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Eine kleine Nachtmusik

Eine kleine Nachtmusik


Was war das für ein Zwitschern, das da nachts aus dem Zimmer drang? Ein monotones, höchst intensives Vogelgezwitscher.

. Man konnte es beim besten Willen nicht überhören. Und so wurde Katjas schlafendes Ohr durchdrungen von diesem Lärm, was sie spontan und irritiert aus dem Bett springen ließ. Zumal das Geräusch aus dem Zimmer kam, in dem Hausbewohner leben, die ihr sehr am Herzen liegen: die Meerschweinchen Romeo, Julia und Capulet.

Meerschweinchen sind ja ausgerüstet mit einem eigentümlichen Charme. Sie haben den Corpus einer Walze, lächerlich kleine Beinchen, zum Dahinschmelzen geeignete Knopfaugen und einen Blick wie die Karikaturen von Loriot. Man kann ihnen schlecht widerstehen. So hatten sich die kleinen Nager im Eiltempo auch in das Herz von Katja gequiekt und sie gibt ihnen nun ihre ganze Liebe, angereichert mit frischen Salatblättern, saftigen Gurken und duftendem Heu. Und jetzt zwitscherte dort jemand im Zimmer ihrer Lieblinge in einer solchen Lautstärke herum. Was war das für ein rücksichtsloser Vogel?

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, hätte Shakespeare getippt. Doch es klang weder nach Nachtigall noch nach Lerche. Eher wie das Schimpfen einer genervten Amsel. Aber ob Nachtigall, Lerche oder Amsel - was machte ein Vogel im Haus? Wie war er überhaupt rein gekommen? Und warum fing er an, mitten in der Nacht vor den Meerschweinen ein Konzert zu geben? Zwar haben Nachtigallen die Lizenz zum nächtlichen Singen, aber das eher draußen im Granatapfelbaum, um bei Shakespeare zu bleiben.

Katja öffnete die Tür und das Geräusch verstummte. Sie schaltete das Licht ein. Nirgendwo war ein Vogel zu sehen. Seltsam. Die Loriot-Gesichter der Schweinchen blinzelten irritiert und verdutzt. Katjas Herz wurde geflutet von Zuneigung und Mitgefühl. Die armen kleinen Schweineseelen, mussten sie nicht erschüttert sein vor Angst und Bangen wegen des Lärms? Meerschweinchen sind schreckhafte Tiere. Man muss ihnen mit Zartgefühl und großer Ruhe gegenübertreten und sie nicht durch unkontrollierten Krach erschrecken. Die Schweinchen ließen sich willig trösten, was durch die Gabe eines Salatblattes kein großes Kunststück war. Dann ging Katja wieder ins Bett - zugegebenermaßen etwas verwirrt.

Nach einer Stunde war er wieder da. Dieser durchdringende Zwitscherton. Sogar noch lauter als zuvor. Katja sprang erneut aus dem Bett und lief ins Meerschweinchenzimmer. Nichts! Aus! Stille. Da Katja in einem ordentlichen Hause lebt und nicht in einem alten englischen Spukschloss, waren Gespenster nicht sehr wahrscheinlich. Die Ursache musste eine andere sein. Dann sah sie ihn! Den alten Wecker! Er stand im Regal und tat sehr harmlos, was an sich schon verdächtig war. Für Katja schien es klar: Das ist der Übeltäter! Sie entfernte zur Sicherheit die Batterien und legte sich beruhigt und zufrieden schlafen.

Und wieder fing es an zu zwitschern. Eine halbe Stunde später. Wie kann ein batterieloser Wecker wecken? Katja sprang erneut aus dem Bett. Doch diesmal ... Stopp! Leise, leise schlich sie sich zum bewussten Zimmer. Leise, leise öffnete sie die Tür. Und dann sah und hörte sie es und konnte es nicht glauben. Es war der kleine Capulet. Er produzierte Töne, wie Katja sie von ihm nie vermutet hätte und überhaupt nie von einem Schwein. Sie kannte das Quieken, Brummen, Gurren. Das ist die Meerschweinchensprache. Und nun auf einmal diese Laute! Capulet sang zwitschernd in die Dunkelheit hinein. Er sang mit tiefer Inbrunst. Sein runder Schweinchenkörper bebte vor Anstrengung und Konzentration. Es war seltsam und ergreifend. Noch nie hatte Katja so was gehört. Romeo und Julia saßen da wie versteinert. Ob vor Entzücken oder Entsetzen, das war nicht auszumachen. Capulet war ein Neuzugang, er war noch nicht ganz integriert. Wollte er daher Eindruck machen mit seinem nächtlichen Gesang?

Meerschweinchen haben keine Batterien und Capulet sang deshalb zu Ende. Dann war der Spuk vorbei. Die Schweinchen lösten sich aus der Erstarrung. Alles war so normal wie immer. Und wenn nicht in zwei weiteren Nächten das Singen wieder ertönt wäre, obgleich danach nie wieder, dann hätte Katja bestimmt gedacht, dass es ein Traum gewesen sein musste. Ein Traum von einem Meerschwein, das sang und zwitscherte wie ein Vogel. Karin Tamcke

 

Karin Tamcke

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