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AOK-Plus-Vorstandschef Rainer Striebel

„Das Leben muss auch Spaß machen“ AOK-Plus-Vorstandschef Rainer Striebel

Der Vorstandsvorsitzende der AOK Plus, Rainer Striebel (54), hält sich selbst fit und spricht im Interview über finanzielle Anreize für Sportler, die Digitalisierung im Gesundheitswesen und die Herausforderungen durch den Datenschutz.

Wer als Versicherter regelmäßig Sport treibt, wird dafür von der AOK Plus dafür belohnt.
 

Quelle: Volker Dziemballa

Leipzig. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Plus, Rainer Striebel (54), hält sich selbst fit und spricht im Interview über finanzielle Anreize für Sportler und die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Herr Striebel, die AOK Plus belohnt seit kurzem sportliche Aktivitäten per Bonus-App. Wie fit ist der Chef selbst?

Ich bin heute schon meine Runde von etwa 9 Kilometern in rund 55 Minuten durch den Wald gelaufen. Den Halbmarathon schaffe ich aktuell in 1 Stunde und 40 Minuten.

Jetzt ist es 10 Uhr und Sie sitzen geduscht und umgezogen in Leipzig. Straffes Programm!

Ich bin 6.30 Uhr gestartet und versuche drei-, viermal die Woche aktiv zu sein. Im Winter gehe ich auch am Abend mit der Stirnlampe raus.

Sind Sie quasi der lebende Beweis, dass man den inneren Schweinehund ausbremsen kann?

Na, ja, wenn morgens um 6 Uhr der Wind pfeift oder der Regen draußen prasselt, sage ich auch: Jetzt ist mal gut.

Aber sonst leben Sie vermutlich so, wie es der Hausarzt empfiehlt?

Nicht ganz. Ich trinke trotzdem gern ein Glas Wein und esse Currywurst. Das Leben muss Spaß machen. Man hat aber mehr Spaß daran, wenn man gesund ist.

Wo sind Sie versichert?

Bei der AOK Plus.

Da sparen Sie ja dann eine Menge Geld mit der Bonus-App.

Nein, das mache ich grundsätzlich nicht. Ich finde unser Produkt sehr gut, habe aber für mich grundsätzlich entschieden, dass ich niemals Bonus-Programme meines Arbeitgebers nutzen werde.

Bei der Bonus-App fürchten die einen, dass ihre Daten nicht mehr sicher sind. Die anderen sagen: Wenn alles anonymisiert ist, kann ich den Fitnesstracker auch meinem Hund an die Leine klemmen.

Wir haben die Bonus-App nicht gemacht, um Daten zu sammeln für andere Zwecke. Sie ist ein Angebot für Technik affine Menschen, die gern Sport treiben. Wir erhalten nur rudimentäre Daten – wann sich ein Versicherter eingeloggt und bewegt hat, ob der Puls höher als 120 war. Wir wissen also nicht, in welcher Geschwindigkeit, an welchem Ort und was er genau getan hat. Es geht uns nur darum, Anreize zu schaffen, damit sich Menschen gesund verhalten.

Und der Hundetrick?

Wenn einer betrügen will, wird er es immer schaffen. Aber ich bin überzeugt, dass über 99 Prozent der Versicherten ehrlich sind. Wenn sich ein einzelner dann einen Spaß draus macht – das muss man hinnehmen. Am Ende lieber so, als alles genau zu kontrollieren, weil man die Menschen unter Verdacht stellt.

Wie viele machen mit?

Die Sachsen und Thüringer sind sehr sportlich. Rund 16 300 nutzen die App regelmäßig und melden uns, was gut funktioniert und was noch nicht. Fest steht: Wer sich 120 Mal im Jahr bewegt, hat 120 Euro sicher, wer sich 180 Mal bewegt, 180 Euro. Das ist dann auch die Obergrenze. Mehr kann man innerhalb eines Jahr nicht erreichen.

Gibt es vergleichbare Angebote auf dem Markt?

Das weiß ich nicht so genau. Sicher bin ich mir aber, dass es irgendwann Standard sein und dann von allen Krankenkassen angeboten wird.

Wie groß ist die Gefahr, dass Google oder Apple Daten und Bewegungsprofile nutzen?

Natürlich haben wir diese Frage diskutiert. Letztlich ist der digitale Trend aber nicht aufzuhalten. Wenn Sie mit dem Smartphone agieren, besteht immer dieses Risiko. Mit der App hat das aber nichts zu tun.

Kritiker sagen: Das ist der kalte Einstieg in die Private Krankenversicherung, weil es die Gesunden und Jungen  begünstigt.

Nein, wir bleiben immer eine solidarische Krankenversicherung.  Es gibt ja auch Leute, die meinen, man muss denen, die Risiko-Sportarten betreiben, einen höheren Beitrag aufbürden. Ich glaube, da ist es immer noch der bessere Weg, Menschen, die sich gesundheitsbewusst verhalten, mit einem kleinen Bonus zu belohnen. Damit werden die Grenzen des Solidarsystems nicht gesprengt. Im Gegenteil: Wenn wir dabei Menschen zu sportlichen Aktivitäten motivieren, die sonst wenig für ihre Gesundheit tun, reduzieren wir langfristig auch Kosten. Das stärkt dann sogar die Solidargemeinschaft.

Stichwort Telemedizin. Kann man von älteren Patienten auf dem Lande erwarten, dass sie sich noch damit befassen, um mit dem Arzt in Dresden oder Leipzig zu kommunizieren?

Viele ältere Menschen haben heute noch tatsächlich eine gewisse Distanz dazu. Telemedizin allein ist also nicht das Allheilmittel. Aber die eigentliche Frage lautet doch: Was unterstützt den Arzt in seiner Arbeit? Und hilft das dem Patienten?

Welche Antwort gibt die AOK Plus darauf?

Wir haben schon vor Jahren gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in Sachsen das Modell „Agnes“ und in Thüringen das Modell „Verah“ angeschoben. Dahinter verbirgt sich die qualifizierte Praxisassistentin. Hintergrund ist, dass gerade der Arzt auf dem Land beim Hausbesuch viel Zeit auf der Strecke verliert, obwohl er in der Praxis gebraucht würde. Da kam die Idee auf, Arzthelferinnen weiter zu qualifizieren, damit sie auch Hausbesuche machen und einfache Dinge wie Blutdruckmessen oder Verbandwechsel übernehmen können. Der Arzt entscheidet dann, wann er selbst zum Patienten geht und wann seine Helferin. Mit der Telemedizin und der Videosprechstunde müssen wir genauso vorgehen. Der Arzt und der Patient entscheiden, bei wem es geht und bei wem nicht. Da kommt es auch auf die Angehörigen an, die mit einbezogen werden können.

Ist das eine der stärksten Veränderungen im Gesundheitswesen der vergangenen Jahre überhaupt?

Die ganze Gesellschaft befindet sich durch die digitale Transformation inmitten einschneidender Veränderungen. Dabei habe ich gerade bei den digitalen Möglichkeiten den Eindruck, dass es den Menschen nicht aufgezwungen, sondern von ihnen selbst gewollt ist, weil sie einen Nutzen darin sehen. Da stehen wir einerseits vor den Erwartungen unserer Versicherten und auf der anderen vor den Herausforderungen des demografischen Wandels. Wenn die Ärzte in manchen Regionen nicht mehr ausreichen sollten, muss es trotzdem eine gute medizinische Versorgung geben. Unter diesen Umständen ist die neue Technik keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Die AOK Plus ist Vorreiter mit der Arzneimittelinitiative Armin, bei der Arzt und Apotheker Patienten, die zahlreiche Medikamente brauchen,  intensiv betreuen und einen Medikationsplan erstellen. Wie ist dort der Stand?

Armin ist mit viel Aufwand konzipiert worden. Auf einer guten technischen Infrastruktur werden Arzt und Apotheker im Sinne des Patienten zusammengebracht. Alle Verordnungsdaten, alle Medikamente des Patienten werden für Arzt und Apotheker verfügbar. Damit können sie den Überblick behalten bei Menschen, die fünf oder mehr Medikamente regelmäßig brauchen. Sie können feststellen, ob alles zueinander passt und den Therapieerfolg fördert.

Wie viele Patienten sind bisher dabei?

In Sachsen rund 700, in Thüringen etwa 450. Das ist relativ überschaubar. Wir mussten aber feststellen, dass sich die Softwarehersteller für die Praxisverwaltungssysteme der Ärzte zum Teil schwer taten, eine entsprechende Erweiterung vorzunehmen. Das hindert Ärzte dann daran, Patienten einzuschreiben, weil die technische Umsetzung der Plattform noch nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten. Aber wir sind mit den wichtigsten Anbietern darüber im Gespräch und werden diese Probleme zeitnah lösen.

Wie argumentieren die Anbieter?

Die  Softwarefirmen wollen natürlich immer wissen, wie viele Ärzte so etwas nachfragen werden und ob sich die entsprechende Investition auch lohnt, weil sie durch die Erweiterung der Praxissoftware höhere Lizenzgebühren erwarten. Nun läuft das Projekt ja erstmal in Sachsen und Thüringen und eben nicht deutschlandweit. Da war natürlich von Seiten der Projektbeteiligten auch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Dauert Ihnen das nicht alles zu lange?

Ich würde heute natürlich lieber über 7000 eingeschriebene Patienten reden. Doch man braucht Zeit, um für Akzeptanz zu sorgen. Schließlich geht es um schwerkranke Patienten. Da geben wir auch nicht so schnell auf.

Wie viele Hausärzte und Apotheken machen mit?

In Thüringen sind es derzeit 308 Hausärzte und 465 Apotheken. In Sachsen machen 237 Hausärzte und 509 Apotheken mit. Da müssen wir noch dran arbeiten.

Noch gar nicht geredet haben wir über die E-Akte.

Es wäre hervorragend, wenn ein Patient zum Hausarzt geht, ins Pflegeheim muss oder vom Notarzt behandelt wird, dass dann sofort bestimmte Gesundheitsdaten verfügbar sind. Dass Befunde, Arztbriefe, Dokumentationen an einer Stelle gesammelt und von den Ärzten eingesehen werden können. Dass ambulanter und stationärer Bereich besser kommunizieren können. Natürlich nur, wenn der Patient sein Einverständnis erklärt und der Datenschutz gewährleistet ist. Das wäre ein deutlicher Gewinn für eine bessere medizinische Versorgung. Jetzt passiert das noch zu oft über Telefax und Anrufe, obwohl es längst moderne Wege gibt. 

Wie weit ist die Bundesrepublik da?

Am Anfang. Das E-Health-Gesetz für eine einheitliche Telematik-Infrastruktur ist eine gute Grundlage. Es sorgt dafür, dass jetzt in Deutschland keine Insellösungen mehr geschaffen werden, die nicht miteinander verbunden werden können. Denn die Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen müssen im Interesse des Patienten miteinander kommunizieren können.

Wann wird das sein?

Wir werden noch viele kleine Stufen nehmen müssen, bis es soweit ist. Wichtig ist, dass alle Beteiligten im Gesundheitswesen eingebunden sind. Hier geht Qualität geht vor Schnelligkeit. Aber so etwas wie das zehn Jahre lange Herumdoktern an der Elektronischen Gesundheitskarte darf es nicht mehr geben. 

Wird die Datenschutzdiskussion womöglich übertrieben?

Ich glaube nicht. Gesundheitsdaten der Menschen sind ein sehr sensibles Gut. Solche Informationen in falschen Händen – das wäre verheerend. Wie wollen Sie eine Lebensversicherung abschließen oder einen Immobilien-Kredit bekommen, wenn bekannt  ist, welche Krankheiten Sie womöglich haben?  Deshalb ist der Datenschutz weiterhin sehr wichtig. Allerdings müssen wir aufpassen, dass das Thema Datenschutz nicht als Totschlagargument genutzt wird, um sinnvolle Weiterentwicklungen für eine bessere medizinische Versorgung der Menschen zu verhindern.

Von Roland Herold

Leipzig 51.339695 12.373075
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