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Brunos Flucht

Tiergeschichten Brunos Flucht

Nein, so hatte sich Bruno das ganz und gar nicht vorgestellt. Er wollte nur noch weg. Doch nun rächte sich sein wenig umsichtiges Verhalten. Schmerzlich vermisste er seine Decke und den gefüllten Napf.

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Quelle: dpa

Was war das doch nur für ein Reinfall! Nein, so hatte er sich das ganz und gar nicht vorgestellt. Aber was hatte er sich vorgestellt? Gar nichts in diesem Moment, das musste sich Bruno eingestehen. Da war ihm alles egal gewesen, er wollte nur noch weg. Nun rächte sich sein wenig umsichtiges Verhalten. Jetzt, wo er langsam zu Atem kam, sich wieder sammelte und die Lage überdachte, da musste er leider bemerken, dass alles nicht so war, wie es hätte sein sollen. Der schwarzweiße Mischlingsrüde steckte tief im Schlamassel.

Wo war sein Zuhause? Nicht annähernd wusste er die Richtung. Was hatten sie ihn auch in diese Praxis schleppen müssen! Nur zu einer Kontrolle, wurde ihm gesagt. Viel konnten sie ihm erzählen! Tierarzt war Tierarzt, Bruno ließ da nicht mit sich spaßen. Die offene Tür, nur für einen Moment, war für ihn das Signal gewesen. Schnell wie der Blitz konnte er entkommen, das Wartezimmer hinter sich lassen und auch die Rufe, die er doch sonst so gerne hörte. Nein, sie würden ihn nicht stoppen. Er lief und lief, rannte über Straßen, Wege, Wiesen, Felder, bis er sich nun orientierungslos in dieser Wildnis wiederfand. Nur Bäume und Sträucher gab es hier, aber zumindest keinen Tierarzt. Er setzte vorsichtig seine Marke an einen der vielen Bäume, man konnte ja nie wissen...! Dann trabte er unschlüssig weiter.

Übergroße Bangigkeit schlich sich in sein Gemüt. Er war kein mutiger Hund, war es noch nie gewesen. Nicht heute und nicht damals, als er noch in Spanien lebte. Auf einem Bauernhof hockte er, angekettet Tag und Nacht, sollte Fremde verbellen, was er nicht zufriedenstellend tat. Es gab nur eine dürftige Hütte und die Reste vom Tisch der Leute. Das war kein netter Zustand, nein, er trauerte dem nicht nach. Dann waren seine Menschen gekommen, die holten ihn dort heraus, nahmen ihn bei sich auf. Die neue Sprache erlernte er schnell, zwar unterstützt durch Leckerchen, doch vor allem, weil der Ton so nett war, in dem man mit ihm redete. Nun hatte er alles aufs Spiel gesetzt. Allmählich kam mit Macht die Reue, allerdings kam sie zu spät. Es war ihm doch so gut gegangen bei seiner neuen Familie! Ob er sie jemals wiederfand? Selbst ein Tierarztbesuch konnte nicht so fürchterlich sein wie ein Dasein ohne seine Menschen. Weshalb war er nur so feige gewesen?! Nun hatte er den Salat.

Zur Nacht zog er sich ins Gebüsch zurück, vermisste schmerzlich seine Decke und den gefüllten Napf. Am Tag machte er sich auf den Weg, ohne ein bestimmtes Ziel. Er kannte hier ja nichts. Langsam kam er zum Stadtrand. Doch wenn er jemanden sah, floh er entsetzt zurück ins Gestrüpp, die ganze Sicherheit, die ihm seine Familie gab, war ohne die verschwunden. Frustriert ernährte er sich, indem er Mülltonnen plünderte. Weiß Gott kein Fünf-Sterne-Service! In den Zustand der Zufriedenheit konnte er so nicht gelangen. Würde das nun sein Leben bis in alle Ewigkeit sein? Er konnte ja nicht wissen, dass seine Menschen alles taten, um ihn aufzufinden. Sie suchten ihn durch die Zeitung, behängten Bäume mit seinem Steckbrief, riefen alle Tierheime an, informierten sogar die Jäger. Hin und wieder sah man ihn, doch wenn sich jemand näherte, rannte er weg, so schnell er konnte. Uralte Ängste gewannen die Überhand und aktivierten seinen Fluchtreflex.

So vergingen die Wochen. Aber seine Besitzer gaben die Hoffnung nicht auf, ihren Bruno wiederzufinden. Sie organisierten eine Hundestaffel, die sich aufs Dog-Trailing verstand. Die Hunde nahmen die Witterung auf, konnten das Gebiet einkreisen, das der Ausreißer täglich frequentierte. Dort wurde ein Futterplatz eingerichtet, den Bruno nicht vernachlässigen mochte. Das riet ihm seine Vernunft, schließlich war die Abfall-Sammlung nicht immer von Erfolg gekrönt. So machte er sich auch gerade über die schmackhaften Brocken her, als sein Schulterblatt plötzlich einen Schmerz registrierte, doch bevor er den Gedanken an Flucht zu Ende denken konnte, schlummerte Bruno sanft in das Land der Träume hinüber. Das Erwachen war mit schierem Entsetzen verbunden. Er identifizierte sofort den Geruch, diesen unverwechselbaren Geruch. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher gekommen war, er kannte ja kein Betäubungsgewehr, doch er wusste ganz genau, wo er sich nun befand! In der Tierarztpraxis! Aus der er doch extra geflüchtet war! Das hätte er auch bequemer haben können! Dann sah er seine Menschen. Sie waren da, um ihn zu holen. Und plötzlich war alles ganz einfach, selbst der Tierarztgeruch mochte ihn nicht mehr schrecken, er spürte nicht einmal die Spritze, die man ihm vorsorglich gab. In Bruno war nur noch übergroße Freude.

Karin Tamcke

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