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Der Zug der Kühe

Der Zug der Kühe

Sie sangen keine Wanderlieder, wie hätten sie auch sollen, es lag nicht in ihrem Vermögen. Sie benutzten keine Karte, wie hätten sie auch sollen, auch das lag nicht in ihrem Vermögen.

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Quelle: dpa

Sie hatten sich auf den Weg gemacht, aus einer Laune heraus? Man kann es nur vermuten. Oder war der Plan schon lange in ihren Köpfen gewesen? Stand der Entschluss bereits fest, war mit der Zeit herangereift? Sie würden nicht darüber reden. Auch nicht darüber, wie es gelang, dass sie den Stall verlassen konnten. Wer hatte das Tor geöffnet? Ein Tor, das fest verriegelt war? Das Rätsel mochte der Landwirt lösen. Es lag nicht in ihrem Interesse, die Aufklärung voranzutreiben.

Es lag aber wohl in ihrem Interesse, gemeinsam aufzubrechen. Sie konnten ungesehen entkommen, was ebenfalls erstaunlich war. Eine Herde von siebzig Kühen ohne eine Begleitperson fügt sich nicht in die Landschaft ein, ohne Fragen aufzuwerfen. Doch keiner nahm Anstoß daran. Diejenigen, die sie gesehen hatten, gingen die davon aus, dass es in Ordnung ist, wenn ein Trupp Kühe die Straße benutzt? War das Selbstverständnis der Rinder so eindrucksvoll gewesen, dass keine Zweifel aufkommen mochten? Es gab viele Fragen, die Kühe wären die Letzten gewesen, die eine Antwort geben wollten. Das schöne Wetter kam ihnen entgegen und beflügelte sie in ungeahntem Maße. Sie brauchten auch nur eine Leitung, die die Vorhut übernahm, der Rest unterwarf sich dem Herdentrieb. Sie verließen bald das Dorf.

Die Gegend war ihnen unbekannt, rechts und links wuchsen Büsche und sie fraßen vom frischen Laub und auch vom Gras am Wegesrand, sie hatten es nicht eilig. Sie nahmen viele Eindrücke auf, sahen auf den Weiden ihre Artgenossen, die kamen an den Zaun gerannt, bestaunten die Wandergruppe. Vermutlich gab es einen Austausch, doch eher nonverbaler Art, bis auf das eine oder andere Muh. Dann zogen unsere Kühe weiter. Nichts war da, was sie beschwerte, man hatte sie morgens frisch gemolken. Sie trabten viele Stunden, die Sonne stand schon hoch am Himmel. Die Gegend wandelte sich, verlor den ländlichen Charakter, es mehrten sich die Häuser. Auch der Verkehr nahm zu. Autofahrer stoppten, was hätten sie auch machen sollen, und ließen die Rinder ziehen. Dann bröckelten Grüppchen ab von der großen Herde. Die Langsamen blieben zurück, nahmen andere Wege. Der Haupttrupp zog unbeirrbar gen Norden, als hätten die Kühe einen Kompass. Es wurde später Nachmittag und noch immer war kein Ende des langen Marsches zu erwarten.

Unterdessen lief auf dem Hof die Suche nach der Herde an. Der erschreckend leere Stall, er war nicht unentdeckt geblieben. Es fanden sich diverse Spuren. Kühe fressen Gras, lassen es durch den Körper wandern und entledigen sich dessen wieder. Diese Hinterlassenschaften markierten nun die Strecke. Der Landwirt hegte die Hoffnung, die Kühe auf der Weide zu finden, der Weg war ihnen bekannt. Dort wurden die Zäune repariert, deshalb hatte er die Rinder in den Stall verbannen müssen. War es ein Protestverhalten, die Demonstration der Ungeduld? Zu seinem Leidwesen zeigte sich: Die Herde hatte inzwischen den Umkreis des Dorfes verlassen. Dem Bauern wurde angst und bange. Im Geiste sah er seine Tiere in Unfälle verwickelt, sah entgleiste Züge, demolierte Kraftfahrzeuge und beschädigte Menschen. Er rief in dieser Gewissensnot nach der Polizei.

Inzwischen erreichten die Rinder den südlichen Rand einer Großstadt. Ohne entgleiste Züge und sonstige Katastrophen. Doch langsam wurde der Marsch beschwerlich. Auch wenn sie sich nicht mit Engagement der Milchproduktion gewidmet hatten, so wogen die Euter nun schwerer und manch eine sehnte sich mit Macht nach der erlösenden Melkmaschine. Sie klopften ihre Empfindungen auf den Gedanken nach Umkehr ab. Wo lag überhaupt das Ziel? Sollte es nur ein Wandern werden? Der berühmte Weg das Ziel? Wenn ihnen Zweifel kamen, so waren sie nicht zu erkennen. Solange die Spitze der Truppe lief, trottete der Rest hinterher. Und endlich fiel er auf, der seltsame Zug der Tiere. Die Polizei begann zu agieren, von Süden und von Norden, sie fing die Herde ein, brauchte dafür drei Stunden. Und die Kühe selbst? Sie hielten es mit Ringelnatz: Sie verzichteten nun weise auf den letzten Teil der Reise.

Karin Tamcke

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