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Besuch bei Amazon Fresh: "Picker" und clevere Software

Verbraucher Besuch bei Amazon Fresh: "Picker" und clevere Software

Über Jahre wurde der Start von Amazon Fresh in Deutschland als Katalysator für den Umbruch im Lebensmittel-Handel erwartet. Jetzt expandiert der Online-Supermarkt des US-Giganten schon in die zweite Region - der Wandel wird aber wohl noch Jahre dauern.

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Ein «Picker» bei der Arbeit: Die Mitarbeiter kümmern sich um die Kunden-Bestellungen.

Quelle: Monika Skolimowska/dpa

Berlin. Äußerlich sieht Amazons Vision für die Zukunft des Lebensmittel-Handels auch nur wie ein großer Supermarkt aus. Das Berliner Depot des Lieferdienstes Amazon Fresh besteht aus einer großen Halle mit Metall-Regalen. Dazwischen sind die "Picker" unterwegs.

Die "Picker" sind Mitarbeiter, die Kunden-Bestellungen zusammenstellen. Jeder schiebt einen Wagen mit acht der markanten grünen Zustell-Taschen vor sich.

Die Regalreihen sind bis zum einzelnen Fach durchnummeriert. Die Software übernimmt die Routenplanung. Direkt auf dem Bildschirm des Barcode-Scanners wird angezeigt, zu welchem Produkt es als nächstes geht. Der Weg führt von den schweren Sachen, die nach unten kommen, zu den zerbrechlicheren wie Nudeln sowie frischem Obst und Gemüse, das in der Tasche ganz oben landet.

Rund zweieinhalb Monate nach dem Deutschland-Start in Berlin und Potsdam expandiert Amazon Fresh jetzt nach Hamburg als zweite Region. Auch die Hansestadt soll vom Berliner Depot aus beliefert werden. Die Kühlreserve der grünen Taschen mit Kälteakkus oder Trockeneis reiche für den Weg, betont Fresh-Deutschlandchef Florian Baumgartner.

Im Berliner Depot wird weiter an allen möglichen Stellschrauben gedreht. "Es vergeht kein Tag, ohne dass wir etwas umbauen", sagt Operations Manager Raik Schatte. Das können Prozesse oder die räumliche Aufteilung sein.

Das Sortiment ändert sich: Gestartet war der Dienst mit einem Angebot aus 85 000 Artikeln, jetzt könnten durch die Ausweitung auf das Non-Food-Angebot rund 300 000 Artikel über Fresh bestellt werden, sagt Baumgartner. Die ersten Erfahrungen hätten nämlich gezeigt, dass viele Kunden auch alle möglichen anderen Dinge zu ihrem Lebensmittelankauf hinzufügen möchten, vom Rasensprenger bis zum Plüschtier. "Für uns gibt es in dieser frühen Phase und diesem hart umkämpften Markt derzeit nichts Wichtigeres als das Feedback der Kunden."

Man könne zwar auch nicht alle Entwicklungen mit Datenauswertung und Algorithmen abbilden, sagt Baumgartner. Eine Tour durch das Depot im Norden Berlins macht aber deutlich, wie aus Amazons über Jahre eingespielter Logistik-Effizienz und dem von Konzernchef Jeff Bezos gebetsmühlenartig eingeforderten Fokus auf den Kunden tatsächliche Konkurrenz für deutsche Supermarktketten entstehen kann. Dabei ist die Fresh-Halle mit ihren 12 000 Quadratmetern nur so groß wie ein einzelner weiträumiger Supermarkt.

Frisches Brot wird direkt zur Auslieferung der Bestellung aufgebacken. Genauso der Wurstaufschnitt, bei dem man die Dicke der Scheiben auswählen kann. Die rund zwei Dutzend lokalen Händler, deren Produkte auch über Fresh vertrieben werden, liefern täglich an einen zentralen Sammelpunkt, von dem die Ware dann ins Depot gebracht wird.

Noch sei es viel zu früh dafür, um einen Umbruch im deutschen Lebensmittelhandel zu erkennen, sagt Marktexperte Thomas Täuber von der Unternehmensberatung Accenture. Aber: "Amazon hat gezeigt, dass das Modell in den ausgewählten Regionen gut funktioniert und damit die Richtmarke für die Lebensmittelhändler wie REWE, Edeka, Aldi oder Lidl gesetzt", betont er. "Die müssen sich jetzt noch intensiver Gedanken machen, wie sie ihre Vorteile ausspielen können."

Die Rivalen in Deutschland, die lange Zeit hatten, sich auf den Start von Amazon Fresh vorzubereiten und eigene Online-Angebote starteten, hätten dem US-Giganten auch einiges entgegenzusetzen. "Sie haben die Kundenbindung in der gesamten Fläche, sie haben die Infrastruktur und Logistik und wenn sie das clever kombinieren mit neuen Flächenkonzepten, haben sie sehr wohl eine gute Chance, ihren Anteil am Markt zu sichern", sagt Täuber. Er rechnet damit, dass immer mehr Kleinflächen-Märkte in zentralen Lagen entstehen, die die Online-Welt integrieren - zum Beispiel indem man online zusammengestellte Warenkörbe abholen kann. "Aber sie werden im reinen Online-Kanal wahrscheinlich nie die 85 000 Produkte und das Serviceniveau von Amazon erreichen", schränkt der Experte zugleich ein.

Im Heimatmarkt USA machte Amazon vor kurzem Schlagzeilen mit der fast 14 Milliarden Dollar schweren Übernahme der auf hochwertige und entsprechend teure Lebensmittel spezialisierten Ladenkette Whole Foods Market. Der Großteil ihrer 461 Geschäfte ist in den USA, aber 9 liegen mit Großbritannien auch in Europa. Wäre das auch ein Weg für Deutschland? Amazon-Manager Baumgartner weicht aus - derzeit gehe es darum, hier das Fresh-Konzept zum Laufen zu bringen.

Im Moment müssen Kunden in Deutschland zunächst noch überzeugt werden, dass die online bestellten Waren genauso frisch und ohne Unterbrechung der Kühlkette geliefert werden wie im gewohnten Supermarkt. Die eingehende Frischware, die zunächst komplett im Kühlbereich landet, werde von ausgebildeten Produktspezialisten begutachtet, heißt es bei Amazon. In die Liefertaschen kommen Kälteakkus oder Trockeneis bei Tiefkühlprodukten. Niemand darf die Halle betreten, ohne sich die Hände zu desinfizieren.

Rund 150 Mitarbeiter arbeiten im Fresh-Depot, etwa 75 pro Schicht. Im Tiefkühler mit seinen Minus 18 bis 22 Grad ist die Arbeitszeit auf 30 Minuten beschränkt, im Kühlbereich bei Plus 2 auf zwei Stunden. Auf einem Board am Eingang können Mitarbeiter Vorschläge und Fragen aufschreiben. Binnen zwölf Stunden soll es eine Antwort der Betriebsleitung darauf geben, sagt Schatte. Derzeit geht es unter anderem um den Wunsch nach mehr Uhren in der Halle und die Möglichkeit, dorthin eigene warme Getränke mitnehmen zu können.

dpa

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