Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Der Irrläufer

Tiergeschichten Der Irrläufer

Fühlte er sich unterfordert? Geistig nicht ausgelastet? Schlummerten in seinem Hirn versteckte Leidenschaften?

Voriger Artikel
Freundschaft ist eine Maus
Nächster Artikel
Mord im Kleiderschrank
Quelle: Frederik von Erichsen

Er gab keine Erklärung ab, warum er tat, was er tat. Warum er ausgerechnet in dieses Gebäude einbrach. Wobei ein Einbrecher heimlich kommt, sich möglichst unsichtbar macht, um dann mit seinem Diebesgut auf die gleiche Weise zu verschwinden. Hier – in diesem Fall – war Heimlichkeit nicht festzustellen. Es war vielmehr Radau, den der Wildschwein-Eber bei seinem Auftritt produzierte. Es ist sonst gar nicht seine Art, sich öffentlich aufzuspielen. Man kann ihm zwar keine extreme Scheu vor den Menschen attestieren, die hat er längst verloren. Trotzdem: Er gibt sich gerne diskret.

Früher einmal, da lebte er zurückgezogen, wurde auch im Wald geboren. Die Mutter brachte ihm Achtsamkeit bei, schärfte ihm Vorsicht ein, Vorsicht vor den Menschen. Andere Feinde kannte sie nicht. Doch die Menschen verirrten sich nicht oft in jenen Teil des Waldes und so gestaltete sich die Kindheit des kleinen Wildschweins angenehm. Es lernte nach Wurzeln zu graben und nach Eicheln Ausschau zu halten, die im Herbst von den Bäumen fielen. Es delektierte sich an Schnecken, Würmern, Pilzen, Mäusen, Engerlingen. Bald änderte sich das Streifenfell in einen graubraunen Pelz, er war nun ein erwachsener Keiler. Dann kamen große Maschinen und rodeten einen Teil des Waldes. Die Rotte, zu der er gehörte, beschloss den Umzug in ein Gebiet, das mehr Ruhe versprach, doch das war nicht leicht zu finden. Und so gewöhnten sich die Schweine an die Anwesenheit der Menschen.

Sie entdeckten große Felder, auf denen saftiger Mais in reicher Fülle wuchs, und hielten ein Festessen nach dem nächsten. Leider mussten sie erleben, dass die Menschen das gar nicht liebten, doch nun war es viel zu spät für eine innere Umkehr. Sie begannen, all das zu schätzen, was ihnen die menschliche Nähe bot. Sie eroberten auch die Stadt und da sie sich inzwischen zu Allesfressern entwickelt hatten, machten sie hier reiche Beute. Statt Würmern, Pilzen, Engerlingen kam das Frühstück aus dem Müll. Wildschweine sind intelligent und schnell sprach sich bei ihnen herum, dass Jäger nur in den Wäldern und nicht in den Städten schießen dürfen. Trotzdem ließen sie Vorsicht walten, bewegten sich in der Nacht durch die Straßen, doch hin und wieder kam es vor, dass sie auch tagsüber durch die Gegend strolchten. So wie der Keiler an diesem Tag.

Suchte er gezielt nach einem Zugang zum Wissen, verlangte es ihn nach Bildung? Er selbst wird keine Antwort geben. Scheinbar ziellos trabte er auf das Gebäude zu. Wie von Zauberhand öffnete sich eine große Tür, was ihm den leichten Eintritt ins Innere ermöglichte. Forsch betrat der Eber den Raum. Seine Klauen, an raue Wege gewöhnt, erfühlten weichen Teppich und der Geruch war fremd, aber nicht unangenehm. Um ihn herum dehnten sich Regale, an allen Wänden und bis hoch zur Decke. Regale, bestückt mit Büchern. Das konnte auch nicht verwundern, er stand in einer Bücherei. Doch es waren neben den Büchern auch Leute in dem Gebäude und die schrien erschrocken auf. Schließlich ist es nicht alltäglich, ein Wildschwein zu den Lesern zu zählen.

Da baute sich im verunsicherten Keiler ein Gefühl der Panik auf. Plötzlich, zu Tode erschrocken über den eigenen Mut, entschloss er sich spontan zur Flucht. Was er so cool begonnen hatte, entwickelte sich nun ganz anders. Sein ungeschliffenes Benehmen passte nicht in dieses Umfeld, er benahm sich wie ein – Wildschwein. Er rempelte ein Tischchen an, ungeachtet des Bücherstapels, der sich auf der Platte türmte. Es kippte der Tisch, es kippten die Bücher, der Lärm machte ihn noch verwirrter, er fegte durch den Raum, es gab noch mehr Tumult, in ihm und um ihn herum. Die Leute flüchteten und schrien, der Eber quiekte und grunzte, es polterte und krachte, er rammte ein paar Regale, nahm weitere Bücher mit, das Chaos war perfekt. Der Weg zum Reich des Wissens erwies sich für ihn als nicht gangbar. Er war wohl bloß ein Irrläufer.

Als er nach zehn Minuten endlich den Ausgang fand, hinterließ er eine Spur der Verwüstung, doch in ihm war nur Erleichterung. Und unbeschwert von jeglicher Weiterbildung rannte er dem Walde zu, getragen von dem eigenen Wissen: Hier bin ich Wildschwein, hier darf ich’s sein.

Karin Tamcke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tiergeschichten

Gemäß des packenden „Drei in einer Reihe“-Prinzips müssen Reihen aus mindestens 3 Steinen gebildet und aufgelöst werden. Hier kostenlos im Spieleportal von LVZ.de spielen! mehr

  • Belantis - Infos und Events
    Belantis - Infos und Events

    Belantis - das AbenteuerReich im Herzen Mitteldeutschlands. Hier gibt es Neuigkeiten und alle Infos zu den Events! mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr