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Die Rettung

Tiergeschichten Die Rettung

Es sah nicht gut aus für Annabella, die kleine Fledermaus. Fiepend lag sie im Gras, die Mutter blieb verschwunden. Nein, so war das nicht gedacht. Ein Schutzengel musste dringend her.

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Quelle: Dirk Hunger

Vermutlich hatte sie sich den Start ins Leben ganz anders vorgestellt. Wenn man sie fragen würde, die Fledermaus Annabella, dann sähe ihr Wunschbild so aus: Geboren in einer kuscheligen Höhle, geschützt inmitten der Kolonie, Versorgung durch die Mama während der Baby-Zeit, dann erste Flüge in die Wildnis zum Erlernen der Nahrungsbeschaffung neben gleichzeitig fortlaufender Futterversorgung, wenn auch allmählich reduziert, bis das Endziel erreicht ist, das Abnabeln in die Selbständigkeit. Doch man hatte Annabella nun einmal nicht gefragt. So musste sie einfach nehmen, was ihr vom Schicksal geboten wurde. Und das war anfangs recht wenig. Ja, es schien fast, als wäre ihr kurzes Leben vorbei, bevor es richtig begonnen hatte. Die ersten Erinnerungen sind nur noch schwach in ihr vorhanden. Das Flattern der Artgenossen in der großen Gemeinschaft, die liebevolle Fütterung durch die fürsorgliche Mutter.

Dann war plötzlich alles anders. Sie weiß nicht, wie es passieren konnte, dass sie auf dem Erdboden lag. Draußen im nassen Gras. Was überhaupt geschehen war. Das Entsetzen ließ sie fiepen, sie wurde auch gehört, zwei Fledermäuse umflogen sie, doch sie war nicht deren Kind, deshalb zogen sie wieder weiter. Um fremden Nachwuchs kümmern? Das ist nicht üblich in Fledermauskreisen. Was war mit ihrer richtigen Mutter? Die wollte und wollte nicht kommen. Es gab nur einen Grund dafür: Es war ihr etwas zugestoßen. Nie hätte sie sonst ihr Kind verlassen. Und nun lag Annabella im Gras und keiner konnte es ihr verübeln, dass sie die Welt nicht mehr verstand. Nein, so war das nicht gedacht. Es lief nicht gut für sie. Ganz und gar nicht. Ein Schutzengel musste dringend her. Aber die sind schon mit dem Beschützen ihrer menschlichen Klientel überlastet bis an die Flügelspitzen. Doch Annabella hatte Glück. Wie es der Zufall wollte, kam gerade einer geflogen. Der hörte das verzweifelte Jammern und polierte kurz seine Brille, denn die Fledermaus war so klein und daher leicht zu übersehen. Vielleicht kratzte er sich sogar am Kopf und legte die Stirn in Denkerfalten, denn Tiere fielen aus seinem Ressort und deshalb war der vorliegende Fall für ihn nicht so einfach zu lösen. Trotzdem entschloss er sich zum Helfen, schließlich gab es etwas, das sie beide verbindet: Sie gehören zur fliegenden Zunft, wenn auch die kleinen Vampire eher die dunkle Seite verkörpern. Und einen wenn auch entfernten Kollegen lässt man nicht im Stich. Schnell leitete der Engel den Weg einer streunenden Katze um und schickte stattdessen eine Frau aus der Nachbarschaft vorbei, die würde hoffentlich wissen, wie weiter zu verfahren ist. Der Schutzengel sorgte noch dafür, dass die Frau das Tierchen entdeckte, dann flog er eilig weiter. Was würde nun geschehen? Würde die Frau sich kümmern?

Nach anfänglichem Erstaunen hob diese tatsächlich die Fledermaus auf und wickelte sie sanft in ein Taschentuch für den Weitertransport. Nun war damit noch nicht alles erreicht, doch zumindest der erste Schritt in die richtige Richtung getan. Der nächste folgte sogleich. Die Frau hatte nämlich einen Bekannten, der wiederum einen Bekannten hatte, der Fledermauswaisen das gab, was sie zum Überleben brauchten. Und so wanderte das Taschentuch mit dem Fledermauskind in einen Schuhkarton und der zu dem Experten. Hier stieß Annabella auf zwei weitere Bruchpiloten. Beide pflegebedürftig wie sie. Die drei Fledertiere kuschelten sich eng aneinander und vermittelten sich so das tröstende Gefühl von ein bisschen Kolonie. Zum Frühstück wurde Milch gereicht. Fette, sahnige Milch. Und das aus einer Pipette. Annabella hatte vor, sich diesem Umstand zu verweigern, zu krass war der Unterschied zwischen der gewohnten Quelle und dem unpersönlichen Ding. Doch sie wurde nicht viel gefragt, man träufelte ihr die Milch ins Mäulchen und sie musste erkennen, dass der Effekt der gleiche war: Sie wurde wohlig satt. Und das war ausschlaggebend, sie beschloss daher, sich besser an alles zu gewöhnen. Später dann würde es Mehlwürmer geben. Jetzt wo alles geregelt war, hatte Annabella nur noch schleunigst zu wachsen. Was sie inzwischen getan hat. Bald darf sie zurück in die Freiheit. Vielleicht trifft sie dann auf ihren Flügen eines Nachts den netten Schutzengel wieder. Sehr wahrscheinlich ist das zwar nicht, doch wissen kann man das nie so genau.

Karin Tamcke

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