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Ein problematischer Nachbar

Ein problematischer Nachbar

Frohen Mutes trat Engelbert vor die Tür ins Freie – und musste dann bemerken, dass eine Nässe versuchte, sich seine Zehen anzueignen. Was ihn nicht verwunderte.

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Quelle: Siegfried Klaus

Denn Engelbert stand in einer Pfütze. Wobei mit Pfütze die Lache sehr mild beurteilt war. Es war schon fast ein kleiner See mit Wachstumspotential. Engelberts „Oh nein!" kam aus tiefster Seele und wurde erweitert um ein inbrünstiges „Nicht schon wieder!". Denn Engelberg ist leidgeprüft. Deshalb ahnte er es bereits. Er holte sich schicksalsergeben seine Gummistiefel und platschte damit in Richtung Bach.

Engelberg lebt in einer Gegend, die man als malerisch bezeichnet, fernab von großen Städten, am Rande unberührter Natur. Ein Bachlauf begrenzt seinen Garten, Wiesen schließen sich an und münden in ein Wäldchen ein. Engelbert wohnt gerne hier. Sein Haus liegt außerhalb der Ortschaft, so genießt er große Ruhe. Doch nicht nur er fühlt sich hier wohl, seit einiger Zeit ist noch jemand da, der das Gelände favorisiert. Und über diese Nachbarschaft ist Engelbert nicht durchweg erfreut. Mit angebrachtem Fatalismus stapfte er nun durch den nassen Garten und hinunter zum Bach. Hier kam er nicht umhin zu erfassen, dass die Fließgeschwindigkeit des Wassers zum Erliegen gekommen war, stattdessen glänzte ihm die Fläche eines Sees entgegen und ergoss sich in seinen Garten. Hatte er anderes erwartet? Wie soll ein Bach auch reagieren, wenn man seinen Durchlauf durch einen Damm verhindert. Dieser Biber!

Engelbert entfuhr ein Fluch. Sein problematischer Nachbar hatte Wertarbeit geleistet. Der Dammbau war perfekt wie immer. Engelbert konnte nur seufzen und machte sich an die Arbeit. Räumte vorsichtig Äste zur Seite, löste Stämme aus der Verankerung und reduzierte die Barriere, behutsam und bedacht, bis das Wasser wieder floss. Engelbert mag Biber, er findet die großen Nager nett. Daher war er auch erfreut, als sich eines Tages der Grundstock eines Dammes in dem Gewässer zeigte. Zuerst dachte er an Treibholz, dann wuchs und wuchs das Stauwerk und es war zu erkennen, dass hier ein Biber begonnen hatte, sich seine Burg zu bauen. Zeigte sich Engelbert noch amüsiert über den Schwund an Ästen, die er kürzlich abgesägt und gestapelt hatte, um sie als Feuerholz zu nutzen und von denen sich der Biber wie selbstverständlich bediente, so wich seine Belustigung, als er eines Morgens den Stamm eines Apfelbäumchens mit dem Look einer Sanduhr versehen sah. Es war die typische Biber-Methode, einen Baum zu fällen.

In Engelbert kam die Ahnung auf, dass diese Nachbarschaft nicht immer entspannt bleiben würde. Er sicherte in weiser Voraussicht alle weiteren Bäume mit Draht. Dann kam die erste Überschwemmung, er hätte es wissen müssen. Engelbert hat nicht den Willen, in einer Arche zu wohnen, deshalb brauchte er fachmännischen Rat und suchte Biberberater und Biberbeauftragte auf. Es war viel Hin und Her und er bekam die Erlaubnis, den Dammbau zu regulieren und schadenabwendend zu begrenzen. Doch oft ist Engelbert zu langsam mit seiner Prophylaxe. Dann breitet sich der Bach in seinem Garten aus. Ein Biber möchte stauen, das findet er gut und richtig. Engelbert möchte trocken wohnen, das findet er seinerseits gut und richtig. Er hält sich an Gesetze, doch der Biber macht das nicht. Er darf die Wiese fluten, nicht aber Engelberts Garten.

Es kam zum Interessenkonflikt. Der Biber staute weiter, vorzugsweise in Richtung Garten. Engelbert entstaute – wer würde am Ende den Wettlauf gewinnen? Engelbert hofft auf den Sieg. Der Biber setzt auf Dickfelligkeit, die in der Tat gegeben ist. Sein Fell zählt zu den dichtesten, die die Tierwelt vergeben kann. Folglich dringt der Unmut gar nicht zu ihm durch. Die Vorwürfe perlen an ihm ab wie das Wasser von seinem Pelz. Ihm ist daran gelegen, sich ein neues Revier zu erschließen. Es war nicht länger Raum für ihn in seiner Ursprungsfamilie. Als Jungtier wurde er versorgt, umhegt und gepflegt von den Eltern, dann, in die Adoleszenz gekommen, musste er sich selber um einen Platz im Leben bemühen. Und den sieht er in Engelberts Garten. Nun ist der Wettstreit entbrannt. Das Ende ist noch offen, der Burgfrieden nicht in Sicht. Doch wenn Engelbert ehrlich ist, dann muss er sich selber eingestehen, dass er den Biber, zöge der weiter, doch sehr vermissen würde.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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