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Ausgrabungen

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Man hätte es sehen müssen. Zumindest die Sache mit der Größe. Man hätte es sich denken können nach einem Blick auf die riesigen Pfoten, die in seltsamem Verhältnis standen zum restlichen Körper des tapsigen kleinen Hundes.

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Quelle: Jörg ter Vehn

Eines niedlichen Welpen, der freundlich wedelnd an die Gitterstäbe gestolpert kam, um den Menschen einen Blick zu schenken. Einen intensiven Blick, der sie sofort bezauberte. Damit war klar: Dieser Hund sollte es sein! Und so achtete keiner auf die großen Pranken. Was ein Glück für Emil war.

Wenn man im Tierheim sitzt, dann ist die Konkurrenz überreichlich vorhanden, was die Chancen auf Vermittlung deutlich reduziert. Zumal wenn man als Hund mit schwarzem Fell bekleidet ist und sich keiner Rasse zuordnen lässt. Und auf Emil traf leider beides zu. Doch Emils Blicke hatten ihre Wirkung getan und so bekam er schnell sein Zuhause. Er zog ein in ein Häuschen am Stadtrand, das umschlossen wurde von einem herrlichen Blumengarten. Auch ein Zaun war vorhanden, zum Schutz für ungebärdige Welpen. So konnte Emil sich gefahrlos rund ums Haus bewegen. Die Familie kümmerte sich rührend um ihn. Er bekam ein Hundekörbchen und Spielzeug und viel Aufmerksamkeit. Er war auch wirklich reizend. Ein wuscheliger Welpe mit hingebungsvollem Blick.

Und dann geschah etwas, womit man nicht gerechnet hatte. Emil wurde älter, damit hatte man gerechnet. Nicht aber, dass er begann, im Zeitraffer zu wachsen. Der übrige Körper beeilte sich, die Pfoten einzuholen, bis aus dem handlichen Hundchen ein halbes Kalb geworden war. Das überraschte die Familie, war man doch von mittlerer Größe ausgegangen. Doch tat dieser Umstand der Liebe zu ihm natürlich keinen Abbruch. Zumal über ihn nur Gutes berichtet werden konnte. Nie hatte er versucht, die Einrichtung zu zerkauen, wie man es von Welpen kennt. Lediglich ein Hausschuh musste sein Leben lassen, danach distanzierte sich Emil von solch infantilem Treiben.

Er zeigte sich gutmütig und zugewandt und hörte meistens auf seinen Namen. Die Grundkommandos, Bestandteil einer guten Erziehung, fanden zügig Eingang in seinen Wissensspeicher. Man kann sagen, er schenkte viel Freude. Außer einer weiteren Wendung, die man auch nicht erwarten konnte: Emil hatte sich seinen Menschen angepasst und ebenfalls ein Faible für die Gartenarbeit entdeckt. Doch er verstand die Sache anders, als sie gedacht worden war. Schon früh begann er, die Beete umzugestalten. Er grub mit immensem Eifer Pflanze um Pflanze aus. Und bei seiner Größe schafften seine Pfoten entsprechend viel an Arbeitsleistung.

Diese Marotte löste wenig Beglückung aus, was verständlich ist. Der Garten war ein Schmuckstück und mit viel Hingabe angelegt. Emils Erziehung bekam den Versuch hinzugefügt, seine Interessen auf andere Objekte umzuleiten. Bälle wurden ihm offeriert, die er auch brav apportierte. Doch konnten die seine Liebe zur Botanik nicht hemmen. Öfter als gewünscht brachte er sich ein. Frisch gesetzte Tulpenzwiebeln gab er dem Tageslicht zurück und legte sie, akkurat ausgerichtet, neben die verbliebenen Mulden. Und ein unlängst gepflanztes Mandelbäumchen befand sich am Folgetag hilflos in der Seitenlage, da sorgsam dem Erdreich entnommen. Emil spulte den Film der Gartengestaltung sozusagen rückwärts ab.

Die Menschen waren ratlos. Sollten sie alle Pflanzen durch schützende Zäune sichern? Emil die Gartennutzung versagen? Dann wendete sich jäh das Blatt. Ja, Emil wurde sogar gelobt für seine Buddelei. Denn beim Rückbau eines frisch angelegten Rosenbeetes grub Emil ein Ding zutage, dem er selber zwar keine Bedeutung beimaß, der Besitzer des Fundstückes jedoch umso mehr. Neben den Wurzeln der ausgegrabenen Gloria Dei lag zweifelsfrei ein Mobiltelefon. Das schmerzlich vermisste Handy, das sich unbemerkt bei der Pflanzaktion aus der Hosentasche befreit und gen Erdreich verselbständigt hatte. Emil avancierte zum Helden des Tages. Wer wollte da noch mit Zurechtweisungen kommen?

Seitdem werden Emils Schäden schmerzlich registriert und seufzend repariert. Man setzt nun auf die Zukunft in Kombination mit Vernunft. Darauf, dass Emils Interesse an den Ausgrabungen endlich schwindet, wenn er älter und weiser wird.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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