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Ein irres Meckern

Ein irres Meckern

Was war los mit den Ziegen von Hubert? Sie verhielten sich plötzlich so anders. Ganz seltsam und unerklärlich. Selbst ihr ständiges Meckern klang nicht so sonor wie sonst.

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Quelle: André Kempner

Es wies eine neue Note auf, eine fast närrische Note. So äußerten sie sich gewöhnlich nicht. Hubert war beunruhigt.

Er kannte sie ganz genau. Lebte doch schon so lange mit ihnen. Er sah ihnen sogar ähnlich, was den langen Bart betraf. Nun stand er vor einem Rätsel. Waren die Tiere etwa krank? Einige zeigten sich antriebsgedämpft, andere wieder beflügelt von einer gewissen Euphorie. Doch wirkten alle nicht unzufrieden. Was hatten sie nun wieder angestellt?

Es war nicht immer leicht mit ihnen. Zu betont und unverfroren lebten sie ihren Eigensinn aus. Doch das machte das Miteinander bunt und interessant. Obwohl er manches Mal nicht wusste, ob er lachen sollte oder sich die schütteren Haare raufen über ihre Eskapaden. Gar nicht zurückdenken mochte er an den wahrlich schwarzen Tag, an dem seine dreisten Ziegen über den Weidezaun entschwanden, um die Gartenlaube des Nachbarn nach ihrer Vorstellung zu gestalten. Der malerisch anmutende Blattbewuchs verschwand in ihren Mägen, schnell hatten sie die Begrünung rückstandsfrei abgefressen. Und als Zugabe die Blumen in den bunt bepflanzten Kübeln. Danach war in Nachbars Garten nur noch der Kahlschlag zu vermelden.

Hubert konnte nur seufzen bei dieser Erinnerung. Er hatte lernen müssen, dass in einem Leben mit Ziegen nichts vorhersehbar war. Doch konnte das seine Liebe zu ihnen nicht im geringsten schmälern. Er mochte ihren frechen Blick aus den Pupillenschlitzen, amüsierte sich über das listige Lächeln, das ihre Mäuler umspielte. Ihm gefiel ihr Temperament, das sich in Bocksprüngen äußerte, er schätzte ihre Quirligkeit. Nur dass sich seine Tiere gerne auf die Reise machten zu nachbarlichen Gefilden, konnte und durfte er nicht akzeptieren. War ihnen das große Areal der eigenen Wiese nicht genug? Der alte Resthof, auf dem sie lebten, bot doch die beste Bedingung für eine Ziegenhaltung. Sie hatten viel Raum zur Verfügung und einen schönen offenen Stall. Auch litten sie nie Mangel an ziegengerechter Nahrung. Doch die Früchte in Nachbars Garten waren offensichtlich süßer. Er konnte nur achselzuckend ein weiteres Mal den Zaun erhöhen und auf ihre Einsicht hoffen.

Dann war er auf die Idee gekommen, ihnen außerhalb ihres Refugiums mehr Abwechslung zu bieten. Ihren Horizont zu erweitern und ihr Bewusstsein zu schärfen durch Eindrücke neuer Art. Er aquirierte einen Job für sie. Nun kommen seine Ziegen einer wichtigen Aufgabe nach. Sie haben in Biotopen für das pflanzliche Gleichmaß zu sorgen. Dürfen ganz legal Büsche am weiteren Wachstum hindern, Kräuter in ihre Schranken weisen, die Mähaufgabe übernehmen. Seinen Ziegen gefällt die Arbeit, sie leben dabei ganz offiziell ihre Bedürfnisse aus. Oftmals teilen sie sich den Job mit Schafen, doch heute waren sie unter sich an einem neuen Arbeitsplatz. Das Abgrasen ging auch flott vonstatten, sie kamen gut voran. Alles schien in bester Ordnung, Hubert war zufrieden. Daher gönnte er sich zur Entspannung eine kleine Pause. Unter den wärmenden Strahlen der Sonne überkam ihn der Mittagsschlaf. Doch als er wieder erwachte, schienen sich die Ziegen inzwischen verwandelt zu haben. Ihn suchte die Erkenntnis heim, dass sie sich mehr als seltsam verhielten. Es war nicht zu übersehen. Ihre sonst so sicheren Sprünge ließen ein Ziel vermissen. Unkoordiniert und irren Blickes schwankten sie über die Weide, stolperten in die nächsten Schritte, einige fielen zwischendurch um.

Hubert registrierte es und war doch sehr erschrocken. Er betastete die Ziegen, fand aber nichts Verdächtiges. Sie erschienen ihm fast wie alkoholisiert, was schlichtweg nicht möglich war. Doch begann er für alle Fälle, das Gelände abzusuchen. Und glaubte kaum, was er dann sah. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung und Verwunderung. Versteckt hinter einer Brombeerhecke erstreckte sich in sattem Grün eine kleine Hanf-Plantage. Fast die Hälfte der Pflanzen war bereits abgefressen. So hatte Hubert das nicht gemeint mit der Bewusstseins-Erweiterung und auch nicht mit der Abwechslung. Der illegale Hanfanbau war Sache der Polizei. Er selber konnte nun darauf warten, dass aus den irren Tönen wieder normales Meckern wurde.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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