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Das Glück der Erde

Das Glück der Erde

Das Glück – wer wünscht es sich nicht? Einem Zitat zufolge soll man es bei Pferden finden, und das ganz speziell auf ihrem Rücken.

. Ich mag das Glück. Und ich mag Pferde. Vor allem liebe ich ihren Geruch. Auch die Atmosphäre eines Pferdestalls finde ich herzerwärmend. Das sanfte Schnobern und Prusten. Das Scharren im Stroh. Das zufriedene Knirschen, wenn ein Pferd eine Möhre frisst. Die Eckdaten passten also zusammen, sie verhießen für mich nur Gutes. Ich wollte reiten lernen.

Es ergab sich der günstige Umstand, dass Freunde nebst ein paar Pferden auch eine kleine Reithalle besaßen, in der ein alter Reitlehrer bereit war, sein Füllhorn lebenslang erworbenen Wissens über uns auszuschütten. Ich bekam zum Reiten die Hanni, eine gemütliche Haflingerstute. Ihr Fell hatte die Farbe von Karamellbonbons. Die kräftige, weißblonde Mähne unterstrich den sanften Eindruck. Ihr Aussehen flößte Vertrauen ein. Dass der Schein auch trügen konnte, merkte ich erst später. Hanni war nicht allzu groß, was mir sehr entgegen kam. Bereits das Stehen auf einem Stuhl löst bei mir schon Höhenangst aus. Doch wer reiten lernen will, muss auf Bodenhaftung verzichten. Was Hanni an Körpergröße fehlte, das machte sie in der Breite wett. So saß ich dann in unfreiwilligem Spagat auf Hannis ausladendem Kreuz und bemühte mich, nicht in die Tiefe zu sehen.

Hanni gab sich abgeklärt. Sie trug mich willig Runde um Runde. Lässig, mit stoischer Gelassenheit. Doch setzte sie sich erst in Bewegung, wenn ihre Schwester Nora vor ihr den Marschbefehl gab. Dann zuckelte auch Hanni los und aus war es mit der Bequemlichkeit. Hatte der breite Pferderücken Gemütlichkeit versprochen? Nun überfiel mich das Gefühl, auf einem alten Sofa mit defekten Sprungfedern zu hocken, die wie bei einem Kolbenmotor an unterschiedlichsten Stellen im Stakkato auf und nieder und in meine Sitzfläche stachen. Wir ritten vorerst ohne Sattel. Daher war ich der Unausgewogenheit von Hannis Rückenwirbeln in ganzer Tragweite ausgesetzt, was mich in steter Wiederholung von meinem Reittier katapultierte. Mein Glück der Erde lag weniger auf dem Pferderücken als im Sägemehl des Hallenbodens.

Hanni berührte mein Dilemma nicht. Sie zog auch ohne mich ihre Bahn, solange Nora vor ihr ging. Ob ich auf ihr saß oder nicht. Nicht ein einziges Mal drehte sie sich nach mir um. Ihr Desinteresse war nicht von der Hand zu weisen. Den herumschwirrenden Hallenfliegen schenkte sie mehr Beachtung als ihrer Reiterin. Nonverbal machte sie mir klar: Eine begnadete Amazone würde ich nie werden.

Auch blieb mir selbst mein Untalent nicht verborgen. Zumal mein Scheitern schon damit begann, das Pferd mit dem zu versehen, was man zum Reiten braucht. Das Zaumzeug entwickelte sich zu meinem persönlichen Feind. Nach vergeblichen Versuchen, die Leinen folgerichtig auf Hanni anzuordnen, brauchte ich stets einen rettenden Engel, der half, das Pferd wieder zu entwirren. Hanni begriff mein Unvermögen. Sie machte sich über mich lustig, auf ihre eigene Art. Kaum stand ich mit ihr im Stallgang, tat sie gezielt einen Schritt. Einen winzigen Schritt. Und mit diesem kleinen Schritt beförderte sie regelmäßig einen ihrer Füße auf meinen. Ein stahlbeschlagener Pferdehuf parkte schwer auf mir, von keiner Knautschzone abgefedert. Unten der Beton, oben der Pferdefuß, beide unnachgiebig. Und dazwischen meine Zehen. Wie eine Salamischeibe zwischen zwei Brötchenhälften. Hanni tat das mit voller Absicht, da war ich mir ganz sicher. Sie ließ sich auch nicht zur Seite schieben. Sie stand auf meinem Fuß, solange sie es wollte. Sie stand da mit unbeweglicher Miene und gab mir zu verstehen: Mein Herr und Meister sieht anders aus. Unter schweren Augenlidern schielte sie zu mir runter. Unbeeindruckt von meinem Wimmern. Ihr lasziver Blick signalisierte Langeweile. Mein Fuß unter dem mächtigen Pferdehuf markierte stets einen Tiefpunkt in meiner Reiterkarriere.

Ich hörte auf mit dem Reiten. Das Leben braucht Höhepunkte, um ein glückliches zu sein. Mein Glück liegt definitiv auf der Erde – ohne den Umweg über holpernde Pferderücken. Es liegt in den irdischen Dingen. In der warmen, beruhigenden Atmosphäre eines Pferdestalls. Im sanften Schnobern und Prusten. Im friedlichen Scharren im Stroh. Und im zufriedenen Knirschen, wenn ein Pferd meine dargebrachte Möhre frisst.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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