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Das große Röhren

Das große Röhren

Um alles, was ihm wichtig war in dieser herbstlichen Zeit. Lange hatte er bedacht, sich zurückgenommen. Gewartet, bis er älter wurde und erfahrener. Was klug gewesen war.

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Quelle: dpa

Es ging für ihn um alles. Nun sah er sich imstande, ins Rampenlicht zu treten, sich zu präsentieren. Er wollte endlich Platzhirsch sein, der Herrscher über das Rudel. Wenn schon, denn schon. Mit weniger gab er sich nicht zufrieden. Er fühlte sich siegessicher, so angefüllt mit Elan. Im Frühjahr hatte er sich von seinem Geweih getrennt, wie es sich gehört für Hirsche. Es war darauf im Sommer ganz prächtig nachgewachsen, mit mehr Enden als erwartet. Nun trug er seinen frischen Kopfschmuck mit beträchtlichem Stolz, hielt das Haupt erhoben, schritt voll neuer Bewunderung für sich selber durch den Wald.

Mit großem Wohlgefallen registrierte er seine Speckschicht unter dem rotbraunen Fell. Er hatte sie extra angesetzt, seine Kraft gestärkt, was für die Herbstsaison von großer Wichtigkeit ist. Wer röhrt, kommt nicht oft zum Futtern. Und was nützt die beste Röhre, wenn man ermattet am Boden liegt? Jetzt besaß er gute Reserven. Auch nahm er eine weitere und wichtige Veränderung vor: Er ließ sich eine Brunftmähne wachsen, die ihn sehr gut kleidete und seine Absicht unterstrich. Die Hirschkühe würden beeindruckt sein. Und hoffentlich auch der Platzhirsch.

Doch er hatte nicht nur sein Äußeres umgestylt. Während des langen Sommers rangelte er mit dem Jungvolk zwecks Verfeinerung der Technik. Er forkelte und hakelte. Und er trainierte das Röhren. Schließlich möchte er seinem Begehren die richtige Stimme verleihen. Er tat, was getan werden musste. Dann sonderte er sich ab, ging die eigenen Wege wie jeder erwachsene Hirsch, der im Herbst etwas auf sich hält. Denn was die Monate zuvor friedlich nebeneinander äste, wurde nun zur Konkurrenz im Kampf um die Gunst der Kühe. Bald wurden die Tage kürzer und die Nächte kühler. Das Laub verlor sein Grün, Frühnebelschwaden waberten, die Brunft konnte pünktlich beginnen. Und er würde mitröhren. Zum ersten Mal in seinem Leben, mit aller Entschiedenheit.

In der Abendstunde begann er mit seinem Vortrag. Er röhrte lange und er röhrte gut. Er brüllte die Nacht hindurch und den Tag und noch länger. Nur kleine Pausen gönnte er sich. Er kannte die Regeln in diesem Spiel: Eine kräftige Röhre signalisiert viel Stärke. Wer am lautesten schreit, demonstriert Überlegenheit, verunsichert die Rivalen, schwächt ihr Selbstbewusstsein und im glücklichsten Fall verkrümeln die sich auch ohne Kampf. Je mehr die Temperaturen sanken, desto mächtiger strömte das Adrenalin durch seinen angespannten Körper. Er lehnte den Kopf in den Nacken, stieß die Töne aus, tragfähig, rau und wenig melodisch. Er modulierte und variierte. Aus der Tiefe des Waldes erklang das Brüllen der Mitbewerber. Er wollte alle übertreffen. Immer und immer wieder ließ er seine Stimme ertönen, er orgelte mit ganzer Kraft. Keinen Zweifel durfte es geben an seiner Ernsthaftigkeit. Ein Fuchs verwunderte sich still und hoffte, dass bei diesem Lärm die Mäuse nicht verschwänden. Unser Hirsch bemerkte ihn nicht. Er war nur aufs Röhren konzentriert.

Nun war es endlich soweit. Der Showdown konnte beginnen. Er näherte sich der Lichtung, auf der die Kühe grasten, umkreist vom angeregten Platzhirsch. Jetzt kam es darauf an. Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen durch die bunt belaubten Zweige und überzog die Lichtung mit einem diffusen Schein. Die Kühe weideten vor sich hin, sie gaben sich gelassen, die Jungs würden das schon machen, sie interessierte nur der Sieger am Ende der Saison. Unser Hirsch mischte sich unter das Rudel, begann, sich einzubringen. Dem Platzhirsch konnte das nicht gefallen. Er röhrte seine Erwiderung, die keine Zweifel offen ließ. Der Eindringling wollte kontern, mit aller Kraft und Inbrunst.

Dann geschah das Unfassbare. Kein beeindruckend lauter Ton entströmte seiner malträtierten Kehle. Lediglich ein kratziges Grunzen verließ den entsetzten Junghirsch. Er hatte übertrieben, sich in den vielen Stunden schlicht und einfach heiser geröhrt. Kleinlaut zog er sich zurück. Damit war die Schlacht geschlagen, die Sache mit der Thronbesteigung musste er aufs nächste Jahr vertagen. In diesem hoffnungsfrohen Herbst, da guckte er leider nur in die Röhre.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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