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Zwischen Verkümmern und Verrohen: Wie das Internet unsere Sprache verändert

Sprache im Web 2.0 Zwischen Verkümmern und Verrohen: Wie das Internet unsere Sprache verändert

Was dem einen als kultureller Verlust gilt, ist dem anderen ein Zeichen von Kreativität. Im Land der Dichter und Denker sollte das doch erfreuen. Nur – manchmal will sich die Freude über die zeitgenössische Sprachkultur nicht so recht einstellen. Wie Internet und Soziale Netzwerke unsere Sprache beeinflussen.

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Das Internet trägt maßgeblich zur Veränderung der Sprache bei – aber in welche Richtung?

Quelle: fotolia.com © golubovy

Anders als Latein sind die modernen Sprachen etwas sehr Lebendiges. Sie greifen die Strömungen ihrer Zeit auf, reagieren auf Trends und adaptieren sie - so wandelt sich die Sprache fortwährend. Das ist grundsätzlich gut, selbst wenn dadurch immer wieder Ausdrücke und Redensarten verloren gehen. Dafür entstehen an anderer Stelle mindestens genauso viele neue. 

Katalysatoren Internet und Soziale Netzwerke: Lebendige Sprache

Selbst das ist nur bedingt ein Problem der sich entwickelnden Sprache selbst, sondern viel mehr derjenigen, die dem Tempo dieser Entwicklung nicht mehr folgen können. Das Netz und die Sozialen Netzwerke wirken als DIE Kommunikationskanäle verstärkend auf die Veränderungen der Sprache. Das Kommunizieren verläuft immer schneller, für langes Herumreden und Geschwafel bleibt keine Zeit mehr. Stattdessen haben immer neue Abkürzungen Hochkonjunktur. Mit „bae“ (für „before anything else“) hat es z. B. ein abgekürzter Ausdruck der Zuneigung, der die Vorrangstellung einer Freundin oder eines Freundes betont, immerhin auf den zweiten Platz bei der Wahl zum „Jugendwort des Jahres 2016“ geschafft.

Ganz schön "fly", möchte man dazu kommentierend bemerken, wenn da nicht die Unsicherheit ob der korrekten Verwendung des Jugendwortes des Jahres 2016 bestünde. „Fly sein“ bezieht sich regulär auf Personen, da stellt sich die Frage, ob auch ein Umstand oder eine Begebenheit „fly sein“ können?

Einflussnahme und Anpassung

Wer einen Schritt zurückmacht, um den Blick über das große Ganze der Veränderbarkeit von Sprache schweifen zu lassen, wird in den digitalen Plattformen (wie etwa Wikipedia oder Facebook) schnell die Art von sozialem Raum erkennen, „an dem gesellschaftliche Entwicklungen sprachlich beobachtbar werden oder Diskurse überhaupt erst entstehen“, so Eva Grendel, Sprecherin des Wissenschaftsnetzwerks „Diskurse digital“. Hier geht es unter anderem darum, wie Sprache im digitalen Raum öffentliche Diskussionen durch neue Wortkreationen beeinflussen kann – zum Positiven wie zum Negativen.

Daneben sind Anpassung und Anpassungsfähigkeit große Themen. Beispiel: Abkürzungen. Nicht, dass die deutsche Sprache da Nachhilfeunterricht bräuchte – ein Blick auf die Kürzel von Bundesministerien, Verbänden oder Gesetzen macht das deutlich. In den heutigen Formen der Kommunikation, die sich zu großen Teilen in Chats abspielen, gehören sie zum Standard. Da es hier häufig auf Geschwindigkeit ankommt, führt kein Weg daran vorbei. Was wiederum bedeutet, dass sich die Liste der etablierten Chat-Kürzel ständig erweitert.

Kreativität statt Verfall

Das macht die Sprache vielleicht nicht unbedingt schöner. Eine SMS-Nachricht in Sonett-Form würde allerdings wohl kaum jemand erwarten. In vielen Fällen würde das auch gar nicht funktionieren, da die Begrenzung der zur Verfügung stehenden Zeichen ein Hindernis ist. Der Hang zur Verkürzung ist also nicht immer selbst auferlegt, sondern vom Medium abhängig. Hier ist zwangsläufig Kreativität gefragt, wenn möglichst viel Information – noch dazu, wenn sie sehr komplex ist, wie etwa die Beschreibung eines Gefühlszustandes – übermittelt werden soll.

Gleichzeitig ist diese Art der Kreativität auch ein Mittel der Selbstinszenierung. Wer etwas treffender, prägnanter, witziger, einprägsamer benennen kann, macht bei seinen Lesern Eindruck und fördert die Nachahmung seiner Wortneuschöpfungen.

In dieser Hinsicht ist neben Kreativität auch Präzision gefragt. Die anhaltende Auseinandersetzung mit Sprache sorgt daher in der Folge für eine sehr viel größere Differenzierung. Die Anpassung der eigenen Kommunikation – sprich: der Wortwahl, des Tonfalls etc. – hängt nicht nur von den gewählten Kanälen ab, sondern wird zugleich von den Gesprächspartnern beeinflusst. Der Stil einzelner Gruppen und Gemeinschaften kann deutlich voneinander abweichen, also ist zusätzlich zur Differenzierung ein Mindestmaß an Diversität erforderlich.

Die Kehrseite der Medaille: Von nachlässig bis roh

Insofern kann hinsichtlich des vielfach befürchteten Untergangs der deutschen Sprache Entwarnung gegeben werden – zumindest, wenn es um die Fähigkeiten der Jugendlichen geht, Texte jenseits von „lol“, „fyi“ und „thx“ zu schreiben. In verschiedenen Studien konnte nachgewiesen werden, dass deren Schreibkompetenz keineswegs nachlässt. Den Unterschied zwischen Chat-Nachricht und Aufsatz bekommen die meisten offenbar noch problemlos hin. Besser noch: Die notwendige Diversität und Differenzierung der digitalen Kommunikation kann das Sprachgefühl sogar fördern und die sprachlichen Kompetenzen erweitern.

Rechtschreibung und Grammatik 2.0

Besorgniserregender sind eher die Werke digitaler Sprachkunst, die Erwachsene mitunter liefern. So richtig es sein mag, dass es keine einheitliche Sprache im Netz gibt und sich das Vokabular von Gruppe zu Gruppe, von Forum zu Forum je nach Kontext unterscheidet – es gibt trotz allem eine konsensfähige Grundlage für die korrekte Verschriftlichung. Rechtschreibung und Grammatik gehören als fester Bestandteil der Sprache dazu - auch, wenn sie es dem jeweiligen Verfasser nicht immer leicht machen. Beachtung und Einhaltung dieser Regeln sind zwar vorgesehen, aber die Realität sieht häufig anders aus.

Digitale Medien

Möglichst schnell möglichst viel Information: Darunter leiden bei der Kommunikation im Netz häufiger Rechtschreibung und Grammatik.

Quelle: fotolia.com © Eugenio Marongiu

Dabei führt mancher Rechtschreib- und Grammatik-Fauxpas vielleicht noch zum Schmunzeln, die dahinter stehende, weit verbreitete Symptomatik hingegen weniger. Tatsächlich greifen viele Fehler im Netz um sich, was sie jedoch nicht akzeptabler macht. Die Autokorrektur eines Smartphones kann sich bisweilen als trügerische Hilfe erweisen und Richtiges nachträglich noch in Falsches umwandeln. Allerdings geht es hier nicht um technische Schwächen, sondern um eine unzureichende Auseinandersetzung mit den Regeln der deutschen Sprache.

Eine gewisse Fehlerquote ist sicherlich legitim, davor ist niemand gefeit. Flüchtigkeitsfehler und mangelnde Übersicht, wenn man den eigenen Text zum wiederholten Mal liest, so etwas kommt vor. Ärgerlicher sind vermeidbare Fehler, die letztlich eine gewisse Geringschätzung der Sprache gegenüber zum Ausdruck bringen. Und weil sie dem Leser, selbst wenn sie aus Nachlässigkeit oder Unwissenheit geschehen, genau diesen Eindruck vermitteln. Da kann selbst ein noch so harmloser und kurzer Post in einem sozialen Netzwerk allzu schnell den Anstrich von mangelnder Seriosität erwecken.

Mobbing im digitalen Raum

Auf der anderen Seite gibt es schwerwiegendere sprachliche Verfehlungen, die nachhaltig ein seriöses Auftreten beeinflussen können. Verfehlungen, bei denen selbst die korrekte Verwendung von Rechtschreibung und Grammatik nichts an der Tatsache ändert, dass sie genau das sind. Denn, was das Internet, wie kein Massenmedium vorher, ermöglicht, ist die (vor-)schnelle Verbreitung von Mitteilungen. So wie das Netz im positiven Sinne als Katalysator wirken kann - die Kommunikation wird erleichtert und beschleunigt - passiert das auch im Negativen: die Hemmschwellen fallen erheblich schneller.

Problem Cybermobbing

Das Problem Cybermobbing in einer Grafik veranschaulicht.

Quelle: Redaktion

Die Rolle der digitalen Plattformen ist dabei in gewisser Weise paradox: Einerseits vereinfachen sie zwischenmenschliche Beziehungen, weil der Kontakt und die Nähe weitgehend der eigenen Kontrolle unterliegen - einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht kann man sich viel weniger leicht entziehen. Auf der anderen Seite erschwert die Kommunikation auf diesem Wege die Wahrnehmung und Deutung von Emotionen, die in der wirklichen Welt zu erkennen wären. Das ist einer der Gründe dafür, dass Mobbing im Internet so verbreitet ist – die Auswirkungen auf das Opfer werden nicht so leicht sichtbar. Das ebenso paradoxe Resultat: Das Thema Mobbing ist überaus präsent, wird gleichzeitig aber als unterschätzt beurteilt, so die Erkenntnisse des Bundesverbands Digitale Wirtschaft.

Demokratie im Netz? Das „Hate Speech“-Problem

Tatsächlich gehen die Attacken – so schwer das vor dem Hintergrund solchen Psychoterrors zu glauben sein mag – in den sozialen Netzwerken über das Mobbing hinaus. Daraus hat sich mittlerweile ein Phänomen entwickelt, das als „Hate Speech“ bezeichnet wird. Was dahinter steckt, ist das vermeintlich auf dem Recht zur freien Meinungsäußerung beruhende Kundtun der persönlichen Unzufriedenheit, in diesem Fall hauptsächlich in Bezug auf politische Themen – oder konkreter: bezogen auf politisch Handelnde.

In gewisser Weise ist damit eine sprachlich noch rohere und unreflektiertere Version des bekannten Shitstorms gemeint. Bei „Hate Speech“ werden die Grenzen des zwischenmenschlich Legitimen sehr schnell und sehr heftig überwunden. So entstehen aus (bisweilen wahrscheinlich sogar gerechtfertigter) Wut Äußerungen, die weit jenseits des moralisch Vertretbaren landen. Seinem Zorn Ausdruck zu verleihen ist eine Sache, aber dabei ohne Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen vorzugehen, eine andere. Eine, die so nicht tolerierbar ist, weil die darin zu Tage kommende Verrohung der Sprache nur die hör- und sichtbare Spitze einer gleichermaßen fortschreitenden Verrohung der Sitten ist.

Wie kann man dagegen vorgehen? Sebastian Schlüsselburg, rechtspolitischer Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, sieht auf rechtlicher Ebene jedenfalls noch Nachholbedarf, trotz der bereits ergriffenen Maßnahmen. Die Bemühungen um eine Sensibilisierung, die schon an den Schulen ansetzt, ist eine gute Basis, um einem weiteren Ausufern präventiv vorzugreifen. Andererseits braucht es auch auf Bundesebene deutlich mehr Aktivität, um den Verursachern schneller und effizienter mit rechtlichen Konsequenzen beikommen zu können.

Bleibt andererseits natürlich die Frage, ob nicht die Politik selber sich in dieser Hinsicht wieder mehr auf ihre Vorbildfunktion besinnen sollte. Schließlich sind es oft Politiker – und zwar parteiübergreifend –, die sich gerne einmal im Ton vergreifen. Da braucht es nicht die derben Twitter-Beiträge von Donald Trump, im Gegenteil ist die Riege deutscher Politiker nicht weniger in der Lage, sich mit diversen Tweets unmöglich zu machen.

Diese ganzen Entwicklungen allein der veränderten Kommunikation im Internet-Zeitalter zu Lasten zu legen, würde nicht nur zu kurz greifen, sondern gänzlich am Kern der Sache vorbeigehen. Denn letzten Endes geht es doch generell darum, das eigene Verhalten auf seine Gesellschaftstauglichkeit hin zu überprüfen. Das ist aber eine Aufgabe, die weder Politik noch Gesetz und erst recht nicht Grammatik und Rechtschreibung dem Einzelnen abnehmen können.

Redaktion

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