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Der Wachhund

Der Wachhund


Sie war eine echte Spanierin. Heißblütig, temperamentvoll, charmant. Der Weite einer Finca war ihr Zuhause gewesen.

. Dort lebte sie ungezwungen und wild. Frei von Gehorsam und guten Manieren. Meine Schwägerin hatte sie da übernommen und brachte sie mit bei ihrer Rückkehr nach Deutschland – die Schäferhündin Kira.. Und nun war sie hier und verzauberte uns alle durch ihre fröhliche und verspielte Art.

Sie war ein hübscher Hund. Schlank. Mit ausdrucksvollem Mienenspiel und niedlichen Fledermausohren. Und diese treuen braunen Augen! Der sanfte Blick. Könnte er ein Wässerchen trüben? Sie sah so lieb und friedfertig aus. Und das war sie auch. Nur zu wem, das suchte sie sich selber aus. Der Briefträger gehörte nicht zum favorisierten Kreis.

Und so spielte sich täglich das Drama ab. Kaum erreichten die ersten Schallwellen des sich nahenden Boten den Gehörgang des Hundes, wurde aus der sanft blickenden Kira ein funkensprühendes Teufelchen. Im Flur schon auf der Lauer liegend, malträtierte sie die Haustür durch Tritte und Bisse, verarbeitete in Ermangelung des Überbringers die unschuldige Post, die durch den Briefschlitz auf den Boden fiel, zu kleinen Konfettistückchen und hinterließ eine Stätte der Verwüstung. Sie ist eben ein wachsamer Hund, sagte meine Schwägerin, während sie versuchte, durch Klebestreifen die Briefe zu retten.

Das nächste Hassobjekt: die Zeitungsausträgerin. Kira gebärdete sich wie wild, zerfetzte das Tageblatt und trat eines Tages in ihrer Wut die Scheibe des Flurfensters ein, was sie glücklicherweise nicht bemerkte. Kira ist eben ein wachsamer Hund, sagte meine Schwägerin und fegte die Scherben zusammen.

Dass sie nicht nur auf Zeitungs- und Postboten aus war, offenbarte sich, als ein Familienmitglied unbedacht die Haustür öffnete und zeitgleich ein Radfahrer den Weg passierte. Schnell wie der Blitz war der Hund auf der Straße und biss einmal herzhaft in den Radler. Sie ist halt ein wachsamer Hund, sagte meine Schwägerin und rief seufzend die Haftpflichtversicherung an.

Auch sonst war es nicht einfach mit ihr. Kira hasste die meisten Hunde. Spaziergänge konnten zum Alptraum werden, zum haarsträubenden Unterfangen. Alles lief gut, wenn sie der einzige Hund in den Weiten der Wiesen und Felder war. Doch dieser Zustand war selten gegeben. Und während Kira sich entspannt durch die Grasbüschel und Sträucher schnüffelte, war man gut bedient, den Horizont mit den Augen nach anderen Hunden absuchen und beim Nahen von Fiffi oder Bello die Hundeleine mehrmals um den nächsten kräftigen Baum zu schlingen. Danach konnte man nur noch abwarten und dem Verhängnis ergeben entgegen sehen. Kreuzte dann Bello Kiras Weg, blieb immerhin die tiefe Hoffnung auf die Haltbarkeit von Leine und Baumstamm. Die Hündin mutierte zur wutschnaubenden Bestie, stieg senkrecht in die Höhe, hyperventilierte und kreischte. Schwer wurde es, auch das mit Wachsamkeit zu erklären, aber wer wird schon so kleinlich sein?

Und dann kam diese denkwürdige Nacht. Die größte Chance in Kiras Leben. Eine Nacht, wie geschaffen, sich zu beweisen, sich großer Taten rühmen zu können.

Denn jemand kam über den knirschenden Kies – doch Kira hörte es nicht. Jemand hebelte die Terrasssentür auf – und Kira merkte es nicht. Jemand betrat die Wohnung, durchsuchte alles, inspizierte die Räume – und Kira schlief im Obergeschoss, tief träumend von Briefboten und Zeitungsausträgern. Erst am nächsten Morgen wurde der Einbruch entdeckt. Es fehlten ein paar Wertgegenstände sowie ein mittlerer Geldbetrag. Und es stand schlecht um Kiras Image. Ihre Reputation – total im Eimer. Sie selbst war sich keiner Schuld bewusst. Weder Verlegenheit noch Scham trübten die Hundeseele. Und als die Polizei ins Haus kam, um den Schaden aufzunehmen, da musste die tobende Schäferhündin schleunigst weggesperrt werden. Mit dem Einbrecher hatte sie paktiert, die Polizei ließ sie freiwillig nicht ins Haus.

Im Grunde ist sie ein wachsamer Hund, dachte meine Schwägerin. Aber das laut zu sagen, das wagte sie nun nicht mehr.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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