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Die Haselnussdiebe

Die Haselnussdiebe

Ich hatte es geahnt. Wir haben Herbst und pünktlich sind sie wieder da, die kleinen frechen Wesen in ihrem fuchsroten Pelzmantel.

. Mit einer putzigen Unverfrorenheit machen sie sich über meine Haselnüsse her. Will heißen, die Eichhörnchen bringen ihre Ernte ein. Wobei es genau genommen ja meine Ernte ist.

Vor Jahren hatte ich im Garten Haselsträucher gepflanzt. Es dauerte ein paar Jahre, bis sich die ersten Nüsse zeigten. Allerdings sah ich sie nur als unreife grüne Früchte an den Ästen hängen. Seltsam, dass sie nie den befriedigenden Zustand der Reife erreichten. Denn bevor sie, rund und haselnussbraun, zu Boden fallen konnten, waren sie verschwunden. Es fanden sich nur Hälften aufgeknackter Schalen im Gras. Und die waren leer, ihres schmackhaften Inhalts beraubt.

So hatte ich mir das nicht gedacht. Sinn und Zweck meines Anbaus war gewesen, reiche Erträge einzufahren. Und nun klaute mir jemand die Nüsse! Dann sah ich sie, die dreisten Haselnussdiebe. Unbeschwert flitzten sie durch den Garten, im Fokus die bewussten Sträucher. Sie turnten auf den Zweigen herum und ließen ihrer kriminellen Energie ungeniert freien Lauf, indem sie die Nüsse vor meinen Augen aus der Schale knispelten. Was sollte ich dazu sagen?

Nicht nur dass sie die Nüsse konsumierten – nein, sie legten in meinem Garten auch Vorratskammern an. Ich sah, wie sie ihre Schätze versteckten. Sie buddelten ein Loch, befüllten es mit einer Nuss und schoben routiniert mit der Nase die Erde drüber. Sie taten das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen. Und sie versteckten nicht nur, sie pflanzten damit auch neue Haselsträucher. Da Eichhörnchen ein bisschen schusselig sind, vergaßen sie viele Verstecke. So sprossen regelmäßig im Frühjahr an den unmöglichsten Stellen junge Pflanzen, die ich mühsam entfernen durfte. Denn wer hat schon gerne Bäume in seinem Rosenbeet?

Eichhörnchen gehören zu den beliebtesten heimischen Nagern, es fällt schwer, ihrem wuseligen Charme zu widerstehen. Auch bei mir hatten sie leichtes Spiel. Ich konnte ihnen nicht böse sein. Allein schon ihr Aussehen ist angetan, Sympathiepunkte zu scheffeln. Der Niedlichkeitsfaktor ist sehr hoch. Ich liebe ihre Hörnchengesichter, die bepinselten Ohren, das Schnäuzchen mit dem Überbiss, der eine Herausforderung wäre für jeden Kieferorthopäden. So begann ich, mich auf die Diebe zu freuen, ungeachtet ihrer kriminellen Neigung.

Sie kamen regelmäßig. Das ganzen Sommer über guckten sie sporadisch vorbei zur Überwachung des Reifeprozesses. Der fiel offensichtlich zu ihrer Zufriedenheit aus. Denn nun sind sie zur Ernte angetreten. Sie kennen sich aus in meinem Garten. Fühlen sich hier wie zu Hause. Wissen, dass ihnen nichts passiert. Darin befindliche Menschen werden, wenn sie sich ruhig verhalten, als Inventar betrachtet. Mit Katze Mausi gibt es eine spirituelle Verbindung, eine stillschweigende Übereinkunft. Wenn Mausi ihren runden Körper in eine Angriffsposition dirigiert – sie braucht das für ihr Selbstbewusstsein – dann wissen beide Seiten, dass nur der Schein gewahrt werden muss.

Die Eichhörnchen hopsen leichtfüßig durchs Gras, mit hasenähnlichen Sprüngen, machen zwischendurch neckisch Männchen. Tigert die Katze in ihre Richtung, flitzen sie auf den nächsten Baum, schrauben sich spiralförmig und blitzschnell in die höchsten Höhen und lachen sich ins Fäustchen. Dann zucken sie förmlich mit den Achseln – wie könnte die Katze sie jemals erreichen? – und widmen sich wieder gelassen ihrem diebischen Tun. Das machte mir einige Sorgen.

In mir erwuchs der Wunsch, sie zurück auf den Pfad der Tugend zu führen. Sie herauszuholen aus dem Status der Kriminalität. Dann hatte ich die Lösung: Ich werde ihnen die Nüsse schenken. Sie ihnen übereignen. Der Ertrag aus den Haselsträuchern ist nun künftig der Besitz der Hörnchen. Ihre Ernte wird somit legal. Da Eichhörnchen schützenswert sind, werde ich noch mehr für sie tun. Ich werde Futterautomaten besorgen. Für die karge Winterzeit. Es gibt sie im Fachhandel, extra für Eichhörnchen konstruiert. Die kleinen Flitzer sind sehr clever, die Bedienung dürfte ein Nichts für sie sein. Dann werde ich die Automaten befüllen. Mit Erdnüssen, Rosinen, Sonnenblumenkernen. Und mit gekauften Haselnüssen. Denn von den eigenen Büschen blieb mir keine einzige Nuss.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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