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Der Schmetterling im Schmuddellook

Der Schmetterling im Schmuddellook

Er heißt Charles. Französisch ausgesprochen. Dass ihn seine Besitzer einfach Charly nennen, lässt er mal so stehen. Und wenn es in seinen Zeitplan passt, dann wird er auch auf diesen Namen hören.

. Doch er weiß es besser. In seinem tiefsten Innern, wenn er mit sich selber redet, dann nennt er sich nur Charles. Französisch ausgesprochen. Und sein Bellen, so empfindet er, hat eine Spur von französischem Klang. Schließlich ist er auch Franzose, er ist ein Papillon. Auf Deutsch heißt das eigentlich Schmetterling. Er nimmt es gelassen hin wie die Umbenennung in Charly. Denn er fühlt sich nicht als Schmetterling, nicht mal in französischer Form. Er ist vom Wesen her ein Clochard. Ein lebenslustiger Streuner und glücklicher Vagabund.

Papillons sind sehr kleine Hunde. Zierlich und leicht wie ein Falter. Sie haben spitze Wuschelohren und einen buschigen, wehenden Schwanz, von dem seidiges Haar in langen Fellkaskaden rieselt. Schimmernder langer Pelz umschließt den ganzen Körper und gibt den Papillons den Touch von Exklusivität und Eleganz. So ein Aussehen verpflichtet. Man sagt der Rasse Eitelkeit nach. Jede Pfütze wird vorsichtig umrundet, um sich nicht zu beschmutzen.

Und nun kommt da jemand wie Charly. Pardon: Charles. Ihm sind Pfützen so egal wie der Zustand seines Fells. Charly gibt nichts auf Äußerlichkeiten. Es zählt sein eigenes Wertesystem. Charly findet sich in Ordnung. Er ist gesund und ausgeglichen und in sich zentriert. Wäre er ein menschliches Wesen, dann würde er Ziehharmonika spielen, eine Baskenmütze tragen und unter Brücken schlafen. So bleibt ihm nur ein weiches Kissen im Bett seiner Besitzerin.

Die hat es nicht immer leicht mit ihm. Er lässt sich nicht bürsten. Er lässt sich nicht baden. Und seine Manieren sind désastreuse. Charly frisst am liebsten vom Boden. Und wird ihm das Futter im Napf gereicht, dann steht er mit den Pfoten im Trog. Für einen Papillon ein katastrophales Benehmen. So ein Verhalten bleibt nicht ohne Folgen. Um aus einem Wesen mit dem Look eines verfilzten Wollpullovers wieder einen Hund zu machen, bedarf es fachmännischer Unterstützung. Und so fand sich Charly eines Tages auf dem Behandlungstisch des Tierarztes wieder. Der schnitt ihn kurzerhand aus dem Filz. Eine genierliche Aktion für den freiheitsliebenden Streuner. Entwürdigend und peinlich. Charly hätte seinen Standpunkt dazu gerne vertreten, hätte ihn nicht ein Maulkorb gebremst. Nur gut, dass ihn Lady so nicht sah.

Diese entzückende Hundedame, gemixt aus den wertvollsten Anteilen von Dackel, Spitz und Chihuahua. Die schöne Lady. Wenn sie ihn anblickte mit ihren großen Kulleraugen, dann regte sich in Charlys Hundeherz ein Gefühl, so zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Auch ein Clochard ist nicht immun gegen weibliche Reize. Doch würde ihn Lady jemals erhören? Die Aussichten auf eine Amour fou waren vom Ansatz her günstig zu nennen. Denn Charly lebt nicht als Einzelhund, Lady wohnt ebenfalls im Haus. Leider auch dieser Gismo. Der Chihuahua Gismo. Charlys großer Nebenbuhler. Ein smarter Hund mit exzellenten Manieren, der als reizvolle Draufgabe ein paar Tanzschrittchen beherrscht. Gismo brachte Lady Huldigungen dar, hechelte um sie herum, umstrich sie mit wedelndem Schwanz. Und er war so sehr gepflegt. Das musste Charly zu denken geben. Ernsthafte Überlegungen hinsichtlich seines Erscheinungsbildes waren nicht unangebracht, wollte er gegen Gismo punkten. Doch Charly wäre nicht Charly, würde er jemals sein Selbst verleugnen. Sollte Gismo doch schwänzeln und tänzeln. Charly blieb sich selber treu. Streunte weiter durch Wald und Wiesen und träumte sich dabei hin zu den Weiten der Camargue. Zu einem Leben ohne Tierarzt, Gismo und Zwang zur Etikette. Charly, der Individualist.

War es letztendlich sein Charisma, das Lady so verzauberte, dass sie den Schmuddellook vergaß? Nahm sie unter dem schmutzigen Fell sein farbiges Wesen wahr, die ganzen Facetten seines Seins, das bunt ist wie ein Schmetterling? Eines Tages sah man sie neben Charly in seinem Körbchen ruhen. Sie leckte ihm über die sandige Nase, ignorierte die vielen Kletten in dem verstaubten Fell. Sie erkannte die reine Seele, verborgen unter dem Äußeren eines Chlochards. Seitdem sind sie im Glück verbunden. Et tout va bien.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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