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Das Huhn "Hähnchen"

Das Huhn "Hähnchen"

Meine Nachbarn haben einen Neuzugang in ihrem Hühnerstall. Sie haben sich einen Hahn angeschafft, der morgens alle fröhlich aus den Träumen kräht. Lange hatte ich keinen dieser Radaumacher mehr gehört.

Und plötzlich ist alles wieder präsent. Unser Federvieh. Damals....

Sie waren wie geschaffen, meine Kinderseele zu entzücken. Sechs bezaubernde Federbällchen! Küken. Genauer gesagt Eintagsküken. Meine Mutter hatte sie von einem Zuchtbetrieb erworben und verband mit ihnen die berechtigte Hoffnung auf viele künftige Frühstückseier. Die Eier waren mir egal. Ich schmolz dahin für die Küken. Diese niedlichen flaumigen Wesen. Sie waren gelb, braun, schwarz. Alle ganz verschieden, zusammengewürfelt aus unterschiedlichen Rassen. Sie hockten in einem Schuhkarton, eng aneinander gekuschelt, und sahen mich an und ich sah sie an und meine Zuneigung wuchs im Minutentakt. Dann wurden sie meinen Blicken entzogen und zum besseren Warmhalten auf den Kachelofen gestellt. Ich hörte sie leise piepsen, ganz zarte Laute, die nach und nach verstummten. Unsere Küken schliefen in ihren zweiten Lebenstag hinein. Ich sah sie am nächsten Morgen wieder. Sie hockten auf dem Fußboden in einem Sonnenfleck. Kaum war ich ins Zimmer gekommen, sprangen sie auf und rannten mit fliegenden Beinchen auf mich zu. Ich ging ein paar Schritte weiter – sie liefen mir hinterher. Was mich nicht wenig erfreute. Ich wusste nichts von der Prägephase. Ihr Verhalten machte mich einfach nur glücklich. Ich setzte mich zu ihnen auf den Boden und sie suchten Schutz und Ruhe unter meinem Rocksaum. Die Küken begannen zu tun, was von ihnen erwartet wurde. Sie fingen an zu wachsen. Auf ihren Köpfen entstanden kleine rote Zacken, die ersten Vorboten eines Hühnerkamms. Dann wurde der Flaum abgemausert, der Nachwuchs war etwas sperrig, stärkere Federchen entwickelten sich zu Flügeln. Ein Küken war kräftiger und runder als die anderen und so rothaarig wie meine Freundin Inge. Es lag mir deshalb besonders am Herzen. Das wird ein Hahn, sagte meine Mutter. Sieht man doch. So groß und so kräftig! Und sie taufte es auf den Namen Hähnchen. Das weiße Küken hieß fortan Weißchen, das kleinste Kleinchen und so weiter. Das war nicht besonders kreativ, doch den Küken war es egal. Sie wuchsen munter vor sich hin, wie von ihnen verlangt. Die kleinen Zacken auf dem Kopf wuchsen ebenfalls mit, ganz besonders bei Weißchen. Hähnchen wuchs eigentlich nur im Quadrat, der kleine Kamm blieb bescheiden. Es entwickelte sich nicht so, wie von einem Hahn erwartet. Und dann musste auch meine Mutter einsehen: Der Hahn in der Schar war Weißchen. Hähnchen war eine Henne und würde es immer bleiben.

Bald waren die Küken groß genug, um in den Hühnerstall zu ziehen. Sie mussten vieles lernen. Sie trainierten, auf der Stange zu sitzen, im Sand zu scharren, Steinchen zur Verdauung zu fressen, Würmchen aufzuspüren. Denn keine Glucke war um sie herum, die sie das hätte lehren können. Sie waren zwar auf mich geprägt, aber ich tat mich schwer, ihnen das alles vorzuleben. Und dann waren sie endlich erwachsen. Aus Weißchen war ein prächtiger Hahn geworden, der laut krähend den Tag begrüßte, aus Hähnchen eine kräftige Rhodeländer Henne. Stattlich und gemütlich. In schönem Rotbraun glänzte ihr Gefieder. Sie lief auf mich zu, wenn ich aus der Schule kam. Dann nahm ich sie auf den Arm und trug sie heimlich ins Haus, wo der Sack mit den Weizenkörnern stand. Und ich setzte Hähnchen mitten in den offenen Sack und ließ sie fressen, bis sie kurz vorm Platzen war. Waren es diese regelmäßigen Ausflüge ins Hühner-Schlaraffenland? Ich jedenfalls war mir sicher. Denn eines Tages lag in einem Nest im Hühnerstall ein Ei. Ein schönes, großes, hellbraunes Ei. Und Hähnchen war so voller Stolz und musste es allen erzählen. Uns und den anderen Hühnern und der ganzen Nachbarschaft. Sie gackerte ausdauernd und selbstbewusst. Und das tat sie von da an täglich. Sie wurde unser bester Eierlieferant. Die Henne, die eigentlich ein Hahn werden sollte.  Karin Tamcke    

Karin Tamcke

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