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Das Bollwerk

Tiergeschichten Das Bollwerk

Fühlen sie sich als Helden? Klopfen sich selbst auf die Schulter? Schwelgen in Anerkennung ihrer tapferen Handlungsweise? Sie hätten jedes Recht dazu. Mutig sind sie gewesen, nicht jeder hätte sich so verhalten.

Tapfere Schafe bilden ein Bollwerk und lassen den fliehenden Bankräuber nicht durch.

Quelle: Peter Endig

Leipzig. Fühlen sie sich als Helden? Klopfen sich selbst auf die Schulter? Schwelgen in Anerkennung ihrer tapferen Handlungsweise? Sie hätten jedes Recht dazu. Mutig sind sie gewesen, nicht jeder hätte sich so verhalten. Schließlich ging es auch um ihren eigenen wolligen Körper, ging um Leib und Leben. Was hätte alles geschehen können! Nicht auszumalen das Drama. Dabei ist Mut nicht einmal ihr hervorstechendes Merkmal. Eher das Gegenteil. Doch die Situation ließ gar nichts anderes zu und sie würden auch in Zukunft so handeln. Schließlich sind sie Schafe, die ihre Verhaltensmuster pflegen.

Im eigentlichen Schafsalltag geht es bei ihnen allerdings eher besinnlich zu. Sie leben das ganze Jahr im Freien, selbst im Winter genießen sie die Frische außerhalb eines Stalles, sie sind ja gewöhnt an die Kälte, tragen ihre dicke Bewollung als Panzer gegen Eis und Schnee. Das Frühjahr und den ganzen Sommer waren sie schon auf der Koppel gewesen und als sich das Jahr dem Herbst zuwandte, begannen sie gewissenhaft, ihren Wärmehaushalt auf Temperaturen umzustellen, die ein Winter so mit sich bringt. Daher macht es ihnen nichts aus, ja es ist sogar vergnüglich, auch bei Minusgraden die Weide abzugrasen, obwohl die saftigen Halme des Sommers einer minderen Qualität weichen mussten.

Sie führen ein beschauliches Dasein. Driftet diese Geruhsamkeit vielleicht nicht doch eines Tages ab in eine gewisse Monotonie? Könnte hier nicht leicht die Langeweile Einzug halten? Was bereden Schafe tagaus, tagein in der Herde? Wie vertreiben sie sich die Freizeit, die neben dem Grasen und Verdauen überaus reichlich anfällt? Referieren sie über das Gras? Widmen sie sich in ihrer kontemplativen Ruhe vielleicht sogar der Philosophie? Sprechen sie beim Wiederkäuen gewichtige Erkenntnisse an, wie: Der Halm von gestern, erst einmal gefressen, kann nicht mehr der Halm von morgen sein.? Doch sie scheinen ganz zufrieden, dazu noch der Kreis ihrer Artgenossen, mehr brauchen sie nicht zum Herdenglück. Wie gut, dass alles so ist.

Wie gut, dass sie dort draußen leben und nicht in einem Stall und daher verfügbar waren, exakt in dem Moment, als alles schon verloren schien. Wie gut, dass sie sich so wacker hielten. Was war geschehen, das ihr unaufgeregtes Leben so sehr auf den Prüfstand stellte? In der entfernten Stadt hatte ein Banküberfall stattgefunden. Mit einem Sack voller Geld flüchteten die Täter, sprangen in das Auto, das vor der Bankfiliale mit laufendem Motor wartete. Sie waren ihrer Sache so sicher, wähnten sich schlau und nun auch noch reich. Schnell nahm die Polizei die Verfolgung auf. Durch die halbe Stadt ging die wilde Jagd. Doch die Diebe waren gewitzt, durchfuhren enge Kurven in tollkühner Raserei, hängten die Polizisten ab, die richteten Straßensperren ein, der ganze Polizeiapparat war im Einsatz. Die Flüchtenden ließen sich nicht stoppen, hatten mittlerweile das flache Land erreicht, eine schnurgerade Straße, sie traten kräftig aufs Gaspedal und erweiterten ihren Vorsprung, fühlten sich in Sicherheit, feixten sich eins und frohlockten, zählten im Geiste wohl schon die Beute.

Und dann tauchte ganz plötzlich dieses Hindernis auf. So unerwartet wie unerfreulich. Ein umfangreiches Hindernis, das die Straße blockierte, ein wolliges Hindernis, standhaft und unüberwindbar. Die Schafe waren gerade dabei, die Straße zu überqueren, um auf einer anderen Weide neue Gräser zu finden. Sie hörten die Sirenen, sahen das flackernde Blaulicht, das sich beständig näherte, sahen ein Auto in rasender Fahrt, das rücksichtslos auf sie zuhielt. Versuchten sie auszuweichen? Sich feige zu verdrücken? Nein, sie standen still und stumm, mit beklommenem Gemüt, doch bereit zur ehernen Blockade. Gaben die Losung aus: Ballen! Und sie ballten sich noch fester zusammen, im Entsetzen vereint, jedoch eisern entschlossen. Wie ein Bollwerk standen sie da. Viele tapfere Schafe, die dem sich nahenden Verderben unbeugsam ins Angesicht schauten und kein Schlupfloch ließen. Die Räuber konnten nur kapitulieren vor diese lebenden Barriere. Undurchdringlich war die Masse, die ihnen aus vielen gelben Augen angstvoll entgegensah und deshalb noch mehr zusammenfand und keinen Schritt zur Seite wich.

Obwohl die zitternden Schafe das Schlimmste befürchten mussten, geschah das große Wunder. Das Auto stoppte vor der Herde, kein Tier kam zu Schaden. Die Polizisten konnten nun in Ruhe ihre Arbeit tun. Und die Schafe? Die waren die Helden des Tages. Eine Fuhre Rüben gab es als Anerkennung für ihre Tapferkeit. Das war doch selbstverständlich, würden sie sagen, könnten sie reden. Und mit dem gleichen Selbstverständnis fraßen sie die Rüben.

Von Karin Tamcke

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