Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Die zarteste Versuchung

Die zarteste Versuchung

Ihn packte das blanke Entsetzen, als er seinen Balkon betrat. Das Chaos war perfekt. Er hatte sie frisch gepflanzt, die vielen bunten Frühlingsblumen. Himmelblaue Lobelien, die dankbaren Fleißigen Lieschen, würzig duftende Tagetes und Petunien in allen Farben.

Noch gestern schmückten sie die Tröge, wucherten üppig aus Schalen und Kästen und verwandelten den grauen Balkon in eine blühenden Oase. Und nun? Aus war es mit dem Blühen, die ganze Pracht zerstört, die Pflanzen gaben nichts mehr her. Niedergemacht waren sie, platt bis auf die Wurzeln. Er wollten seinen Augen nicht trauen.

Doch was dann kam, war noch viel schlimmer. Er stand vor einer Entdeckung, die ihm in schwerem Erschrecken den Blutdruck in die Höhe trieb. Fridolin war weg! Weder das Ställchen noch der Auslauf zeigten Zeichen der Anwesenheit des schwarz getupften Kaninchens. Lediglich Sieglinde, Fridolins Gefährtin, mümmelte verdrossen am Heu. Ihm schien die Sache klar: Jemand hatte verwüstet, was ihm lieb und teuer war. Und als wäre das nicht genug, hatte er das Kaninchen gestohlen. Seinen geliebten Fridolin. Als ganz junges Tier war der Nager in seinen Besitz gekommen. Zusammen mit der Sieglinde. Er schloss die beiden gleich ins Herz, baute für sie ein Ställchen, es ging über zwei Etagen, und fügte einen Auslauf an, in dem sie durch Tunnel kriechen, in einem Kistchen buddeln oder auf einer Plattform ruhen und die Sonne anbeten konnten. Er fütterte sie mit frischem Gemüse und brachte ihnen Löwenzahn von seinen Spaziergängen mit. Sie waren die Freude seines Daseins, er hatte viel Zeit als Rentner. Nun gab es nur noch Sieglinde. Wer hatte Fridolin entwendet? Und zu welchem Zweck? Doch wohl nicht als Sonntagsbraten? Was war hier bloß passiert? Fest stand, es hatte jemand gewütet. Aus reiner Lust am Zerstören? Der Balkon lag ja fast ebenerdig, ein kleiner Klimmzug nur, dann war man in seinem Freiluftreich. Verstört betrachtete er die Reste, die einst sein Paradies darstellten. Lediglich der große Farn war unversehrt geblieben und der Bambus in der Ecke. Doch alles, was zart und verletzlich grünte, hatte dem Frevel nicht standgehalten.

Er griff zum Telefon, wählte mit zitternden Fingern die Nummer der Polizei. Das Einsatzkommando kam sofort. Auch den ratlosen Polizisten bot sich kein anderes Bild. Verwüstete Frühlingsblüher, verstreute Blumenerde. Sie machten sich Notizen und er erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Was keinen Trost in sich barg, doch was konnte man anderes machen? Er munterte die einsame Sieglinde mit einem guten Salatblatt auf. Dann gab er sich dem Kummer hin und der Sorge um Fridolin. War es Gedankenübertragung? Leitete das enge Band zwischen ihm und dem Kaninchenbock die intensiven Gedanken auf direktem Weg zum Mümmler? Der nämlich war bei bestem Befinden, auch wenn sein Bauch etwas spannte. Was kein Wunder war bei den vielen delikaten Pflänzchen, die sich in seinem Magen zu einem Eintopf aus Lobelien, Petunien und Tagetes ballten. Ihm war nicht mehr gegenwärtig, wie es ihm gelungen war, das Gitter zu überwinden, das ihn von der Freiheit trennte. Auf jeden Fall befand er sich ganz plötzlich außerhalb des Auslaufs und jenseits von Sieglinde. Nach einem letzten Blick zurück überkam ihn der Erkundungsdrang.

Viel gab es zu entdecken. Vor allem diese schmackhafte Fülle, die sich dicht vor seiner Nase in bunten Farben präsentierte. So dicht und gut zu greifen, die zarteste Versuchung. Wer könnte da widerstehen? Seine Vorderzähne gruben sich mit Wonne in die Blütenpracht. Er ließ erst davon ab, als er Schritte hörte. Zur Sicherheit verkroch er sich hinter Farn und Bambus, außerhalb des vertrauten Geheges war es um seine Selbstsicherheit nicht so gut bestellt. Das änderte sich erst recht nicht, als er fremde Stimmen hörte. Er wartete auf reine Luft, ließ die Polizisten gehen, dann hielt er es für angebracht, sich vorsichtig zu zeigen. Witternd schob er die Nase aus dem üppigen Farn und kam in den Sichtbereich seines Menschen. Für den ging hell die Sonne auf, als er seinen Liebling sah, zugleich aber auch ein anderes Licht. Kleinlaut rief er die Wache an und zog die Anzeige zurück. Schließlich war der Fridolin alles andere als unbekannt. Dann sicherte er gründlich das Gehege und kaufte neue Blumen.

Karin Tamcke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tiergeschichten
  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr