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Der Hamster in der Literatur

Der Hamster in der Literatur

Man wusste nichts über ihn. Nichts über sein früheres Leben, nichts über seine Vorlieben und Gepflogenheiten. Eines Tages war er da. Tauchte einfach im Garten auf.

Wieselte sich durch Büsche und Blumenrabatten. Die Menschen dachten zuerst an eine Maus. Doch das goldgelbe Fell war so gar nicht mäusemäßig. Und dann hielt er inne und richtete sich auf, wohl zwecks besserer Orientierung. Damit lüftete er sein Inkognito. Ein Goldhamster!

Es war nicht festzustellen, ob er seine Freiheit genoss. Eher machte er den Eindruck einer gewissen Verwirrtheit. Und so war das Einfangen leicht. Da für unsere Breitengrade Goldhamster nicht arttypisch sind, war seine Herkunft aus einem Käfig zu vermuten. Doch wo war er entlaufen? Oder war er gar nicht entlaufen? Es war gerade Ferienzeit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hatte er nicht in eine Urlaubsplanung gepasst? War man der Meinung gewesen, er könnte sein Auskommen auch in freier Wildbahn finden? Oder war er tatsächlich irgendwo ausgebüxt? Nachfragen in der Umgebung brachten kein Ergebnis. Keiner schien ihn zu vermissen. Und so bezog er einen verwaisten Vogelkäfig, wo er an den Stangen Aufschwung und Kontergrätsche übte. Es war nicht die optimale Behausung, er hätte nicht so direkt auf den Missstand hinweisen müssen. Doch kann man nicht davon ausgehen, dass für jeden unangemeldeten Gast das passende Bett vorhanden ist.

Dann aber wurde ihm ein schönes Hamsterheim gekauft. Er richtete es wohnlich ein. Bezog sein kleines Holzhaus, nutzte für den Sport jetzt das Hamsterrad. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Und nach anfänglichem Fremdeln zeigte er sich bald als zutraulich und freundlich, so dass er auch Freilauf bekam. Teils erlaubt, teils selber zugeteilt, indem er den Käfigdeckel hochstemmte und unerlaubt entwich. Bald beherrschte er den ganzen Raum und wenn keiner achtgab, auch die angrenzenden Zimmer. Überall legte er Vorratslager für schlechte Zeiten an. Transportierte Körner in ausgebeulten Backentaschen zu allen möglichen Winkeln. Und dann war er eines Tages verschwunden. War von seinem Freigang nicht mehr zurück gekehrt. Weder in seinen Käfig noch in den Sichtbereich der Menschen.

Überall wurde nach ihm gesucht. Sessel wurden gewendet, das Innenleben des Sofas durchforscht, Schränke von den Wänden gerückt. Der Hamster blieb verschwunden. Er hatte sich früher schon versteckt. War dann im Mülleimer aufgetaucht und sogar in der Badewanne. Doch währte sein Versteckspiel nie lange, er verriet sich schnell durch ein Rascheln. Doch nun fand sich keine Spur von ihm. War er möglicherweise durch eine offene Tür entschwunden? Hatte sich wieder abgesetzt in die große Freiheit außerhalb der Mauern? Obwohl seine Kommunikation mit den Menschen eher dürftig geblieben war, hinterließ er doch eine Lücke. Man hatte sich gewöhnt an seinen knopfäugigen Blick, an das aufmerksame Vibrieren der seidigen Schnurrbarthaare, an das Gefühl seines weichen Fells auf der Hand. Auch wenn er noch immer keinen eigenen Namen hatte, so gehörte er doch zur Familie. Und die betrauerte ihn ehrlich.

Doch nach drei hamsterlosen Tagen wurden plötzlich Geräusche vernommen. Sie kamen von einem kleinen Bord, auf dem sich Rücken an Rücken ein paar Bücher drängten. Es hing weit oben an der Wand, scheinbar unerreichbar für kurze Hamsterbeine, man hatte dort deshalb nicht gesucht. Es waren gedämpfte Geräusche. Geräusche des Knispelns und Schabens. Mit Vorsicht wurden die Bücher entnommen. Und dann fand man ihn. Er hockte im Kafka-Sammelband. Mitten in dem dicken Buch. Saß zwischen „Schloss" und „Urteil". Er hatte sich von hinten in den Seitenblock genagt. Ihn ausgehöhlt zu einer kuschelige Kammer. Auch hatte er nicht vergessen, sich mit Proviant zu einzudecken. Eine Erklärung gab er nicht ab, wie er die kahle Wand bis hoch zum Regal bewältigt hatte. Und warum.

Literarisches Interesse wurde ihm abgesprochen. Doch schien er nicht unfroh zu sein, dass man ihm nun den Abstieg ersparte und ihn in sein Häuschen verbrachte. Das zerstörte Buch interessierte ihn herzlich wenig. Zufrieden machte er sich über Äpfel und Trauben her, die ihm gereicht worden waren im Zuge der allgemeinen Freude. Er konzentrierte sich ganz auf das Obst, nicht wissend, dass er endlich auch einen Namen bekommen hatte. Verdientermaßen hieß er jetzt Kafka.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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