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Die Arroganz des Igels

Die Arroganz des Igels

Der Abend hätte so schön werden können. Nach einem heißen Tag kam nun die frische Kühle und weckte seine Lebensgeister. Er trottete durchs Gras, tatenfroh und optimistisch.

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Quelle: Polizeiinspektion SaarbrückenBurbach

Es war die Zeit der Schnecken, sie krochen ihm fast vors Maul. Es war auch seine Zeit, die Nacht stand bald bevor. Igel schätzen nicht den Tag.

Er fand fette Regenwürmer und eine Auswahl an Insekten, alles ließ sich gut an. Er konnte von sich sagen, ein glücklicher Igel zu sein. Soweit ein Igel Glück empfindet. Er war noch nicht sehr alt, genau genommen hatte sein Leben erst im vergangenen Jahr begonnen. Alles wurde von ihm getan, um vorschriftsmäßig zu wachsen, er hatte dafür gesorgt, dass sein Gewicht nicht zu niedrig war, um den Winter zu überstehen. Er wollte nicht sein wie seine Brüder, die wurden von Menschen eingesammelt, die ihnen zu einer Speckschicht verhalfen, im Frühjahr durften sie dann in die Wildnis. Nein, er hatte es allein geschafft, darüber war er sehr zufrieden, er brauchte keine Menschen.

Nun wieselte er durchs Gebüsch, kreuzte einen Weg, lief auf die andere Seite. Und dann passierte es. Das Unglück hatte einen Duft, ein überwältigendes Aroma, das sich seinen Weg in die Igelnase bahnte. Es kam aus einem Becherchen und hätte er lesen können, dann wäre ihm aufgefallen, dass ihm viel Chemie ein Kirsch-Aroma suggerierte. Doch wenn schon Menschen das übersehen, wie sollte es ein Igel schaffen, die Täuschung zu bemerken? Er schätzte Früchte aller Art und der Becher roch so gut und so präzise nach Kirschen. Er steckte die Nase tief hinein und leckte an den Joghurt-Resten, erfreut über diesen seltenen Fund. Und dann war es vorbei mit der reinen Freude. Als sein Kopf nach dem Genuss den Becher wieder verlassen wollte, nahm das Unheil seinen Lauf. Seine Stacheln durchstachen die Wand, verhakten sich im Plastik und fixierten den armen Igel unlösbar an den Becher. Da saß er nun mit seinem Kopfschmuck. Der war ihm mehr als hinderlich und versprach auch keinen Nutzen. Man konnte nicht einmal davon reden, dass er kleidsam war und folglich war damit kein optischer Gewinn verbunden. Es war überhaupt kein Gewinn verbunden.

Der Igel zeigte sich bestürzt. Er schüttelte sich nach allen Seiten, lief vorwärts, rückwärts, seitwärts, der Becher blieb mit ihm vereint. Er roch noch immer gut, doch wäre ihm jeder andere Duft jetzt lieber gewesen als diese Kirschen. Ihn überfielen Sorgen, Sorgen der schlimmsten Art. Wie würde sich die Zukunft gestalten? Er konnte nicht sehen, er konnte nicht fressen und auch das Laufen war nicht erfreulich, wenn die Richtung vage wurde. Die vielen Stunden der Nacht brauchte er, um sich zu sammeln und Optimismus aufzubauen. Doch auch am nächsten Morgen war die Lage unverändert. Er lief verstört herum, mehr fiel ihm leider nicht ein.

Gibt es Schutzengel für Igel? Eine Radfahrergruppe nutzte die frühen Morgenstunden zu einer Tour durch den Wald. Das musste noch keine Erlösung für den armen Igel bedeuten. Ein Wald hat viele Wege, die Radler hätten andere Pfade für ihren Ausflug nutzen können. Und auch dem Igel stand offen, sich im Dickicht zu verstecken. Nun wurde das Schutzengelchen aktiv. Es führte Menschen und Igel zusammen. Genau in dem Moment, in dem der Igel den Weg passierte, mehr aus Unvermögen, die Route gezielt zu planen, als aus Überzeugung, kreuzten die Radler seinen Weg. Noch war nichts beschlossen, die Rettung zwar etwas näher gerückt, doch nicht ausgeführt. Denn nicht jeder Mensch hat Augen für die Probleme eines Igels in desolater Situation. Und auch nicht jeder ist willens genug, in ein Nadelkissen zu greifen. Es gab so viele Möglichkeiten, das Schicksal noch zu wenden.

Doch der Schutzengel war engagiert. Hatte er doch extra einen Tierarzt mitgeführt. Dieser stieg vom Rad und fing den Igel ein, was nicht ganz einfach war. Denn das Stacheltier zeigte sich wenig zugänglich, kreiselte mit hohem Tempo auf die Böschung zu und begann erst aufzugeben, als es keinen Ausweg sah und nicht einmal das Ballen zur Kugel so recht gelingen wollte, der Becher ließ sich nicht integrieren. Schnell hatten die Menschenhände getrennt, was nicht zusammengehörte und der Igel schnaufte von dannen. Befreit, aber auch empört. Was hatte er mit Menschen zu schaffen? Er sagte nicht einmal danke, doch das wurde auch nicht erwartet.

Karin Tamcke

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