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Ein ganz besonderes Nest

Ein ganz besonderes Nest

Lange hatte der Winter gedauert, nun wurde es höchste Zeit, um an die Nachkommenschaft zu denken. Die ganze Vogelwelt schaltete auf Hochbetrieb, es wurde gezwitschert und gebalzt, man sang die schönsten Balladen, verbaute erste Hälmchen.

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Quelle: Volkmar Heinz

Sie waren sehr spät dran. Nur das Kohlmeisen-Paar saß verzweifelt da. Es war obdachlos geworden. Der alte morsche Nistkasten, ihre gewohnte Bleibe, hatte dem strengen Winter nicht mehr standgehalten.

Er war ihnen Schlafstatt gewesen, Kälte- und Regenschutz. Nun lag er zerfallen am Boden. Und während die Vögel um sie herum bereits am Nestbau werkelten, waren sie, die armen Meisen, hektisch auf der Suche nach einer neuen Unterkunft. Welchen Kasten sie inspizierten, an welche Tür sie auch klopften, alles war schon besetzt. Das Frühjahr fing ja gut an! Die Meisen waren frustriert. Es war ein schwerer Schlag. Vor allem drängte die Zeit. Sie waren an den Komfort eines hölzernen Häuschens gewöhnt, trotzdem suchten sie vor Verzweiflung alle Mauerritzen ab nach einem geeigneten Brutplatz. Doch nichts wollte ihnen gefallen. Sie lebten gerne hier auf dem Bauernhof. Es gab genügend Nahrung das ganze Jahr hindurch. Im Winter bedienten sie sich gerne vom Angebot am Fütterungsplatz, das Frühjahr brachte Raupen und Käfer, die sie von der Rinde der Apfelbäume pickten. Sie brauchten gar nicht weit zu fliegen, das Futter wuchs ihnen fast in den Schnabel. Sozusagen Fastfood. Besonders beliebt beim Nachwuchs. Doch nun gab es keine Behausung! Und ohne Nest keine Kinder. Es war ein einziges Desaster.

Dann kam für sie die Rettung, buchstäblich in letzer Minute. Es hatte ein netter Mensch einen neuen Nistkasten aufgehängt, genau an der gleichen Stelle, sie mussten sich nicht umgewöhnen, kein neues Revier erkämpfen. Die Meisen atmeten spürbar auf. Sie begutachteten den Kasten, prüften ihn von allen Seiten, von innen und von außen. Stimmte die Himmelsrichtung? Die Größe des Einflugloches? Alles war in schönster Ordnung. So weit, so gut. Nur war es mit dem leeren Kasten alleine nicht getan. Es fehlte noch die Möblierung. Schließlich sollten es die Kleinen weich und gemütlich haben. Die Meisen begannen in aller Eile, nach geeigneten Halmen zu suchen, nach Moos und zarten Flechten. Doch das kostete viel Zeit, sie hatten den Rückstand aufzuholen. Dann entdeckten sie ihn, den alten Eimer auf der Terrasse des Bauernhauses. Und was sie darin sahen, ließ ihre Meisenherzen deutlich höher schlagen. Der Eimer war gefüllt mit schönstem Pferdehaar! Übrig geblieben von einer Säuberungsaktion. Jemand hatte beim Frühjahrsputz auch die dicken Pferdedecken von Schmutz und Haar befreit.

Die Meisen waren hingerissen, sofort war ihnen klar, was das für sie bedeutete: Sie hatten einen Schatz gefunden, die schönste Polsterung für ihr Nest! Und fast vor der eigenen Haustür. Keine langen Anflugwege, kein mühevolles Suchen. Sie mussten nur den Transport übernehmen. Doch es gab ein kleines Problem. Das war grau getigert und hörte auf den Namen Emil. Nicht dass Emil Freude an Pferdehaaren finden würde, nein, Emil stand mehr auf Federn. Es konnten auch Meisenfedern sein. Möglichst noch mit Inhalt. Den Meisen war der Kater leider nicht unbekannt. Sie legten keinen Wert auf ein Zusammentreffen. Sie mussten vorsichtig sein, äußerst umsichtig handeln. Daher beschlossen sie eine Arbeitsteilung. Herr Meise würde transportieren, Frau Meise die Wache übernehmen. Sie positionierte sich im nächsten Busch, mit gutem Blick auf alle Zugangswege. Sobald sie Tigerstreifen sah, piepste sie Alarm, sehr zu Emils Verdruss. War die Luft wieder rein, machte sich Herr Meise weiter über den Haarfilz her. Er tat das sehr gewissenhaft. Er pickte sich ein Haar heraus, drehte es, wendete es, betrachtete es von allen Seiten, akzeptierte oder verwarf. Er nahm beileibe nicht jedes Haar, bevorzugte nur die besten. Die trug er dann in den Nistkasten ein.

Die Meisen kamen jeden Tag, sie schienen nicht fertig zu werden. Der Nestbau wurde zum Langzeitprojekt. Dabei drängte doch die Zeit! Endlich zeigten sie sich zufrieden, betrachteten mit Stolz ihr Werk. Das Frühjahr hatte so trübe begonnen, die Zukunft gänzlich ungewiss. Nun besaßen sie das schönste Nest. Es war dick und weich und wollig und trug den hellen Karamellton eines Norweger-Pferdchens.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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