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Wenn Kinder sich wie Tyrannen verhalten

Familie Wenn Kinder sich wie Tyrannen verhalten

Toben, schreien, hauen: Einige Kinder scheinen außer Rand und Band. Liegt es an den Eltern, die ihren Job nicht richtig machen? Das legen zumindest einige Erziehungsratgeber nahe.

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Manchmal ist der Weg zwischen Unmut und Wutausbruch kurz. Experten sehen das Problem bei den Eltern, die ihren Kindern zu wenig Grenzen setzen. Foto: Westend61/Ramon Espelt

Wien. Ein Kind rastet aus, weil es kein zweites Eis bekommt. Ein anderes wird wütend, weil es zehn Minuten still sitzen soll. Und ein drittes reagiert mit trommelnden Fäusten, weil es das Handy abgeben muss. Jeder war vermutlich schon einmal Beobachter solcher Situationen.

Sind das Einzelfälle oder verhalten sich heute immer mehr Kinder auffällig? Für Martina Leibovici-Mühlberger ist der Fall klar: Die Zahl der Kinder, die sich verhaltensauffällig zeigen, hat zugenommen. Die Österreicherin spricht aus Erfahrung. Sie ist Kinder- und Jugendtherapeutin und hat in diesem Jahr ein Buch über ihre Beobachtungen geschrieben. Ihrer Meinung nach können viele Kinder ihre Emotionen und Impulse nicht kontrollieren. "Das ist etwas, das Kinder nicht von einem Tag auf den anderen lernen."

Vielmehr ist hier der lange Atem der Erwachsenen gefragt. Wichtig ist, den Kindern Grenzen zu setzen - und das von Anfang an. "Ab dem neunten Lebensmonat halte ich zum Beispiel meine Hand hin, bevor mein Kind gegen die scharfe Kante fällt. Sobald es laufen kann, stelle ich alle Sachen hoch, damit es sich nicht weh tut. Und beim 14-Jährigen geht es darum, die Ausgehzeiten zu strukturieren", beschreibt die Therapeutin den Ablauf.

Für Kinder sei es enorm wichtig, ihre Wünsche zurückstellen zu können. An diesem Punkt versagen Eltern laut Leibovici-Mühlberger aber oft. "Ihnen geht es darum, von ihrem Kind gemocht zu werden. Das gibt ihnen das Gefühl, gute Eltern zu sein." In der Folge werden Forderungen der Kinder bedingungslos erfüllt - was diese zu Tyrannen heranwachsen lässt.

Dass im Umgang zwischen Eltern und Kindern gehörig etwas schiefläuft, hat auch Michael Winterhoff in mehreren Büchern festgehalten. Er ist ebenfalls Kinder- und Jugendpsychiater und hat seine Praxis in Bonn. Seiner Meinung nach sind Kinder heutzutage psychisch nicht reif. "Viele bleiben auf der Stufe von Kleinkindern stehen." Das Problem sieht er klar bei den Eltern, die ihre Kinder nicht mehr aus der Intuition heraus erziehen. Stattdessen behandeln Eltern sie wie einen Teil von sich selbst (Symbiose) und werden am Ende von ihrem Kind nicht für voll genommen. Oder sie erziehen ihr Kind, indem sie ihm alles erklären (Partnerschaftlichkeit).

Rolf Göppel ist deutlich optimistischer, wenn es um die Psyche der Kinder geht. Er ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Hochschule in Heidelberg. Die Forschungslage zeige ein entspannteres Bild: Demnach haben 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychische Probleme - ein Wert, der stabil ist. Dass Eltern nicht mehr über ihre Kinder bestimmen, sondern ihnen auch Mitspracherechte einräumen, sei gut so. Allerdings müsse das an der richtigen Stelle passieren: "Dabei darf es nicht um Fragen gehen wie: "Muss ich meinen Fahrradhelm anziehen oder nicht.""

Ganz in Abrede stellen lässt sich aber nicht, dass einige Kinder so "verhaltensoriginell" sind, dass professionelle Hilfe gefragt ist. Eine narzisstische Störung zählt zu den Störungen des Sozialverhaltens. Dabei streiten Kinder unter anderem in einem extremen Maße, verhalten sich tyrannisch, und zeigen ungewöhnlich häufige und schwere Wutausbrüche.

"Eine solche Diagnose lässt sich sicher aber erst nach dem 14. Lebensjahr stellen", erklärt Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland. Eltern müssten in eine Therapie unbedingt einbezogen werden.

Trotz aller großen Probleme, die Martina Leibovici-Mühlberger in ihrem Buch schildert, können Eltern im Kleinen so viel erreichen: "Es ist der kleine unspektakuläre Moment, der Beziehung ausmacht. Die Alltagsrituale beim Zubettgehen, das gemeinsame Essen oder der Spaziergang im Wald", so Leibovici-Mühlberger.

dpa

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