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Ein komischer Vogel

Ein komischer Vogel


Eines Tages kam mein Mann mit einer Amazone nach Hause. Glücklicherweise eine in gefiederter Form.

. So ein Papagei sei schon ewig sein Traum gewesen, gestand er mir mit etwas unsicherem Lächeln. Ein Züchter aus dem Nachbarort habe "zufällig" nestjunge Vögel gehabt.

Aus dem Transportkäfig beäugte mich ein knallgrüner Papagei mit blauem Stirnband und gelber Baskenmütze. Eine Blaustirn-Amazone, sonst anzutreffen in brasilianischen Wäldern, nun aber Made in Germany. Ich bin kein Anhänger von Vögeln in Käfighaltung, ich sehe sie lieber frei in ihrem eigenen Lebensraum, doch nun war es zu spät für Reklamationen solcher Art. Jetzt also hatten wir einen Papagei, der unser Leben teilen sollte und der, keiner wusste genau warum, plötzlich den Namen Eule trug. Anfangs saß Eule nur abwartend auf der Stange. Etwas in sich gekehrt, fixierte sie die Umgebung. Doch bald war sie mit uns vertraut und wir öffneten die Käfigtür.

Geht man davon aus, dass Vögel fähig sein sollten, sich federleicht in die Lüfte zu schwingen, so war Eule der krasse Gegenentwurf. Sie flog wie mit Pflastersteinen beschwert. Doch meistens ging sie zu Fuß und gestaltete ihre Freizeit mit dem Anknabbern von Tapeten und Möbeln und knipste mit dem Schnabel Löcher in die Gardinen. Sie klaute alles, was in ihrer Reichweite war, um es zu zerschnipseln, was bei unseren Kindern für Belustigung sorgte, solange es nicht ihre eigenen Sachen waren.

Nun sollte man nicht verschweigen, dass zu unserer Familie unter anderem auch Katzen gehörten. Das hatte uns anfangs Sorge bereitet. Wie gingen die um mit dem neuen Hausgenossen? Sahen sie in ihm ein opulentes Frühstück? Doch Eule regelte das auf ihre eigene Weise und mit Hilfe ihrer Tollpatschigkeit. Sie kraxelte auf die Lehne des Sofas, wo der Kater schlummerte. Noch bevor wir eingreifen konnten, verlor der Vogel das Gleichgewicht und rollte auf den schlafenden Pelz, der darin einen Frontalangriff sah und in panischem Entsetzen aufsprang und die Flucht ergriff. Das sprach sich bei den Katzen herum und alle hielten zu diesem seltsamen Vogel vorsorglich einen Sicherheitsabstand.

Dabei war Eule sehr friedlich. Anfangs saß sie aufmerksam im Raum und assimilierte Umweltgeräusche, protokollierte im stillen unser Familienleben. Denn eines Tages kam zu unserer Überraschung aus ihrer Ecke ein deutliches „Hallo". Kurz darauf erweiterte sie ihr Repertoire um ein lässiges „Na du?" und wenig später krähte sie uns entgegen: „Na, du alte Eule?" Damit war ihr deutlicher Wortschatz allerdings erschöpft. Der Rest war unverständliches Kauderwelsch, doch es hörte sich trotzdem an wie unsere menschliche Sprache. Und ganz speziell die Sprache unserer Familie. Mit allen Emotionen. Sie modulierte ihre Stimme personen- und situationsbezogen. Läutete das Telefon, telefonierte auch Eule. In ihrem fragenden „Hm?" erkannte ich mich wieder. Sie quiekte wie mein jüngster Sohn, sie schimpfte, sie lachte....unser komplettes Familienleben spiegelte sich akustisch in ihrem Geschnatter wider. Oft klingelten Nachbarskinder bei uns, um den komischen Vogel zu sehen. Der kam dann erst richtig in Fahrt. Je mehr Zuhörer, umso besser. Aus unserem Papagei wurde ein Plappergei. Da Eule nicht nur mit Menschen leben sollte, schenkten wir ihr Hermann, einen Blaustirn-Amazonerich. Im Gegensatz zu Eule war er männlich schweigsam.

Die Zeit verging und es wurde ruhig bei uns im Haus. Die Kinder verbrachten viel Zeit bei Freunden. Wir veränderten uns beruflich, sahen wenig Gelegenheit, den Vögeln ihr Forum zu bieten. Die beste Lösung war, für die beiden einen guten Platz mit viel Betriebsamkeit zu suchen. Wir fanden ihn in einer Gärtnerei mit angeschlossenem Café und vogelerfahrenem Besitzer. Kunden kamen und gingen, hier würden die Papageien weiterhin ihre Bühne für den großen Aufritt haben. Einige Wochen später besuchten wir wieder das Café. Aus dem angrenzenden Wintergarten drang eine vertraute Stimme. Und die produzierte eine Geräuschkulisse, die uns sehr bekannt vorkam. Zwischen Ficus und Orchideen wurde unser Familienleben akustisch ausgebreitet. Unser Lachen, unser Streiten, all das drang durch die Grünpflanzen an die belustigen Ohren der kaffeetrinkenden Gäste, die sich köstlich amüsierten. Wir blieben ganz still und sahen uns nur an. Denn wir wussten, was die anderen zum Glück nicht wussten....

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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