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Die grüne Armada

Die grüne Armada

Sie sind die Blumen meiner Kindheit. Flammendrote Geranien. Meine Großmutter pflegte sie, vermehrte sie liebevoll durch Stecklinge und wartete gespannt auf die ersten Blüten, die ebenfalls alle flammendrot waren, was bei den Stecklingen aus roten Geranien nicht weiter verwunderlich war.

Geranien. Eines Tages beschloss ich, meine Terrasse zu beblühen. Ebenfalls mit Geranien. Ich beschränkte mich nicht nur auf rote Pflanzen. Ich kaufte alle verfügbaren Farben. In Rosa, Weiß, Pink, Lachs und weiteren Zwischentönen. Die Geranien wurden mein ganzer Stolz. Ich redete mit ihnen, goss sie täglich mit Hingabe, entfernte trockene Blätter, schnitt alte Blütenstände ab. Ich umsorgte sie und erfüllte ihnen jeden Wunsch nach Ansprache, Wasser und Dünger. Ich schnitt Stecklinge und vermehrte die Pflanzen und wartete genauso gespannt auf das Öffnen der Knospen wie meine Großmutter seinerzeit. Bald war die ganze Terrasse ein rosarotes Blütenmeer. Und dann, eines Tages....!!! Löcher! Die Blätter hatten Löcher. Zwar kleine, aber unverkennbar Löcher. Und am nächsten Tag waren es noch mehr. Man konnte es nicht wegdiskutieren – jemand war gerade dabei, meine Geranien zu perforieren, was denen bestimmt nicht gut tun würde. Ich drehte die Blätter nach allen Seiten, guckte von oben, guckte von unten. Nichts war zu sehen. Kein Hinweis auf den Attentäter. Die Blätter wurden braun, ich musste sie entfernen. Und noch immer keine Spur von dem Geranienkiller. Dann sah ich auch Löcher in den Blüten. Und endlich, nach vielen bangen Tagen, manifestierte sich der Unhold. Eine winzige grüne Raupe kroch über die Blatt-Unterseite. So unschuldig sie auch tat, ich traute ihr alles zu. Mit Sicherheit auch den Lochfraß, der meine Blumen entlaubte. Meine Ahnung trog mich nicht. Sie setzte die Fresswerkzeuge an und hatte nach kurzer Zeit ein winziges Löchlein geschaffen. Sie ging dabei so gelassen vor, so absolut selbstverständlich. Nichts konnte sie stören in ihrem Bemühen, sich das Blatt einzuverleiben. Dann sah ich auch ihre Geschwister. Eine ganze Raupen-Armada hatte sich aufgemacht, meine Lieblingspflanzen zu fressen. Sie waren perfekt getarnt. In einem frischen Laubgrün gehalten, unterschieden sie sich nicht von den Blättern. Ich begann, die kleinen grünen Dinger planmäßig abzusammeln. Jede Geranie wurde akribisch untersucht und von den Frevlern befreit. Aber die Löcher nahmen zu. Weitere Winz-Raupen wuchsen heran, mit bloßem Auge kaum sichtbar. Zu sehen war nur ihr Lochfraß. Ich besorgte Insekten-Spray und duschte damit die Pflanzen. Die Blätter wurden gelb, aber die Raupen blieben. Ungerührt fraßen sie weiter. Sie fraßen auch keine Löcher mehr, sie fraßen nun die ganzen Blätter. Wie gerupfte Hühner sahen meine Geranien aus. Blattlos kümmerten sie dahin. Mir brach es fast das Herz, sie so nackt zu sehen. So fest in der Hand der grünen Feinde.   Da Raupen selten bis ans Lebensende Raupen bleiben, sondern nur das Fressstadium eines Falters sind, stellte sich mir die Frage: Wer mochte dahinterstecken? Wer verbarg sich unter der grünen Montur? Wen würde die Metamorphose später zu Tage befördern? Ein Blick in entsprechende Bücher brachte keine Klärung. Es gab so viele grüne Raupen. Gehörten sie zu Spannern, Spinnern, Faltern, Motten? Und dann sah ich eines Tages ein seltsames Gebilde. Eine Raupe im verpuppten Zustand. Sie klebte an einem Stängel. Reglos, schutzlos, hilflos. Ich sammelte sie vorsichtig ein und inhaftierte sie in einem leeren Marmeladenglas. Täglich kontrollierte ich ihren Zustand. Sie jedoch hing weiter desinteressiert am Blatt. Doch dann, nach ungefähr zwei Wochen, flatterte etwas im Glas. Es war ein kleiner Schmetterling. Die Flügel weiß mit schwarzen Punkten. Ein erneuter Blick ins Bestimmungsbuch. Es war der Kleine Kohlweißling. Er gilt als großer Schädling. Hier saß er nun, der Mörder meiner Geranien. Ich sah ihn an. Sah die zuckenden Fühler, die tastenden Beinchen, die zarten Flügelchen. Ästhetisch schön und zerbrechlich. Ein kleines Wunderwerk. Da konnte ich ihm einfach nicht böse sein. Ich öffnete das Glas – und ließ ihn einfach fliegen. Karin Tamcke      

Karin Tamcke

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