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Grundloser Weizenverzicht ist teuer und nicht gesund

Gesunde Ernährung Grundloser Weizenverzicht ist teuer und nicht gesund

Es gibt unzählige Ernährungstrends, die angeblich gesund sind – und auch noch schlank machen. Manche verzichten auf tierische Produkte, andere ernähren sich Low-Carb. Und immer mehr Menschen essen kein Weizen und Gluten. Doch ist das sinnvoll und vor allem gesund?

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Für chronisch Kranke ein Segen, für andere ein Trend in Sachen Abnehmen oder gesunde Ernährung: glutenfreie Produkte.

Quelle: dpa

Es gibt unzählige Ernährungstrends, die angeblich gesund sind – und auch noch schlank machen. Manche verzichten auf tierische Produkte, andere ernähren sich Low-Carb. Und immer mehr Menschen essen kein Weizen und Gluten. Doch ist das sinnvoll und vor allem gesund?

Reismehlbrötchen oder glutenfreier Pizzateig – in den Supermarktregalen stehen immer mehr Lebensmittel ohne Weizen und Gluten. „Der Weizen steht seit Jahren in der Kritik; viele fragen sich etwa, woher ihr Übergewicht kommt. Nach dem Zucker ist ihr Blick bei der Ursachensuche auf den Weizen gefallen", nennt Ulrike Böhm, Ernährungswissenschaftlerin aus Leipzig, einen der Gründe. Hier habe sich eine Entwicklung vollzogen: vom Übergewicht über den Verzicht auf Kohlenhydrate am Abend bis hin zu der Vermutung, es läge am Weizen, mit der schlussendlichen Fokussierung auf Gluten. Der andere Grund: „Der Marktführer in Sachen glutenfreier Produkte hat magere Forschungsergebnisse aufgegriffen, die Glutensensitivität thematisieren. Mit dem Ziel, seine Produkte noch besser zu verkaufen." Hiermit bewege man sich dann im weiten Feld Reizdarm. Und davon fühlen sich gleich viel mehr Menschen angesprochen. Denn an der Autoimmunerkrankung Zöliakie – der Unverträglichkeit von Gluten – leiden in Deutschland nur sehr wenige Menschen.

Welche Funktion Gluten erfüllt

Gluten entsteht, wenn sich die Eiweiße der Getreidesamen durch Feuchtigkeit verbinden. Die meisten Getreidesorten, wie zum Beispiel Weizen, Dinkel und Roggen, enthalten diese Eiweiße und bilden Gluten. Bei Lebensmitteln erfüllt dieses Eiweiß eine technologische Funktion. „Es vernetzt sich und hält die Luft zusammen", erklärt Böhm. Das mache ein Brot luftig oder einen Rührkuchen zu Kuchen anstatt zu Mürbeteig – mal bildlich gesprochen.

Wer auf glutenhaltige Produkte verzichtet, schränkt seine Auswahl an Lebensmitteln dementsprechend enorm ein, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Und das ohne Not: Sich so zu ernähren ist weder gesünder, noch hilft es beim Abnehmen, wie viele hoffen. „Gluten hat keinen besonderen Nährwert. Wir können ohne physiologischen Wertverlust darauf verzichten", sagt Böhm.

„Produkte ohne Gluten sind nicht kalorienärmer", stellt Böhm klar. Weil das Klebeeiweiß fehlt, sind sie häufig trockener. „Um das auszugleichen und den Geschmack zu verbessern, ist meist der Anteil an Zucker und Fett in solchen Produkte höher", erklärt Bianca Maurer von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft. Sie enthalten also häufig nicht weniger, sondern sogar mehr Kalorien. Dafür fehlen sättigende Ballaststoffe. Man isst also tendenziell mehr, um satt zu werden. Geschmacklich täten sich Zöliakie-Betroffene schwer, zum Beispiel ein Brot zu finden, das ihnen schmeckt, weiß Böhm zu berichten. „Es schmeckt einfach anders."

Glutenfrei ernähren sollte sich nur, wer tatsächlich eine Zöliakie hat. Bei Patienten mit dieser Autoimmunerkrankung löst das Klebeeiweiß eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut aus. Gar kein Gluten zu sich zu nehmen, ist allerdings nicht so einfach. Viele Getreidesorten, Fertiggerichte und sogar Wurst- und Käsewaren enthalten Gluten. Laut der DGE-Infothek „Essen und Trinken bei Zöliakie" kann das Klebeeiweiß auch in Süßwaren, in Medikamenten und sogar Zahnpflegeprodukten verarbeitet sein. Wer sichergehen will, sollte daher immer auf das Etikett schauen. „Reis, Mais, Amaranth, Hirse, Buchweizen, Hafer und die Produkte daraus sind von Natur aus glutenfrei", sagt Böhm. Für Patienten, die Zöliakie haben, wurden zudem Ersatzprodukte entwickelt.

Zöliakie erkennen

Eine Zöliakie zu erkennen ist nicht einfach. Die Symptome sind nicht eindeutig: Betroffene Kinder leiden zum Beispiel häufig an Eisenmangel, Wesensveränderung wie Weinerlichkeit, oder sie wachsen nicht mehr. „Bei Erwachsenen können Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Depressionen oder gar Unfruchtbarkeit auftreten", sagt Maurer. Bauchschmerzen und Durchfall hingegen, die viele mit Zöliakie verbinden, treten bei vielen Betroffenen nicht auf. Mediziner bezeichnen Zöliakie deshalb als „Chamäleon unter den Krankheiten", sagt Maurer.

Besteht ein Verdacht, machen Ärzte zuerst einen Bluttest. „Betroffene tragen zöliakietypische Antikörper in sich", sagt Bianca Maurer. In dem Test werden diese nachgewiesen. Ob jemand Zöliakie hat, zeigt aber erst eine Magenspiegelung, bei der eine Probe aus dem Dünndarm entnommen wird. Ist die Unverträglichkeit bestätigt, hilft nur eine Ernährungsumstellung. „Betroffene müssen die Getreidesorten ihr Leben lang strikt meiden, das ist die einzige Therapie für ein beschwerdefreies Leben", sagt Maurer. Bestätigt sich die Diagnose nicht, kann es auch sein, dass der Betroffene eine Weizenallergie hat. In diesem Fall reicht ein Verzicht auf Weizenprodukte.

Die Zöliakie-Gesellschaft findet den Trend zum Weizen- oder Glutenverzicht ohne medizinischen Grund alles andere als gut. Zwar gibt es dadurch mittlerweile viel mehr Ersatzprodukte. Wer tatsächlich Zöliakie hat, fühlt sich aber manchmal gar nicht mehr ernst genommen, meint Maurer. Die Leute würden eher so angeschaut, als verzichteten sie auf Gluten, weil es gerade schick ist. Den Expertinnen zufolge ist das kein guter Grund. Sich unnötig weizen- oder glutenfrei zu ernähren, schränkt nicht nur ein – es ist auch teuer. Denn häufig kosten glutenfreie Produkte mehr als normale.

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