leben mit ihren Familien vorbereiten.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hameln. Dass viele Häftlinge auch Väter sind, spielte in deutschen Gefängnissen jahrzehntelang keine Rolle. Erst seit kurzem steht das Schicksal der bundesweit etwa 100 000 Jungen und Mädchen, deren Eltern einsitzen, stärker im Fokus.

"75 Prozent der Kinder von Inhaftierten entwickeln psychische Störungen, 70 Prozent aller Jungen landen später wie ihre Väter im Knast. Das weiß man aus Untersuchungen in ganz Europa", berichtet der Psychotherapeut in der Jugendanstalt Hameln, Markus Weiß.

Seit 2014 bietet das größte Jugendgefängnis in Deutschland ein Vätertraining an. Unter den rund 400 Häftlingen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren sind aktuell knapp 50 Väter. Weil der freiwillige Kurs "Fit für Familie" auf acht Plätze beschränkt ist, gibt es eine Warteliste. Die jungen Männer befassen sich bei ihren wöchentlichen Treffen mit der Entwicklung von Kindern, mit Erziehungsstilen und Konfliktlösungen. Viele Einheiten sind praktisch: Vorlesen, Erste Hilfe oder Tipps von einem Jugendamtsmitarbeiter zu Sorgerecht, Umgangsrecht und Unterhaltszahlungen.

An diesem Tag gestalten die sieben Teilnehmer Kissen für ihre Söhne und Töchter. Marco (22) hat besonders viel zu tun. Für seine drei- und sechsjährigen Mädchen sucht er mit Hilfe einer Kursleiterin Einhorn-Malvorlagen am Computer heraus. Der elf Monate alte Sohn soll ein Kissen mit einem Rennauto bekommen. Seine Kinder sehe er alle 14 Tage für eine Stunde, erzählt Marco. "Die Trennung ist immer das schwerste", sagt der schmächtige Mann mit der Tätowierung eines Revolvers im Nacken.

Dennis malt sorgfältig einen Teddybären aus. Das Kissen ist für seine zweijährige Tochter Sophie bestimmt. "Das ist das erste Geschenk, das ich für sie habe. Ich sehe sie fast nie", sagt der 21-Jährige mit dem blassen Jungengesicht. Als er in den Knast kam, konnte Sophie noch nicht krabbeln. In seiner Zelle hängen Dutzende Fotos des blonden Mädchens, das mit seiner Mutter an der Nordsee lebt. "Am Kurs gefiel mir bisher am besten das Vorlesen", sagt Dennis. Wurde ihm früher auch vorgelesen? "Nee, bei uns gab's nur Schläge", sagt er.

Für Psychotherapeut Weiß ist das Vätertraining ein wichtiges Element der Prävention. Aus seiner Sicht kann es für die Familie zurück in Freiheit stabilisierend wirken. Allerdings könnten Frau und Kinder auch ein zusätzlicher Stressfaktor sein, meint der Anstaltspsychologe. Die Rückfallquoten von jungen Straftätern sind hoch. Viele driften nach der Entlassung wieder in die Kriminalität ab. Die Kinder erleiden nicht nur einen Schock, wenn der Vater plötzlich verschwindet, sondern auch wenn er wieder auftaucht und sich anders verhält als erwartet.

Nur in Baden-Württemberg wird allen Familien von Gefängnisinsassen ein Unterstützungsangebot gemacht. Rund 1,9 Millionen Euro fließen bis 2016 in das 2011 gestartete

Eltern-Kind-Projekt Chance, 443 Familien wurden bislang begleitet. "Die Evaluation läuft noch, aber wir können schon sagen, dass sich die Situation der Kinder verbessert hat", sagt Sozialarbeiter Horst Belz. Die Verhaftung des Vaters verunsichere Jungen und Mädchen aufs Tiefste und erzeuge bei manchen sogar Schuldgefühle. "Die Kinder haben massive Ängste, dass es dem Vater nicht gut geht. Sie stellen sich das Gefängnis als dunkle Höhle vor."

"Papa ist auf Montage" heißt ein Programm für Angehörige von Strafgefangenen in Mecklenburg-Vorpommern. Der Titel spielt darauf an, dass Kindern häufig gar nicht die Wahrheit gesagt wird, warum der Vater auf einmal verschwindet. Dann ist von einer Reise, einer Kur oder einem Krankenhaus-Aufenthalt die Rede.

Im Knast die emotionale Bindung zur Familie zu halten, ist immens schwierig. Das merken auch die jungen Väter in der Jugendanstalt Hameln. Viele sind geschockt, wenn ihr Kind sie beim Besuch gar nicht erkennt und wegrennt. In der Anstalt gibt es eine Spielecke und Bücher, um sich anzunähern. In der JVA Bremen-Oslebshausen wurde ein besonderer Weg gefunden, um Entfremdung zwischen Eltern und Kind während der Haftzeit zu verhindern. Das Projekt "Ich lese für dich - Gute-Nacht-Geschichten aus dem Gefängnis" ermöglicht Strafgefangenen, eine CD für ihre Lieben zu besprechen.

dpa

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