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Auf Grund gelaufen

Auf Grund gelaufen

So schien es jedenfalls. Folgten sie einem bedachten Plan oder hatte ihnen der Zufall in glücklicher Großzügigkeit das Tor in die Freiheit geöffnet? Keiner wird es je erfahren, denn sie schwiegen sich aus, das ist so ihre Art.

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Quelle: privat

Ihr Ausbruch war perfekt. Nun aber waren sie unterwegs, dem vertrauten Gewässer entkommen. Entschwommen der scheinbaren Sicherheit des großen Karpfenteiches. Denn wie der arme Hänsel der Hexe den Finger vorzeigen musste zwecks Prüfung auf Fettansatz, so wurde auch ihnen eine stete Kontrolle auf Korpulenz zuteil. Erwiesen sie sich als schwer genug, dann landeten sie zu Silvester unweigerlich im Kochtopf und hießen dann „Karpfen Blau" oder ähnlich, ihr Einverständnis vorausgesetzt, niemand würde sie vorher befragen. Sie hatten daher das Weite gesucht und strebten ein besseres Schicksal an.

Aufgewachsen waren sie in dem alten Mühlenteich, den man zur Fischzucht nutzt und von dem in jedem Herbst das Wasser abgelassen wird zur bekannten Karpfenernte. Man sammelt die Fische aus dem Schlamm, was ein Volksfest zufolge hat mit Imbissbuden und viel Musik. Nun würde es für sie kein Spektakel mehr geben, aber auch keinen Kochtopf. Wobei sie die Lust auf Letzteren nicht zwingend überkam. Sie hatten ein Schlupfloch genutzt, konnten durch einen Spalt entwischen, einer nach dem anderen. Der Graben führte sie weiter gen Norden, sie erkundeten fremde Ufer, folgten der nächsten Gewässerverzweigung, flutschten über ein kleines Wehr – und sahen sich urplötzlich einem Umstand ausgeliefert, der ihnen nicht gefallen konnte.

Aufgrund einer längeren Trockenzeit führte der Graben ihrer Wahl nicht den gewünschten Pegelstand, er wurde flacher und flacher und die Karpfen merkten zu ihrem nicht geringen Entsetzen, dass sie unter dem Kiel kaum noch Wasser hatten. Folglich liefen sie auf Grund. Der Rückzug wurde ihnen verweigert durch die Sperre des Wehres, der Blick nach vorn brachte auch keinen Anreiz. Sie saßen in der Patsche. Der Sauerstoff wurde knapp. In Hilflosigkeit zappelnd lagen sie auf den Kieseln des spärlich benetzten Grundes. War hier nun das Ende der verwegenen Flucht? Ihre Meinung von Freiheit erfuhr eine Änderung, das empfundene Hochgefühl formte sich um in Bestürzung. So hatten sie sich das nicht gedacht.

Zur gleichen Zeit spielte ein kleiner Junge in der Nähe des Grabens. Ihm konnte nicht verborgen bleiben, was in dem Rinnsal geschah. Er war ein kluges Bürschchen, erkannte den Ernst der Lage und alarmierte die Mutter. Die traute ihren Augen nicht, als sie auf dem Grund des Grabens die gestrandeten Fische sah, die durch ihr Verhalten ein baldiges Ende signalisierten. Eiligst wurde geholt, was an Behältern verfügbar war, Eimer und kleine Wannen, mit ausreichend Wasser gefüllt und die um Luft ringenden Karpfen einer Erstversorgung unterzogen. Der Zufall wollte es, dass im rechten Augenblick die Feuerwehr die Gegend passierte. Der Notfall war so offenkundig und mit keinem Zweifel behaftet, dass die wackeren Männer helfend eingreifen mussten. Sie zeigten sich erprobt in Einsätzen vieler Art, doch entlaufene Karpfen hatten noch nie um Hilfe gebeten. Nun konnte auch keine Feuerwehr den Wasserstand des Grabens ändern, doch waren es etliche Hände mehr, die beim Einsammeln halfen. Zur Ehrenrettung der Männer muss unbedingt gesagt werden, dass keiner auf die Idee verfiel, an ein günstiges Mahl zu denken.

Als sich alle Karpfen in einem Behältnis wiederfanden, erfolgte der Transport zum nächsten kleinen Fluss im Einsatzwagen der Feuerwehr, wenn auch ohne Blaulicht. Nicht jedem erfährt eine solche Ehre, doch den Karpfen war diese Wertschätzung egal, nicht aber das frische Wasser, das bald in sanften Wellen über ihre Schuppen spülte, durch die Kiemen drang, ihnen die Luft zum Atmen schenkte und sie in eine Welt entführte, die sie aufgrund ihrer Herkunft als auf- und anregend empfanden. Sie erholten sich auch schnell von dem desolaten Zustand, wagten die ersten Flossenschläge und entfernten sich mutig vom Ufer. Alle warennun in Freiheit, wodurch ihre Lebenserwartung beträchtlich nach oben schnellte. Sie würden vermutlich auf keinem Teller die Jahreswende verbringen, es sei denn, sie gingen einem Angler an den lockenden Haken, doch wäre das ihre eigene Entscheidung und ein sportliches und wesentlich faireres Ende.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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