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Das Corpus Delicti

Tiergeschichten Das Corpus Delicti

Dass es ausgerechnet Hermine passieren musste! Sie ist ein bedächtiges Schaf und genoss bis jetzt das volle Vertrauen der Bäuerin. Was trieb sie in die Futterküche? Nun trägt sie für alle sichtbar die Farbe, die sie als Tollpatsch ausweist. Den artfremden Look kann sie nicht vorm nächsten Frühjahr ablegen.

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Quelle: André Kempner

Es war ein Missgeschick. Wer etwas anderes glauben mag, der soll das ruhig tun. Sie könnte doch nichts daran ändern. Es ist nun einmal geschehen und sie trägt jetzt das sichtbare Zeichen der Schmach. Doch dass es ausgerechnet Hermine passieren musste, ist das Erstaunliche daran. Ausgerechnet ihr! Hermine ist ein Schaf von sehr gedrosseltem Temperament. Wenn es der Heinrich gewesen wäre oder die Kunigunde, man könnte es noch eher zu begreifen. Aber nein, es war die sachte Hermine. Wollte sie etwa ein Zeichen setzen? Beweisen, dass auch in ihr Überraschungen stecken können? Ein bisschen Übermut sich Bahn zu brechen wusste? Nein, doch nicht bei Hermine.

Sie ist, wie gesagt, ein bedächtiges Schaf. Teil einer kleinen Herde, die auf dem Bauernhof lebt. Bereits als junges Lamm fiel ihr besonnenes Wesen auf, das sich auch später nicht ändern sollte. Daher war es selbstverständlich, dass sie erwählt worden war, einen besonderen Job auszuführen. Der Stolz der Bauersfrau ist ihr schöner Blumengarten, dem eine größere Rasenfläche seinen grünen Mittelpunkt gibt. Es ist ein Privileg, den Rasen kürzen zu dürfen. Nur ausgewählten Schafen wird diese Tätigkeit anvertraut, nicht dass am Ende die spitzen Hufe die blühenden Stauden zertrampeln, wenn zu viel Ungestüm die wichtige Arbeit begleitet. Hermine genoss bis jetzt das volle Vertrauen der Bäuerin. Nie tat das Schaf einen falschen Tritt in das Blumenbeet, nie gab es einen gereckten Hals in Richtung der Blütenpracht. So stand es außer Frage, dass stets Hermine hier wirken durfte, bestenfalls noch Rosalinde, der Rest der Herde fraß indessen die nahe Koppel kahl. Das Mähen der Rasenfläche im Garten ist als Auszeichnung zu werten und Hermine wusste das zu schätzen, zumal hier auch die zartesten Gräser wachsen. Ausgesuchte Gräser von bester Qualität.

Für ein Schaf ist es das höchste der Gefühle, zarte Gräser zu rupfen, in den Pansenmagen zu schieben, sie erneut zu wiederkäuen, daraufhin in den Blättermagen gleiten zu lassen, wo sie bald den Netz- und den Labmagen passieren, bis sie endlich das Schaf im verdauten Zustand verlassen. Daraus lässt sich ersehen, was für ein komplexer Prozess das Verzehren und Verdauen ist, ein mit großer Ernsthaftigkeit betriebenes Geschehen. Es ist daher vorstellbar, welch ungleich größerer Lustgewinn aus dem Vorgang gezogen wird, um welche Spanne genussreicher, wenn es sich dann bei dem Futter um zarteste Rasenspitzen handelt. Daher möchte auch Hermine ihre Vorzugsstellung nicht verlieren. Wobei das nun deutlich in Frage steht. Schließlich verlangt dieser Job ein hochentwickeltes Zartgefühl. Und ihr guter Ruf als feinfühliges Schaf ist jetzt ruiniert. Sie und ein kontrolliertes Wesen? Stets umsichtig und bedacht? Nach diesem schlimmen Malheur, eher eines Trampels würdig?

Folgendes war geschehen: Die Bäuerin hatte mit Fleiß Holunderbeeren gepflückt. Viel Arbeit war das gewesen, die Dolden zu schneiden, die Beeren abzustreifen und den Saft zu gewinnen. Der füllte bald einen großen Bottich, stand zwecks weiterer Verwendung in der Futterküche. Saft mit aromatischem Duft und von schöner dunkellila Farbe. Marmelade sollte daraus entstehen, Suppe und Fliederbeer-Trank für den Winter. Ja, so war das geplant gewesen. Bis Hermine kam. Was trieb sie in die Futterküche? Sie hat dort doch gar nichts zu suchen! Hin und wieder kommt es vor, dass sich Schafe dorthin verdrücken. Sie verschaffen sich unerlaubten Zutritt, stibitzen Salat und Gemüse, das hier gelagert wird, bis es ein Mittagsmahl ergibt. Doch nie war Hermine zugegen. Sie hatte stets allem widerstanden. Bis auf dieses eine Mal. Und dann geschah es auch schon. Kam ihr wolliger Körper ins Stolpern? Verloren ihre Hufe auf den glatten Fliesen den Halt? Oder stieß sie ein anderes Schaf?

Müßig, Vermutungen anzustellen. Die Katastrophe war geschehen. Der umgestoßene Bottich, der saftüberschwemmte Boden – und Hermines Körper, zum Corpus Delicti geworden! Der dicke Winterpelz wurde durchtränkt vom Saft, nahm ihn willig auf und ein Lila an, ein nicht unflottes Fliederbeer-Lila. Dennoch:Hermine, nie grobmotorisch gewesen, sie trägt nun für alle sichtbar die Farbe, die sie als Tollpatsch ausweist. Schlimmer noch, das eingefärbte Schaf wird diesen artfremden Look nicht vorm nächsten Frühjahr ablegen können, erst dann erfolgt die Schur. Ein kleiner Trost in dem ganzen Dilemma: Sie ist in ihrem Ort zu einer Berühmtheit geworden. Ein lila Schaf wirkt überraschend. Was ist dagegen schon diese lila Kuh? Vielleicht findet sich für Hermine ebenfalls ein Werbevertrag. Ein Einfärben wäre bei ihr nicht mehr nötig.

Karin Tamcke

 

 

 

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