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Ein Mäh macht noch keinen Mäher

Ein Mäh macht noch keinen Mäher


Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie fahren im Auto so vor sich hin, denken an nichts Böses, überholen  einen Kleinwagen, ein beiläufiger Blick nach rechts.

....und zwei Schafe, auf dem Rücksitz hockend, gucken blasiert durch die Scheiben und winken Ihnen huldvoll zu. Fata Morgana? Falscher Film? Dann lesen Sie nur weiter. Doch fangen wir am Anfang an, wie sich das gehört.

Wer mäht schon gerne Rasen? Als der Rasenmäher neu war, rissen sich Vater und Söhne darum, doch nach den ersten Malen war der Reiz des Neuen dahin. Und so kamen wir auf die Idee: Wir lassen einfach  mähen! Wir stellen dafür Schafe ein! Die würden aus unserer urwüchsigen Grasfläche innerhalb kürzester Zeit einen Rasen von englischer Güte erschaffen. Und neben dem Mähen auch nette Schafwolle abwerfen zum Stricken dicker Socken. Ja, so dachten wir uns das.

Die Rasenmäher-Schafe waren schnell gefunden. In einer Anzeige wurden sie angeboten: „Junge Skudden als Streicheltiere und zur Landschaftspflege!“ Und weiter: „Skudden sind die kleinste deutsche Schafsrasse, robust, kurzschwänzig, mischwollig und genügsam. Ihren Ursprung hat diese Rasse in Ostpreußen und im Baltikum.“

Also einen Termin ausgemacht, um die Rasenkürzer abzuholen. Sie lebten auf einem Inselchen in einem großen See. Ein Boot zum Übersetzen stand schon bereit. Während die Frau des Hauses mich in ein längeres Gespräch verwickelte, entschwanden die beiden Männer zum Einfangen der künftigen Mäher. Bald wurde Erfolg gemeldet. Im Boot lagen, mit zusammengebundenen Beinen und fest vertäut, zwei blonde, kurzschwänzige, mischwollige Wesen und gucken uns mäßig freundlich an. Ein bisschen groß für Jungtiere kam mir speziell der Bock vor, aber nun war die Fracht verpackt, wer will da noch anfangen zu nörgeln?

An Land wechselten die Paarhufer vom Boot ins Auto. Und so kam es dann zu der denkwürdigen Fahrt. Vorne zwei Menschen, hinten zwei Schafe, auf ihren kurzen Schwänzen sitzend und vorschriftsmäßig angeschnallt. Zugegeben: Das huldvolle Winken ist frei erfunden. Aber es hätte gut gepasst.

Zu Hause angekommen, wurden Wotan und Helena, so hatten wir sie getauft, in ihr vorbereitetes Reich getragen. Ein Pferch, von einem kleinen Zaun umgeben, und ein Ställchen für Regentage warteten darauf, den Bewohnern ein Heimatgefühl zu schenken. Wir kamen endlich zum Lösen der Fesseln. Täuschte ich mich oder traf mich grad ein eiskalter Blick aus Skuddenaugen? Dann passierten zwei Dinge fast zeitgleich: der Schnitt durchs Fesselband und ein explodierender Bock. Ein kurzes Abschieds-Mäh, ein hoher Satz über das Zäunchen, die Gartenhecke – und weg war der gute Wotan. Mit olympiaverdächtigem Sprung setzte mein Mann hinterher. Noch nie hatte ich ihn so schnell erlebt. Dann kamen sie zurück. Und sie sahen so anders aus. Wotan hatte ein Horn verloren, sein Bezwinger, ihn am verbliebenen fest im Griff, war von Dornen und Sträuchern zerkratzt.

Auch Helena zeigte sich nicht zahmer. Die Schafe, in der Inselfreiheit aufgewachsen, respektierten weder Zäune noch Menschen. Ihre Dienstauffassung, ein Rasenstück zu pflegen, war daher nicht ausgereift genug. Damit endete auch unser Traum von der Arbeitsbefreiung.

Wir erhöhten den Zaun zu einer Festung. Und täglich schnitt ich nun, verfolgt von vier listigen Schafsaugen, mühsam selbst das Gras, um unsere Verweigerer zu versorgen, Schließlich fanden wir einen Bauern mit einer großen Skudden-Herde, dem wir beide schenkten.

Zum Einsatz kam wieder der Motormäher. Klang sein Brummen nicht eine Spur anders, so ein bisschen in Richtung Triumph? Doch vielleicht bildete ich das mir auch nur ein.     Karin Tamcke

Karin Tamcke

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