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Blindes Vertrauen

Tiergeschichten Blindes Vertrauen

Sie erhielten die Namen Susi und Strolch. Eng verbunden in ihrem Schicksal, stromerten sie gemeinsam durch die Welt. Bis ein Tierheim-Mitarbeiter ganz plötzlich den Sinn und Zweck dieser engen Beziehung begriff.

Bei gutem Wetter toben sie gemeinsam durch den Garten.

Quelle: Ricarda Keller

Leipzig. Sie waren eine Einheit, eng verbunden in ihrem Schicksal. Zwei kleine Streuner, die durch die Felder streiften. Als sie aufgegriffen wurden, wusste keiner etwas über ihre Vergangenheit und auch sie schwiegen sich aus. Wo sie doch, wäre es ihnen möglich gewesen, so viel hätten erzählen können. Erzählen, was vordem gewesen war, und vor allem von ihrem großen Geheimnis. So stellten sie die Menschen vor ein paar unlösbare Rätsel. Es kommt nicht häufig vor, dass zwei herrenlose Hunde gemeinsam durch die Gegend stromern. Wo hatten sie vorher gelebt? Hatte man sie ausgesetzt? Waren sie entlaufen? Sie trugen beide kein Halsband, keine Steuermarke und hatten auch keinen Chip unterm Fell, der Klarheit schaffen könnte.

Man brachte sie vorerst im Tierheim unter und keiner kam, um sie abzuholen. Sie erhielten die Namen Susi und Strolch, ihrem Aussehen angepasst. Beide waren entsprechend bekleidet, Susi mit einem senfgelben Fell, während Strolch im grauen Zottelpelz steckte. Die Zugehörigkeit zu einer edlen Rasse ließ sich bei beiden nicht erkennen. Vielleicht hatten Golden Retriever und Border Collie mitgemischt, doch wichtig war das nicht. Was sagt schon eine Ahnentafel über den guten Charakter aus? Nun waren sie also im Tierheim, drückten sich eng aneinander, mochten sich nicht trennen lassen, nicht einmal für die Grunduntersuchung. Wollte man Susi kurzzeitig von ihrem Freund Strolch entfernen, zog sich der erschrocken in sich selbst zurück, tat keinen einzigen Schritt, zeigte große Verstörung. Keiner brachte es deshalb übers Herz, sie in verschiedene Räume zu stecken, so bezogen sie dann gemeinsam ein eigenes Appartement. Selbst beim täglichen Auslauf waren sie miteinander verbunden, wobei es besonders Strolch war, der Susis Nähe suchte und ihr nicht von der Seite wich. Er legte ihr vertrauensvoll seine Schnauze auf den Rücken, so bewegten sie sich oft im Doppelpack, was ein wenig seltsam aussah. Doch Susi schien das nicht zu stören, sie zeigte sich nicht irritiert durch seinen standhaften Körperkontakt, ja, sie förderte ihn geradezu, indem sie ihn ermunterte, ihn liebevoll stupste und ihm mit einem herzhaften Schlapp über die Nase fuhr. Dann lebte der Rüde weiter auf, lief befreit neben Susi her, spielte so ausgelassen wie sie und zeigte seinen Charme, über den er durchaus verfügte, der aber nur zum Tragen kam, wenn er in Susis Nähe war. Und die freundliche Susi umgab ihn großzügig mit Zuneigung und Güte.

Nun ist ein Tierheim keine Dauerlösung und soll dem Zwecke dienen, ein schönes neues Zuhause für die Bewohner zu finden. Wie war es nun mit Susi und Strolch? Es gab eines Tages Interessenten, aber nur für Susi. Könnte man es verantworten, sie verschiedenen Familien anzuvertrauen? Oder gab es nur die Lösung, sie gemeinsam zu vermitteln? Die Größe beider Hunde bewegte sich nicht im Handtaschenformat, würde es Menschen geben, die sich bereit erklärten, gleich zwei mit diesen Maßen ihrem Hause zuzuführen? Es schien so überaus herzlos, das Paar auseinanderzureißen. Was würde vor allem mit Strolch geschehen, mit seiner zarten Seele?

Und dann begab es sich eines Tages, dass ein Tierheim-Mitarbeiter ganz plötzlich den Sinn und Zweck dieser engen Beziehung begriff. Zur sicheren Bestätigung wurde Strolch dem Tierarzt vorgeführt, der nun, wo der Verdacht bestand, die entsprechende Diagnostik betrieb. Was anfangs keiner vermutet hatte, zeigte sich am Ende der Tests: Strolch konnte kaum noch etwas sehen, bewegte sich nur in Susis Nähe sicher und unauffällig, orientierte sich an ihr, ließ sich leiten, ließ sich führen, vertraute ihr mit Überzeugung. Susi war Strolchs Blindenhund. Willig hatte sie die Aufgabe übernommen. Waren sie alle selbst blind gewesen? Hatten sie es nicht gesehen? Gar nichts davon bemerkt? Zwar trug Strolch keine gelbe Binde mit den schwarzen Punkten, doch waren die Anzeichen doch so deutlich!

Nun stand die Entscheidung fest, man würde sie niemals trennen können. Dadurch war ein neuer Vermittlungsansatz gegeben, die rührende Geschichte kam in die Zeitung. Es wurde einen herzbewegender Artikel, er hob die beiden Hunde heraus aus der Masse, betonte das Besondere, und erweckte viel Hilfsbereitschaft. Nun meldeten sich auch liebe Menschen und boten dem Paar ein Zuhause an. Und wer heute in ihre Gegend kommt, der kann bei gutem Wetter zwei fröhliche Hunde sehen, die gemeinsam ausgelassen durch den Garten toben. Das einzig Auffällige ist, dass sie stets dicht beieinander bleiben, der senfgelbe vorneweg, der andere folgt als grauer Schatten, in blindem Vertrauen in die Achtsamkeit und Fürsorge seiner Gefährtin.

Von Karin Tamcke

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