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Das große Lammen

Tiergeschichten Das große Lammen

Es war die Zeit gekommen, wo die Schafe Nachwuchs bekommen sollten. Für die edle Gardenie, die aus allerbester Zucht stammte, war im Stall eine Box vorbereitet und für alle Fälle der Tierarzt angefordert. Marianne, ein einfaches Herdenschaf von fragwürdiger Herkunft, lammte auf der Weide. Doch ausgerechnet sie sorgte für eine kleine Sensation.

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Quelle: dpa

Für den flüchtigen Betrachter sahen sie alle gleich aus, die Schafe in der Herde. Alle bedeckten sich mit einem wollweißen Fell, das sie nach der letzten Schur als kürzeren Haarschnitt trugen. Sie machten alle die gleichen Geräusche, fraßen alle Gras und käuten anschließend alle wieder und doch gab es Unterschiede. Schaf ist nicht gleich Schaf, auch wenn es den äußeren Anschein hat. Trotz ihrer einheitlichen Bekleidung waren ihre Charaktere zum Teil recht ungleich ausgeformt.

Besonders stach aus der wolligen Masse das Schaf Gardenie heraus. Lag es an ihrem süperben Stammbaum, dass sie arroganter daherkam als ihre Herdenschwestern? Auf ihrer Ahnentafel prangten eindrucksvolle Namen aus allerbester Zucht. Es war, als wüsste Gardenie aufgrund der edlen Herkunft um ihre Vormachtstellung, erhob sie doch Anspruch auf das saftigste Gras und die würzigsten Kräuter und wie selbstverständlich machten ihr alle Platz, wenn sie die Herde durchschritt. Das krasse Gegenteil von Gardenie war das Schaf Marianne. Hier sah man ein recht stilles Schaf, bescheiden und so unauffällig, dass man es kaum zu bemerken schien. Daher wurde es selbst vom Schäfer oftmals übersehen. Es war nicht festzustellen, ob Marianne das als unangenehm empfand, sie nahm sich ja selbst sehr zurück. Was hatte sie auch schon im Gegensatz zu Gardenie zuchtmäßig in die Waagschale zu werfen, das Zufallsprodukt, das sie war? Ihr Vater, ein unbekannter Bock, hatte sich mit einem frechen Satz über den Zaun ein Schäferstündchen erbeutet. Das Ergebnis war Marianne, die über keinen Stammbaum verfügte und keine nachprüfbar guten Gene. Sie mischte sich daher als einfaches Herdenschaf von fragwürdiger Herkunft unter die Schafsgemeinschaft.

Bald war die Zeit gekommen, wo die Schafe für Nachwuchs sorgen wollten. Der Schäfer bemühte sich sehr um die edle Gardenie, das Aushängeschild der Herde. Selbstverständlich wurde hier nichts dem Zufall überlassen. Er suchte lange nach einem würdigen Partner und so war es auch selbstverständlich, dass es mit keinem namenlosen Bock zur Verpaarung kam. Die attraktive Linie sollte weitergegeben und in der Herde verbreitet werden. Marianne begnügte sich bescheiden mit dem hauseigenen Bock. Nach angemessener Zeit schwenkten die werdenden Mütter stolz ihre rundlichen Leiber. Gardenie wies eine beträchtliche Empfindlichkeit auf und forderte aus diesem Grund besondere Aufmerksamkeit ein. Marianne trug still eine stattliche Kugel und der Schäfer rechnete bei ihr mit einer Zwillingsgeburt.

Dann kam die Zeit des großen Lammens, die weiblichen Schafe waren bereit. Fast im Minutentakt suchten sich die Lämmer ihren Weg in die Welt. Das Wetter war schön und die Schafe lammten auf der Weide, wo sie gingen und standen. Nur für Gardenie wurde selbstverständlich im Stall eine Box vorbereitet und für alle Fälle der Tierarzt angefordert, er würde bei Problemen dem Schaf zur Seite stehen. Gardenie warf dann auch ein entzückend blökendes Lämmchen und machte gemeinsam mit dem Schäfer viel Theater darum. Auch bei Marianne kam bald das erste Lamm zur Welt, ein nettes Böckchen, kleiner als das Kind von Gardenie, aber recht agil. Kurz darauf folgte sein Schwesterchen. Und dann geschah, was alle zum Staunen brachte, es kam noch ein Lämmchen an und zum guten Schluss noch eins. Damit beendete Marianne ihr Lammen, es reichte ja nun auch. Vier kerngesunde Kinder von guter Qualität hatte sie erzeugt, eine kleine Sensation! Wie gut, dass der Tierarzt noch anwesend war. Doch schnell stellte sich heraus, dass die Vierlinge keiner ärztlichen Kunst bedurften. Der vierfache Nachwuchs-Segen sprach sich rasch herum, dafür sorgte allein schon der mittlerweile stolze Schäfer. Sogar die örtliche Presse würdigte das Quartett samt Mutter mit einem Artikel plus Foto. Darüber geriet Marianne in den absoluten Vordergrund und die stolze Gardenie leider ein wenig ins Hintertreffen.

Doch kümmerte sich Marianne nicht einmal um den Trubel, sondern versorgte ihre Kinder mit gewissenhafter Schlichtheit und erstaunlich viel Nahrung. Sie produzierte einen Milchstrom, der über dem Normalmaß lag, als könnte ihr Körper bis vier zählen, es wurde nur ein wenig per Flasche nachgefüttert. Durch ihren kräftige Beitrag zur Aufstockung der Herde hatte sich Marianne in den Fokus des Schäfers gerückt und unauslöschlich in seiner Erinnerung verankert. Ihre dubiose Herkunft? Die spielte keine Rolle mehr. Wohlwollend ruhte sein Blick nicht nur auf Gardenie, nur zu gerne erzählte er von dem erstaunlichen Schaf, das ihm Vierlinge gebar.

Karin Tamcke

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