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Die Saison der B(l)aumeisen

Die Saison der B(l)aumeisen

Es ist wie in jedem Frühjahr. Die Baubranche boomt. Ein Eigenheim nach dem anderen entsteht bei Amsel, Drossel, Fink und Star. Überall herrscht Vollbeschäftigung.

Diesem saisonalen Trend wollte sich auch Minna Meise nicht verschließen. Lange hatte sie nach einem Bauplatz gesucht, nun war er gefunden. Die Ausgangslage schien perfekt, das Bruthäuschen auf der Terrasse entsprach genau ihren Vorstellungen von einem trauten Blaumeisenheim. Zwar war es von innen reichlich verlottert. Die letzten Mieter – wie mussten die wohl gehaust haben? Es würde viel Arbeit bedeuten, den ganzen Dreck zu entfernen. Trotzdem – der Standort war akzeptabel, das Einschlupfloch blaumeisengerecht, die Lichtverhältnisse ausreichend. Minna Meise war tatbereit. Das Bauvorhaben konnte starten. Auch ihr Gatte zeigte sich nicht abgeneigt von dem neuen Wohnraum. Er saß im nächsten Apfelbaum und sang für Minna Liebeslieder. Sehr niedlich machte er das. Er sang mit solcher Inbrunst und Freude, dass sich sein Gefieder sträubte. Das Bauen allerdings, das würde er ganz seiner Frau überlassen. Von gerechter Arbeitsteilung kann bei Blaumeisen keine Rede sein. Es kam der nächste Tag. Und alles schien verändert. Das Kästchen war von der Terrasse verschwunden. Ein Hausbau klappt selten reibungslos. Warum sollte das bei Meisen anders sein? Minna war erschüttert. Auch ihrem Gatten blieb vor Schreck das „O Sole Mio“ im Schnabel stecken. Und ein paar Menschen waren im Garten, was die Sache nicht besser machte. Die Situation gestaltete sich unbefriedigend für das Meisenpaar, was beide laut schimpfend zum Ausdruck brachten. Das schien die Menschen einzuschüchtern, denn sie verschwanden bald. Die Meisen genossen ihren Erfolg, gestärkt in frischem Selbstbewusstsein. Und dann bemerkte es Minna: Der Brutkasten hing jetzt im Apfelbaum. So selbstverständlich hing er da, als hätte er schon immer dort gehangen. Und ohne groß Zeit zu verlieren, war Minna wieder zur Stelle. Sie beäugte das Häuschen von allen Seiten. Inspizierte jede Ecke. Von außen war alles unverändert. Doch innen hatte sich viel getan. Die verlotterte Bettwäsche der Vorgänger war komplett verschwunden, sämtlicher Schmutz entfernt. Alles war blitzsauber und zum Einzug bereit. Auch der neue Standort stellte sich als günstig heraus. Das Kästchen hing in sicherer Höhe, das Einflugloch wies gen Südosten, wie es Blaumeisen gerne haben. Minna war begeistert. Der Nestbau konnte endlich beginnen. Aus der kleinen Blaumeise wurde eine Baumeise. Sie begann, sich um das Material zu kümmern. Sammelte Moose und Halme, trug sie ins Häuschen ein. Blaumeisen bauen ein ordentliches Nest. Sie verwenden darauf sehr viel Mühe. Dem fühlte sich auch Minna verpflichtet. Sie stopfte, zupfte, strampelte, um zum Schluss mit Federn und Tierhaaren ein weiches Bett zu bepolstern. Es war eine schwere Arbeit, doch die Meise ging total darin auf. Die künftigen Federbällchen sollten eine schöne Kindheit haben. Da nahte der nächste Ärger in Form eines Kohlmeisenpaares. Auch sie hatten den Brutkasten entdeckt. Und was vorauszusehen war: Sie wollten ihn für sich rekrutieren. Kohlmeisen sind größer als Blaumeisen und ihre schlimmste Konkurrenz. Trotzdem – in Erinnerung ihres Triumphes über die Menschen verteidigten die Blaumeisen ihr Domizil, wobei es neben Verbalattacken auch zu körperlichen Übergriffen kam, das muss man leider sagen. Am Ende entschied ein Umstand den Ausgang dieses Kampfes: Der Body

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Mass

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Index der Kohlmeisen war entschieden zu hoch. Sie kamen nicht durch das Einschlupfloch. Beflügelt von dem Sieg, feierten die Blaumeisen endlich Hochzeit. Es wurde höchste Zeit. Denn Minna merkte, dass sie bald Eier legen würde. Und das tat sie dann auch. Ihr Gatte brachte sich nun ebenfalls ein während der folgenden Brutzeit. Die fettesten Blattläuse reichte er ihr und Käfer und Spinnentiere. Und als dann vier gesunde Meisenkinder eines Tages das Nest verließen, da konnten die Eltern stolz auf sich sein. Für dieses Jahr hatten sie ihren Beitrag zum Fortbestand der Art geleistet. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Karin Tamcke                                

Karin Tamcke

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