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Tiergeschichten Auf Durchzug

Ich rede nicht mehr mit meinem Kater. Kein Wort mehr! Nicht nach dem, was er sich geleistet hat. Musste er mich so erschrecken? Mein Kater Matjes schien seinen Namen komplett vergessen zu haben. Dabei kennt er ihn ganz genau.

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Quelle: Volkmar Heinz

Ich rede nicht mehr mit meinem Kater. Kein Wort mehr! Nicht nach dem, was er sich geleistet hat. Musste er mich so erschrecken? Mir blieb fast das Herz stehen, als ihn sah! Ich rief ihn, ich lockte – nichts! Mein Kater Matjes schien seinen Namen komplett vergessen zu haben. Dabei kennt er ihn ganz genau. Schließlich zeigt er es mir ständig.

Die Leidenschaft meiner Katzen sind ihre Leckerchen, die sie täglich von mir verlangen, unaufgefordert selbstverständlich. Natürlich lasse ich mich erweichen, wer kann schon Katzen widerstehen? Doch ich lege sie ihnen nicht einfach bequem vor die Nase, sie müssen sie sich verdienen. „In Position!" das ist ihr Signal und die Katzen sind ganz Ohr und Auge. Ich rufe sie einzeln auf, werfe ein Leckerchen in die entsprechende Richtung. Bei Nennung seines Namens flitzt der Kater los und hält das rollende Teilchen sicherer als jeder Torwart. Danach ist Minzi an der Reihe, die nicht minder begabte Katze, ihre Ration virtuos aus der Luft zu fangen. Wir haben unseren Spaß dabei, bis das letzte Stückchen in den Katzen verschwunden ist. Oh ja, Matjes ist in der Lage, auf seinen Namen zu hören. Er kommt zum Beispiel auch sofort, wenn er durch den Garten streift und mein Rufen hört. Denn mit seinem Namen ist für ihn die Hoffnung auf feines Futter verbunden. Dafür kann man schon etwas tun. Normalerweise. Und dann das!

Ich war auf den Dachboden meines Hauses gestiegen. Nun ist mein Bodenraum nicht als Komfortzone zu verstehen, ich habe ein altes Haus und die Dachkonstruktion zeigt sich mit rohen Balken, erstreckt sich an den Seiten unverputzt und ungesichert bis tief hinunter ins Mauerwerk. Daher ist der Bereich für meine Katzen tabu. Es stapelt sich hier oben auch nur übrig gebliebenes Baumaterial, aufgelockert durch Pappkartons und leere Blumentöpfe. Ich hatte die Dachluke geöffnet, war die Leiter hochgeklettert. Und ich muss gestehen, ich verhielt mich ziemlich unachtsam. Oder ich könnte auch sagen: Ich war reichlich unbedarft. Hatte ich dabei an die Katzen gedacht? Nein, ganz und gar nicht. Sie waren auch nicht zu sehen gewesen. Doch plötzlich stand der Kater da. Hinter mir. Auf dem Dachboden! Er hatte es geschafft, die Leiter hochzukraxeln. Eine Aktion, die Katzen normalerweise nicht schätzen und daher auch nicht ausführen mögen. Doch mein Kater Matjes hatte sich über diese meine Erkenntnis kühn hinweggesetzt. Nun betrat er zum ersten Mal unerforschtes Neuland. Hier war er ja noch nie gewesen! Angeregt durch den frischen Eindruck, eilte er hin und her. Und mir wurde angst und bange! Er lief aufreizend dicht am gefährlichen Ende der Dachschräge entlang, immer nahe am Abgrund. Nahm allerhand Witterung auf, sicher die von Mäusen und Mardern, balancierte fröhlich über die Balken – und stellte seine Ohren auf Durchzug, als ich ihn zu mir rief. Wer mochte hier wohl Matjes heißen, schien er dreist zu denken. Ich war plötzlich Luft für ihn. Selbstredend ließ er sich auch nicht greifen, abgesehen davon, dass ich ihm auf seinen Wegen gar nicht hätte folgen können. In meiner ansteigenden Panik stolperte ich die Leiter hinunter, holte die Dose mit Leckerchen, das Allheilmittel für taube Katzenohren, klapperte lockend damit – doch mein Kater, der sonst kein Krümelchen Futter auslässt, schien das gar nicht zu hören. Mit wachsendem Entsetzen bot ich ihm ein paar Teilchen an, Matjes ignorierte sie mit aufreizendem Desinteresse. Ich war am Rande der Verzweiflung. Sah schon im Geiste meinen geliebten Kater von den Balken abrutschen, um im Mauerwerk zu verschwinden, ganz tief unten, wo nur ein Abriss des Hauses ihn noch retten könnte. Ich verlegte mich aufs Bitten, flehte um seine Einsicht, versprach ihm die höchsten Genüsse in Form von Leckerchen ohne Ende – alles machte keinen Eindruck. Wenn eine Katze nicht hören will, dann hört sie einfach nicht, so einfach ist das bei denen. Ich war allmählich reif für eine ganze Flasche Baldrian, während mein Kater in allerbester Entdeckerlaune weiter in Ecken kroch, die ihn offenkundig aufs schönste inspirierten, was mich jedoch an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte. Endlich hatte er ein Einsehen und warf sich grinsend in die entspannte Seitenlage, selbstverständlich ein Streicheln einfordernd. Ich schnappte ihn mir sofort, drückte ihn an mein Herz und kletterte mit ihm auf dem Arm schleunigst die Leiter nach unten.

Ich war erleichtert wie lange nicht mehr. Und mein Kater? Er verlange jetzt mit Nachdruck nach den gerade verschmähten Leckerchen. Doch da hatte er Pech gehabt, denn nun war ich es, die die Ohren auf Durchzug stellte. Zumindest für ein Weilchen...

Karin Tamcke

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