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Die Rettung

Die Rettung

Wie ein altes, vertrocknetes Blatt, mutwillig vom Wind in den Hausflur geweht. Dort hing er an der Wand, von Spinnweben fest umgarnt. Schwärzlich-dunkelbraun. Um Unauffälligkeit bemüht.

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Quelle: Privat

Er sah aus wie ein Blatt. Sozusagen inkognito. Seine ganze Schönheit hatte er gut versteckt, verborgen im Inneren der Flügelseiten. Das war seine Ruheposition, seine Tarnung, sein Schutz.

War nun alles umsonst gewesen? Er hatte sich verheddert in diesem Teufelswerk der Spinne. Bewegungsunfähig hing er fest. Die zähen, klebrigen Fäden umschnürten ihn wie Seile. Unnachgiebig, tödlich. Und sicher wäre er auch gestorben, hätte man ihn nicht entdeckt, vom Blätter-Image befreit und als Falter erkannt.

Vorsichtig löste ihn Kerstin aus dem umschlingenden Gespinst. Die Spinne würde sich leider ein anderes Frühstück suchen müssen. Der Falter in ihrer Hand klappte kurz die Flügel auf, es wirkte fast wie ein Dankeschön. Sie sah, es war ein Tagpfauenauge. Einer jener Edelfalter, häufig anzutreffen. Ein attraktiver Bursche. Er hatte kurz die Tarnung gelüftet. Danach kehrte er zurück in den Ruhemodus, schon ganz auf Winterschlaf eingestellt. Er wünschte sich nur noch ein schützendes Plätzchen. Der Hausflur hatte ihm eine Sicherheit vorgegaukelt, die nicht einlösbar war. Bald würde man die Heizung anstellen, er brauchte jedoch zum Überwintern niedrige Temperaturen. Ganz zu schweigen von hinterhältigen Spinnen, die brauchte er am wenigsten.

Nun aber war er in Kerstins Hand, seine Chancen stiegen. Sie legte ihn behutsam in einen kleinen Karton, auf weiches Vlies gebettet. Dann stellte sie den Karton in eine ruhige Ecke des Kellers. Vielleicht würde er überleben. Hoffentlich würde er überleben! Da lag er nun in seinem gemütlichen Bett. Nahrung benötigte er nicht, sein gedrosselter Stoffwechsel lief zum Nulltarif. Was dachte er die ganze lange Zeit? Dachte er überhaupt? Können Schmetterlinge denken? Träumte er sich zurück in den vergangenen Sommer? Aus einem winzigen Ei war er einst entstanden. Er und seine vielen Geschwister. Eine Armada gelbgrüner Räupchen machte sich über die Blätter der Brennnesselpflanzen her, ihre Mutter hatte die Eier fürsorglich an die Nesseln geheftet. Er und seine Artgenossen legten Wert darauf, nur Brennnesseln zu fressen während der Raupenzeit. Sie begannen mit dem Wachstum und färbten sich bald entschlossen um in ein tiefes Schwarz mit feinen weißen Pünktchen. Sie fraßen weiter in Kolonien die Brennnesselpflanzen kahl. Als sie das erledigt hatten, hüllten sie sich ein zur Puppe.

Dann war es eines Tages soweit. Die Krönung seines Insektenlebens. Aus dem unscheinbaren Kokon schlüpfte unser Falter. Er prunkte mit seinen leuchtenden Farben. Mit dem satten Rotbraun der Flügel und vier augenähnlichen Kreisen. Farbenfrohe Ornamente, wie auf den Federn von Pfauen. Sie gaben ihm den Namen. Er nutzte diesen Augenschwindel, um sich zu behaupten. Arbeitete mit einem Trick. Er klappte bei Gefahr mit den Flügeln, ließ die Feinde kurze Blicke auf die großen Kreise werfen, auf dass sie im Verhältnis dazu ein mächtiges Tier vermuteten. Wenn die Täuschung gelang, war sein Spiel gewonnen. Nach der öden Einheitskost seiner Raupenzeit hatte er genug von den Nesseln und hielt sich nun an bunte Blumen, deren Nektar er schlürfte. Mit vielen Artgenossen umflatterte er die Blütentrauben der duftenden Buddleja, verschmähte aber auch nicht Luzerne-, Klee- und Distelblüten. Er zeigte eine Vorliebe für Rot und Violett.

Dann war der Winter gekommen, den galt es durchzustehen. Schließlich fehlte noch der krönende Abschluss seines Lebens: Im Frühjahr hatte er Sorge zu tragen für den Fortbestand seiner Art. Beinahe hätte diese Spinne ihm das Ganze vermasselt. Doch Kerstin war ihm zu Hilfe gekommen. Hatte sich gekümmert, fürsorglich und kompetent. Sie kontrollierte seinen Zustand, besprühte den Karton mit Wasser für genügend Feuchtigkeit. Registrierte er die gute Pflege? Als die ersten Sonnenstrahlen Wärme auf die Erde schickten, bekam er samt Behältnis einen Platz auf dem Balkon. Und eines Tages entfaltete das Pfauenauge seine bunten Flügel, klappte sie zum Probestart einige Male auf und zu – und flog befreit davon. Der Falter hatte es geschafft. Er war am Leben geblieben und bereit zur Pflichterfüllung.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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