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Auf dem Dach

Auf dem Dach

Da sitzen sie nun und feixen sich eins, dort oben in luftiger Höhe. Sie könnten es gar nicht besser haben. Der ganze Trubel um sie herum ist ihnen piepegal, beeindruckt sie keineswegs.

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Quelle: Daniel Bockwoldt

Das Selbstbewusstsein einer Möwe ist sehr ausgeprägt. Sie wissen, was sie wollen. Was sie für gut befinden, das nehmen sie sich einfach. Und das ist eine ganze Menge.

Zuerst einmal das Dach. Doch was war das für ein Theater gewesen, als sie im Frühjahr begannen, hier oben ihr Nest zu bauen! In wohltuender Übereinstimmung hatten sie es für gut befunden, dieses spezielle Fleckchen auf dem Mehrfamilienhaus. Kein beutegieriger Fuchs kann sie hier erreichen, jeder Marder würde verzweifeln beim Aufstieg an der glatten Wand. An Bedrohungen anderer Art dachten sie vorerst nicht. Zugegeben, ein kleiner Balanceakt war es gewesen, das Nistmaterial auf der schrägen Fläche so gekonnt zu verbauen, zu verkanten und zu verschränken, um Haltbarkeit zu schaffen. Doch sie zeigten genügend Erfahrung, arbeiteten gut miteinander, lebten schon recht lange in einer stabilen Partnerschaft.

Die Luftlinie zum Binnensee beträgt nur ein paar Minuten, doch die bebauten Ufer ließen die Brutplätze immer mehr schwinden, daher hatten die Möwen beschlossen, in die Stadt zu ziehen. Spielend passten sie sich den neuen Gegebenheiten an, die Vorzüge frohen Herzens nutzend. Was den Menschen billig, ist den Möwen nur recht: Sie entwickelten eine Passion für Fastfood-Restaurants. Besonders in der Freiluft-Saison fallen dort viele Schätze ab. Sie fischen sich aus den Abfallkübeln, was sie für brauchbar halten. Sie sind sogar so dreist, sich von den Tischen der Straßen-Cafés ungeniert die Reste zu klauen. Und wenn jemand nicht achtgibt, dann sieht er vielleicht seinen Burger direkt aus der eigenen Hand mittels Möwenschnabel entschwinden, Berührungsängste sind ihnen fremd. Und ihr robustes Verdauungssystem wird mit allem fertig. Alles ließ sich folglich gut an für das Möwenpaar.

Dann ging es plötzlich los mit dem ganzen Tamtam. Unbemerkt von den Hausbewohnern hatten sie mit dem Bau auf dem Dach begonnen. Als die das registrierten, war das Nest fast fertig und damit alles zu spät. Es stand nun unter Naturschutz, keiner durfte ungestraft auch nur ein Hälmchen entfernen. Ein Möwennest auf dem Dach kann alles Mögliche bedeuten. Auf jeden Fall darf man vermuten, dass von der menschlichen Nachbarschaft Humor gefordert ist. Der Hausbesitzer hat den nicht. Als er das Möwennest sah, kam mächtiger Groll in ihm auf. Er sah nur das Ungemach, das es mit sich bringen könnte. Er achtet sehr auf Ordnung und auf Sauberkeit. Man kann von Möwen nicht behaupten, dass diese Eigenschaften zu ihren Stärken zählen. Sie werfen manchmal mit Nahrungsbrocken oder, was unangenehmer ist, mit deren Endprodukten. Und ihr kreischendes Lachen macht sie nicht zu den leisesten Nachbarn. Folglich wollte der Eigentümer keine Sympathie entwickeln. Nicht einmal der adrette Look der ungebetenen Hausbesetzer konnte ihn versöhnen. Er wurde auf frischer Tat ertappt beim heimlichen Feldzug gegen das Nest. Doch war das Vorgehen nicht heimlich genug, seinem Umfeld war der Beginn des Frevels nicht verborgen geblieben. Und nun begann das Theater.

Die Nachbarn standen auf Seiten der Möwen, argumentierten zu deren Gunsten, fanden jedoch kein Verständnis bei dem verärgerten Mann. Es entbrannte ein bitterer Streit, der bald lautstärker wurde als jegliches Möwengeschrei. Jemand rief die Polizei. Alle Hände voll zu tun hatten die armen Ordnungshüter, um beruhigend einzuwirken, den Hausbesitzer zu ermahnen und die Rechte der Möwen zu stärken. Die Verursacher des ganzen Theaters hockten derweil auf dem Dach. Geschützt durch die Gesetze. Der Trubel unter ihnen schien sie eher zu amüsieren. Sie schielten mit schief gelegtem Kopf auf die Kontrahenten und gaben sich wie gewohnt sehr cool. Doch dann begannen sie, von dem Geschehen zu profitieren. Ihre Fürsprecher sahen in ihnen nicht länger anonyme Vögel. Sie bedenken jetzt „ihre" Möwen mit guten Essensresten, sind besorgt um ihr Wohlergehen. Die Möwen nehmen die Gaben mit starkem Selbstverständnis an. Und über die mürrische Miene des verstimmten Hausbesitzers können sie nur lachen. Laut und kreischend.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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