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Die Vertrauensfrage

Die Vertrauensfrage

Oh ja, sie hielten sich daran. Hielten daran fest mit tiefer Entschlossenheit. Seid vorsichtig bei den Menschen, das hatte ihnen die Mutter vermittelt als wichtigsten Punkt in der Erziehung.

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Unter falschem Verdacht
Quelle: Privat

Nie wollten Mina und Lina das auch nur ansatzweise vergessen. Ihre Katzenmama würde stolz auf sie sein. Die hatte seinerzeit aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen auf dem Bauernhof gekündigt und nach einem Platz gesucht, der ihrer Nachkommenschaft eine bessere Zukunft garantierte. Daher sprach sie zur Probe in einem Nachbargarten vor. Auf der dortigen Terrasse trafen sich etliche scheue Katzen zu einem Mittagstisch, das hatte sie herausgefunden. Und so fügte sie sich unauffällig in die Meute ein.

Es dauerte nicht lange, da gebar sie im Schuppen zwei Kätzchen. Eines schwarz wie die Mama, das andere schwarzweiß. Sie hatte es heimlich getan und als sie ihre Kinder in die Öffentlichkeit entließ, waren die aus dem Gröbsten heraus und dadurch in der Lage, sich blitzschnell in Sicherheit zu bringen, sollte sich eine menschliche Hand zum Greifen nach ihnen strecken. Doch bei aller Heimlichkeit war es nicht verborgen geblieben, dass sich das Katzenaufkommen in dem bewussten Garten kontinuierlich vergrößerte. Eines Tages erschienen Menschen und fingen mittels Fallen, auf denen das Logo des Tierheims prangte, den jungen Nachwuchs ein. Unter ihnen auch Lina und Mina. Man tat das in der Hoffnung, aus dem wilden Jungvolk kooperative Partner für eine Katzen-Mensch-Beziehung zu formen und ihnen dann in netten Familien einen guten Platz anzubieten.

Für Lina und Mina begann eine Zeit, die sich gänzlich unterschied von dem gewohnten Leben in der freien Natur. Auch wurde von ihnen der notwendige Eingriff, der sie einer Vermehrung enthob, als eine Maßnahme empfunden, die nicht vertrauensbildend war. Obwohl gewissenhaft umsorgt, lehnten sie sich vehement gegen die Zähmungsversuche auf. Ihnen war die Mahnung der Mutter noch sehr lebendig im Ohr. Doch die Interessenten wählten für ihr Zuhause lieber Schmusekätzchen aus, die sich den künftigen Besitzern brav und mit gefalteten Pfoten zeigten, und nicht zwei kleine Wilde, die beim Nahen der Menschen sofort die Wände hochliefen, was technisch gesehen nicht möglich war, dennoch schafften sie es. So drohten Lina und Mina, zu Ladenhütern zu werden.

Dann wendete sich das Blatt. Ein junger Tierheim-Mitarbeiter war ihrem Charme verfallen, den sie trotz aller Wildheit in hohem Maße aufweisen konnten. Das ebnete ihnen den Pfad in ein richtiges Zuhause, sie zogen bei ihm ein. In der ersten Zeit zeugten nur leergefutterte Näpfe von ihrer Anwesenheit. Der Tätigkeit der Nahrungsaufnahme gingen sie nur des Nachts nach oder in Abwesenheit ihres Halters. Ansonsten ließ nichts darauf schließen, dass in der Wohnung ein Mensch plus zwei Katzen lebten. Es dauerte recht lange, bis man sie endlich auch tagsüber im Wohnzimmer sehen konnte, schemenhaft und flüchtig. Doch wagten sie sich nur hervor, wenn ihr menschlicher Mitbewohner reglos auf dem Sofa ruhte, womit sie eine Gefahr für sich auszuschließen beschlossen hatten. Sie schlichen auf Zehenspitzen an der Wand entlang, um sich bei der kleinsten Bewegung sofort in Sicherheit zu bringen.

So verging eine lange Zeit. Da nahm Mina eines Tages allen Mut zusammen. Sie entschied sich für Hoffnung und Zuversicht und stellte die Vertrauensfrage. Sie gab die Deckung auf und schickte aus ihrem schwarzen Körper ein zaghaftes Miau in die Richtung ihres Menschen. Es war der erste Baustein zum Schaffen einer Beziehung. Und weil sich daraufhin die Erde weiter drehte und keine Katastrophe die Folge des Miauens war, taute auch Lina auf. Ganz sachte schmolz der Widerstand. Und dann geschah es eines Abends. Dunkel war es im Zimmer. Nur der Fernsehapparat warf Lichtblitze in den Raum. Im Schutze dieser Dunkelheit passierte das kleine Wunder. Plötzlich spürte der junge Mann einen Druck auf seinem Bein. Einen federleichten Druck, mit Vorsicht ausgeführt. Wenig später folgte Lina dem Beispiel ihrer Schwester. Dann legten sie sich mit Bedacht auf dem Menschenkörper zurecht. Sie schauten ihren Menschen an, mit viel Vertrauen im Blick, und schienen sich erstaunt zu fragen, warum der so gerührt war wie nie zuvor in seinem Leben.

Karin Tamcke

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