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Ein Fahrrad für die Amseln

Tiergeschichten Ein Fahrrad für die Amseln

Es war einmal ein Fahrrad, das lange unbenutzt herumstand. Und es war einmal ein Amsel-Paar auf der Suche nach einem Nistplatz. Dann kam eines Tages zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört.

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Quelle: dpa

Es war einmal ein altes Holland-Rad, das stand in einem Schuppen. Lange stand es da, ungenutzt und offensichtlich vergessen. Der dunkelgrüne Rahmen überzog sich mit einer dicken Staubschicht, die Reifen verloren die pralle Fülle und senkten sich platt zu Boden. Dann wurde das Haus verkauft, zu dem der Schuppen gehörte. Und damit auch das Rad. Die neuen Eigentümer hatten viel zu tun und es dauerte eine geraume Weile, bis jemand das Rad entdeckte. Es wurde vom Staub befreit, geputzt und blankgewienert, bis der grüne Lack in alter Pracht zu glänzen begann. Neue feste Reifen rundeten bald die Räder und als kleinen Luxus erhielt es ein Einkaufskörbchen, das den Lenker zierte. Wenn ein Fahrrad hoffen kann, dann hatte es nun allen Grund. Es schien vorbei zu sein, das einsame, untätige Dasein. Doch dann stand es wieder herum, dieses Mal unterm Carport und damit im Sichtbereich, was zwar ein kleiner Fortschritt war, doch immer noch wurde es nicht benutzt.

Und es war einmal ein junges Amsel-Paar. Viel Erfahrung war ihnen nicht mitgegeben, es war ihre erste Saison als Eltern künftiger Amselkinder. Sie wollten mit dem Nestbau beginnen und hatten sich dafür einen Platz zwischen Lobelien und Tagetes gesucht. Sie sammelten Nistmaterial, verbanden es zu einem Ganzen und waren sehr zufrieden, denn die Blumen fügten sich so nett um die zum Rund gewundenen Hälmchen. Womit bewiesen ist: Auch Amseln besitzen Schönheitssinn. Sie hatten nur außer Acht gelassen, dass sie die Heimstatt ihrer Kinder in einem Blumenkübel bauten. Der Kübel stand auf dem Balkon eines Einfamilienhauses und sollte den Zweck der Dekoration und nicht als Amselheim erfüllen. Die Hausbesitzer waren tierlieb und ließen die Vögel gewähren. Sie mieden den Balkon, bis die Kleinen flügge waren. Danach war Schluss mit lustig, bei aller Toleranz. Der Kübel wurde vom Nest befreit, vorsichtshalber dem Balkon und damit auch den Amseln entzogen. Die brutbegeisterten Vögel mussten sich für die zweite Runde ein anderes Plätzchen suchen.

Durch die erfolgreiche erste Brut inmitten der duftenden Blüten hatte sich ihr Geschmack verfeinert, ihre Ansprüche waren nun gehoben und ließen sich nicht mehr vereinbaren mit einem schnöden Nest im Gebüsch. Einmal den Luxus genossen, und schon gab es kein Zurückstecken mehr. Die Amseln hielten Ausschau nach einem neuen feinen Nistplatz und nun kam zusammen, was eigentlich gar nicht zusammengehörte. Sie entdeckten das einsame Fahrrad und brachen in Jubel-Triller aus. Jetzt tut sich berechtigt die Frage auf: Was wollen Amseln mit einem Fahrrad? Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Das Fahrgestell als solches wäre auch nicht von Interesse gewesen, hätte es da nicht dieses praktische Körbchen am Lenker gegeben! Es trug in sich das Versprechen von einem exquisiten Heim. Zudem verspürte Frau Amsel schon stark den Drang zum Eierlegen, da wurde nicht viel gefackelt und die beiden begannen eifrig, wiederum Hälmchen einzutragen, bis sich in das Weidengeflecht die neue Amselwohnung schmiegte. Die Vögel beglückwünschten sich zu der Wahl des neuen Domizils.

Bald waren fünf Eier gelegt und das Brutgeschäft begann. Bislang noch unbemerkt. Nach der vorgeschriebenen Zeit schlüpften die Amselkinder und fühlten sich sichtlich wohl in ihrem mobilen Zuhause. Sie nahmen Würmchen entgegen, befiederten sich schnell und waren der Stolz der Eltern. Doch dann ergab es sich, dass sich jemand aus dem Haus des grünen Rades erinnerte. Das Wetter war sonnig-heiter, wie geschaffen für eine kleine Tour. So flog die Amselfamilie auf. Der Blick aus fünf schwarzen Augenpaaren senkte sich erschrocken in den der erstaunten Menschen, fünf Flaumbälle duckten sich tiefer ins Nest, während die aufgelösten Eltern ein lautes Gezeter erzeugten. Da hatte das alte Fahrrad so lange unbenutzt gestanden, nun bekam es plötzlich die doppelte Aufmerksamkeit, was dem Fahrrad nur schmeicheln konnte. Zwei Parteien erhoben Anspruch, was würde nun geschehen? Man kann es sich fast denken. Wieder konnten die Menschen dem Charme der Vögel nicht widerstehen. Sie machten schnell ein Foto, dann entfernten sie sich sacht. Zum Fahren würden sie auch später noch kommen. Wenn sie es nicht wieder vergaßen.

Karin Tamcke

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